Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 82-83 (18.10.1900)
- Date
- 1900-10-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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41. Jahrgang. Erste Aeil. zu 82 & 83 des „Zsrael'il". Literarisches. Herrinann Löwinger, Prefrburger Ghettobilder, Main;, Hah. Wirth'sche Hofbuchbruck. 1900. Preis 1 Mt. Preßburg, das alte, liebe Preßburg und sein wenn auch seit Jahrzehnten offiziell aufgehobenes, in Wirklichkeit aber noch heute bestehendes Ghetto mit seinen charakteristischen Merkmalen, hat in Herrmann Löwinger, einem geborenen Preßburger, einen sehr gewandten, wahrheitsgetreuen und sachkundigen Beschreiber gefunden. Der verständnißvolle Leser wird aus jeder Zeile des sehr unterhaltenden Büchleins entnehmen können, daß sein Verfasser Selbsterlebtes, oft Liebgewordenes beschreibt, daß traute Jugenderinnerungen seine Feder geleitet haben. In den Kreisen des Preßdurger orthodoxen Jndenthnms herrscht heute noch wie schon vor Jahrhunderten, ein solch' originelles Leben und Treiben, das dies sog. „kleine Jerusalem" seinen Kindern sich ebenso unvergeßlich macht, wie es der Psalmist vom eigentlichen Jerusalem besingt. Und an dieser Unvergeßlichkeit haben Sonnenwie Schattenseiten säst gleichen Antheil. Das heutige jüdisch-wissenschaftliche Leben Preßburgs bekleidet ungefähr die gleichwichtige Volle, die im Mittelalter den jüdischen Gelehrten Spaniens zufiel, als Vermittler zweier verschiedenci Eulturwelten. In Preßburg berühren sich die Extreme des jüdischen Geisteslebens in oft seltsamster Meise. Man findet den eigentlichen „Chossid" neben dem alles bespöttelnden Neujuden, den Talmudgelehrten unb Forscher alten Schlages, der es als schwerste Sünde betrachtet, ein deutsches oder gar lateinisches Buch anzurühren, neben den kampfeslustigen Freunden moderner Bildung, man findet da Hunderte von Männern, die ausschließlich vom Gottvertrauen und von milden verschwiegenen Gaben ihr und der Ihrigen Dasein fristen. die nur mit Hellern rechnen, dabei aber Tag und Nacht „lernen" und scharfsinnigen „Pilpul" entwickeln, neben dem lebensfrohen Juden, den ein Börsenerfolg glücklicher mackst, als Dutzende von gelösten Widersprüchen in des Maimonides Schriften, kurz, Preßburg ist noch für Jahrunderte die Vorrathskammer für das traditionelle Judenthum; hier beginnen sich allmählich Judenthum, wirkliches traditionelles Judenthum und zeitgemäße Bildung miteinander zu befreunden, ohne daß das orthodoxe Judenthum hierbei irgendwelche Einbuße zu erleiden hätte, und darum wird hier der Beobachter stets lohnenden Stoff finden. Herrmann Löwinger ist ein solch' gewiegter Beobachter. Seine „Typen aus der Preßburger Judengasse," als Feuilleton bereits früher veröffentlicht, unterhalten den Leser in geistvoller Weise, ebenso seine „Jüdische Sagen und Alterthümer," während die gelungene Schilderung der Feier „Jüdischer Feste" sich nur mit Wehmuth, wie längstverschollene Klänge einer alten besseren Zeit, vernehmen läßt. Kurz, viel zu kurz für den überreichen und lohnenden, in das jüdische Leben der Gegenwart tief eingreifenden Stoff, behandelt er das „Leben und Treiben der Preßburger Jeschibah," doch auch das Gebotene ist der Wahrheit entsprechend, eine Skizze nach dem Leben, mit der der Verfasser ebenso unterhaltend wie belehrend wirkt. Löwinger's „Preßburger Ghettobolder" werden sich jedenfalls einen weiten Kreis von Freunden erwerben, den sie auch verdienen. Hohenems (Vorarlberg). Rabb. Dr. Tänzer. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 18. Okt. Von Interesse ist, namentlich im Hinblick auf mancherlei Vorgänge der letzten Zeit, die Wahlkonkurrenz zwischen Konservativen und Antisemiten, die bei der Reichstagsersatzwahl in Rinteln-Hofgeismar zu einem für die Antisemiten höchst unerfreulichen Ausgang geführt hat. Zwar wird die endgiltige Entscheidung erst in der Stichwahl fallen, aber die Antisemiten haben nur sehr geringe Aussichten, diesen Wahlkreis, der seit 10 Jahren zu ihrem Besitzstände gehörte, zu behaupten. Die Spaltung in der antisemitischen Partei ist jedenfalls nicht ohne Einwirkung auf den Ausfall gewesen, der aber gleichzeitig auch ein unzweifelhaftes Dokument für den antisemitischen Niedergang überhaupt ist. Es handelte sich diesmal um den Liebermann'schen Flügel, der ja den Konservativen besonders nahesteht; es ist ihm aber trotzdem nicht gelungen, den konservativen Wettbewerb zu hindern, und er hat zudem noch den Schmerz erleben müssen, daß der Bund der Landwirthe gegen ihn zu Gunsten der Konservativen Partei genommen hat. Die antisemitische Stimmenzahl ist auf diese Weise gegen das Jahr 1898 von 6036 auf 2363 zurückgegangen. Allerdings waren in jener Zahl die konservativen Stimmen mitenthalten; aber auch beide zusammen haben nur rund 4989 Stimmen erlangt, also über 1000 weniger, als vor zwei Jahren. Die Antisemiten allein haben früher zumeist erheblich größere Stimmenziffern erreicht: 3836 im Jahre 1893, dann bei der bald darauf folgenden Nachwahl 4419. Der antisemitische Rückgang läßt sich also aus feinen Fall wegleugnen.