Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 98 (10.12.1900)
- Date
- 1900-12-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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' 3049 Entrüstet fuhr Rosa auf: „Den Feind unseres Vaterlandes, vielleicht gar den Mörder meines unglücklichen Bruders?" „Dies letztere kann er nicht sein," erwiederte Anna. „Denn er ist nicht als Kämpfer in's Feld gezogen, sondern als Retter: er hat keine Wunden geschlagen, sondern versucht, solche zu heilen." Rosa athmete erleichtert auf, wehrte aber den Verdarbt, als ob sie sich für den Doktor besonders interessirte, entschieden von sich. Auch der junge Doktor beschäftigte sich in Ge danken viel mit seiner reizenden Wirthin, mehr, als ihm eigentlich selber lieb war. Denn zu Hause, im schönen Dchlesierlande, harrte ein gar liebliches Mädchen seiner Heimkehr, nämlich seine Base Deborah, kurzweg Dora genannt, ein Mädchen, welches alle körperlichen und geistigen Eigenschaften vereinigte, welche einen Mann beglücken konnten. Die waren beide bei ihrer Tante Hanna ausgewachsen und durch gegenseitige Neigung sowohl als dem offen ausgesprochenen Herzenswünsche der Tante, hatten sich die Beiden daran gewöhnt, sich als zusammengehörig zu betrachten, ivenn auch die offizielle Berlobung immer wieder aufgeschoben wurde. Erst sollte der junge Mediziner seine Studien vollenden, dann war es wieder angezeigt, daß der eben promvvirte Doktor einige Zeit an verschiedenen Kliniken vraktiziere, che er sich binde, dann sollte er seiner Militärpflicht genügen, und gerade, als man daran ging, das für einander geschaffen scheinende Paar zu verbinden, brach der Krieg aus, und alles eilte herbei, seine Pflicht dem Vaterlande gegenüber zu erfüllen, so auch Doktor Goldenkron. Die Verlobung wurde wieder bis nach beendeten! Feldzuge verschoben. Seit kurzem jedoch verblaßte allmählich das Bild des ihnr zugedackten Mädchens in seinem Herzen. Ein Zwiespalt war in ihm entstanden, den er sich auf keine Weise erklären konnte, und zwar waren es zwei Mädchengestalten, welche abwechselnd seinen Geist, tvenn nicht gar sein Herz gefangen nahmen. Bald zauberte ihm seine erregte Fantasie jenes reizende blondgelockte Mädchen mit den fröhlichen, vor Lust blitzenden Augen und dem holden Lächeln auf dem glückstrahlenden Antlitze vor Augen, zu dessen Bild er auf solch wunderbare Weise gekoinnren, bald wieder fesselte ihn der stille Zauber, der holde Liebreiz und die sinnige Schwermuth der jugendlichen Haustochter, und die Erinnerung an sein? verlassene Dora trat dabei immer mehr in den Hintergrund. Im Grunde genommen waren die beiden Frauen gestalten, mit denen er sich im Geiste so viel beschäftigte, so grundverschieden, und doch gab es Momente, wo fick) ihm eine Aehnlichkeit zwischen ihnen aufdrängte. J Das Original jenes Bildes, das er so sorgfältig j vor jedem unberufenen Blicke zu hüten verstand, mußte j ein heiteres, lebenslustiges Ding sein, mit lachenden, glückstrahlenden Augen, während Rosa's Augen solche waren. welche sich nach des Dichters Worten, im Weinen übten. Der bittere Zug um den Mund, der Rosa's Physiognomie ein solch' eigenthllmliches fesselndes Gepräge verlieh, fehlte auf dem kleinen Bilde gänzlich. Das Bild verrieth die liebenswürdigste Heiterkeit, den glücklichsten Frohsinn. Selbst die Haartracht war eine andere auf dem Bilde, wie sie Rosa trug. Dort neckische Löckchen über der glatten Stirne, hier volle blonde Zöpfe, welche krouenartig das schöngeformte Haupt umgaben. Kurz, das Bildchen verkörperte bei gleichem Liebreiz, die glückliche sorglose Jugend, während Ro sa's Person den Ernst ausdrückte, der über ihre Jugend gefahren. Und doch, so unerklärlich es ihm auch war, diese beiden Frauengestalten schmolzen ihm zuweilen in eine Einzige zusammen, vor derem berückendem Liebreiz die Erinnerung an die ferne Dora immer mehr und mehr verblaßte. Erschrocken fuhr der Doktor gar oft aus seinem Nachdenken hervor: unzufrieden mit sich selber, schalt er sich einen Undankbaren, Wortbrüchigen, Treulosen. „Vergib mir. Du holder Engel, der Du von Kindheit an so viel Liebe mir bewiesen, daß ich nahe daran bin. Dir im Geiste untreu zu werden. In Wirklichkeit werde ich es niemals werden. Schon Deinetwegen nicht, Du gute Tante Hannah! Du hast den Waisenknaben in Dein Haus genommen, so treu gepflegt, so liebevoll behandelt, wie es keine wirkliche Mutter besser gethan batte. Dem Allein die Krone aufzusetzen, legst Du vertrauensvoll Dein höchstes Gut, Dein so zärtlich gehegtes Kleinod, in ineine Hände, und ich sollte dessen unwürdig mich zeigend' Und das würde ich auch zweifellos, ivenn ich wie biser meinen Geist und meine Fantasie mit diesen beiden Mädchen beschäftigte, welche ein sonderbarer Zufall mir in den Weg gestellt, die eine im Bilde, die aridere m Poesie. Weicht von mir, Ihr Phantome, ich bin ein Mann und iverde Euch mit Mannesmuth bekämpfen, und hoffentlich überwinden." Mit solch guten Vorsätzen gewappnet betrat er gewöhnlich das Sveisezimmer, aber all' diese festen Vorsätze scknnolzen alsbald dahin wie Schnee in der Sonne, ivenn er in die schiverinüthigen Augen Rosa's blickte und die stille Trauer beobachtete, welche über dem Wesen und dein ganzen Tbnn des lieblichen Mädchens gebreitet >oar. In solchen Momenten wäre er fähig gewesen, zu ihren Füßen Hinzustürzen und seine Liebe zu gestehen. Uneins mit sich selber und unzufrieden kehrte er eines Tages naeb genreinsam eingenommenem Mittagsmahl? in sein Zimmer zurück. Anna, das Sprühteufelchen, ivie er sie nannte, hatte bei Tische ein heiteres Erlebniß erzählt, eines jener köstlichen Mißverständnisse, wie sie jetzt während der Kriegszeit häufig vorzukommen pflegten, wenn die Soldaten, welche außer dem geläufigen: Hezkeholka,*) ivelches sie sofort erlernten, kein einziges, ezechisches *) Schönes Mädchen.