Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 98 (10.12.1900)
- Date
- 1900-12-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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4L Jahrgang. M »8. Der Israelit. Ein Kenlrak-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von »r. in Htnini- Montag, Ven 10« Dezember 5661 (I960)« leitender Artikel Meine schwerste Sorge, P o n einem Land m a n n. Meine schwerste Sorge bereitet mir der Gedanke an die jüdische Erziehung meiner Kinder. Ich möchte dieselbe nach dem bewährten Rathe jüdischer Weisheit hier öffentlich aussprechen und mir so vielleicht Erleichterung verschaffen, indem ich sie mir vom Herzen herunter rede. Wenn diese Zeilen auch gar keinen anderen Erfolg hätten, als daß ich durch sie Genossen für meinen Schmerz fände, die ihn verstehen, theilen, und die mir im Geiste die Hand reichen, so wäre damit Vieles erreicht. Und das sollte doch nicht so schwer sein. Genau in derselben Lage wie ich, sind doch viele andere. Dieselbe Sorge, vielleicht etwas mehr oder weniger intensiv, muß sie wie mich beschäftigen. Was der Eine Gutes denkt und erstrebt, kommt dem Anderen zu Gute. Hier ist das Bewußtsein, Schicksalsgenossen zu haben, kein halber Trost, sondern in den Genossen, welche dieselbe Sorge drückt, liegt die Garantie ihrer Linderung und vollkommenen Beseitigung. Was mich drückt, was mir fehlt, was ich bereits besitze und was mir noch zu erstreben bleibt, möchte ich hier schlicht und Plan aussprechen. Um sicher von Denjenigen verstanden zu werden, die in der gleichen Lage sind, werde ich Borkommnisse und Erfahrungen aus dem täglichen Leven zum Vergleiche herausgreifen, und nicht davor zurückschrecken, daß sie der gebildete Leser vielleicht trivial und hausbacken findet. Ich habe nicht den Ehrgeiz, Neues und bis dahin Unerhörtes in diesen schlichten Zeilen zu bieten. Im Gegentheil wäre ich glücklich, wenn diejenigen, an deren Adresse sich diese Worte richten, darin nichts Neues fänden und diese Zeilen mit den Worten aus der Hand legten: DaH Alles ist uns nicht neu, das haben wir seit Jahr und Tag in derselben Weise empfunden und sind auch ebenso von der unabweisbaren Pflicht durchdrungen, hier Mandel zu schaffen. Wenn ich den Gegenstand meiner Sorge präcisiren und das, was ich hier unter jüdischer Erziehung verstehe, in Kleingeld wiedergeben möchte, so glaube ich das am kürzesten durch Anlehnung an einen Ausspruch ganz gewöhnlicher Krämerweisheit zu können, mit dem ein hiesiger Geschäftsfreund mir einen Einblick in sein inneres Leben gestattet hat. Es ist dies ein Mann, der sich aus kleinen, ärmlichen Verhältnissen in Ehren emporgearbeitet hat und heute zu den Wohlhabenden oder doch gut Situirten gehört. Als dieser kürzlich seine jüngste Tochter verheirathet hat, sagte er mir, wie er als Vater einer großen Familie in den ersten, heißen Jahren seiner geschäftlichen Thätigkeit oft vom Himmel die Gnade erbeten habe, es möge ihm vergönnt sein, so lange bei seinen Kindern zu bleiben, bis sie auf eigenen Füßen stehen und soweit im Geschäft ertüchtigt seien, daß sie selber für ihr Auskommen sorgen könnten. Dieses Ziel sei jetzt erreicht, seine Töchter seien versorgt, seine Söhne stünden selbstständig da und er habe billigerweise nach dieser Seite hin nichts mehr zu wünschen, sondern nur Gottes Gnade zu danken, daß ihm die Erfüllung dieses Lebenswunsches gewährt worden sei. Was dieser Mann für die geschäftliche, materielle Zukunft seiner Kinder wünschte, möchte ich für die geistige, sittliche und jüdische. Ich möchte ihnen eine Erziehung geben, daß sie in meinem Sinne weiter leben, auch wenn ich nicht mehr mahnend und unterweisend ihnen zur Seite stehen kann. Wie man das ansängt, darüber bin ich so wenig im Zweifel, wie mein merkantilisches Vorbild. Dieser hat seine Söhne praktisch in sein Geschäft eingeführt und hat sie vorher in Schulen und später in Fortbildungsschulen geschickt, in welchen sie Schreiben, Rechnen, Buchführung, Sprachen und andere Handelswiffenschaften sich ange-