Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 79 (1.10.1900)
- Date
- 1900-10-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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er überhaupt nicht. Aber auch Herrn.und Frau Münz gegenüber hatte er geschwiegen. Er ging nach wie vor in der Frühe weg. kam zu Tisch und ging dann wieder. Wer weiß, wo er sich unihertreiben mochte! Frau Münz, der ich die Nachricht von Spier's Stellenlosigkeit gemeldet hatte, war ja schon längst über sein spätes Nachhausekommen ungehalten und sagte öfter zu mir, wenn das so weiter gehe, werde sie Spier kündigen. „Und jetzt hat er sogar mit der Polizei zu thun!" klagte sie. „Das braucht Sie nicht auszuregen!" tröstete ich die Frau, „mit der Polizei haben oft die unbescholtensten Menschen zu thun! Es kann sich nur um etwas ganz Harmloses handeln — Legitimation — Militärgeschichten — ober ähnliches!" Gleich nach Tisch ging Spier wieder weg. Er wolle sofort auf der Polizei Nachfragen, was eigentlich los sei, hatte er zu Frau Münz gesagt. Aber mit Bescheid darüber gleich zurüelzukommen und die aufgeregte Wirthin zu beruhigen, das schien ihm nicht einzufallen. Er blieb fort wie immer. Ich selbst hatte Nachmittags einige Stunden gut geschlafen und war gegen sechs Uhr neugestärkt wieder aufgewacht. Ich dachte schon daran, vielleicht doch noch auf zwei Stunden in's Geschäft zu gehen, als es klingelte und gleich darauf ein großer, starker Herr zu mir in das Zimmer trat. „Guten Tag!" sagte er laut, „habe ich die Ehre. Herrn Leo Gottschalk zu sprechen?" Ich hatte mich vom Sopha erhoben. „Der bin ich!" erwiederte ich. Da öffnete der Herr leicht die Knöpfe seines Ueberziehers und, mir eine glänzende runde Metallmarke zeigend, sagte er: „Ich bin Kriminalbeamter und muß Sie bitten, mich zu begleiten!" Ich stand zuerst wie gelähmt. Was war denn das? „Sie verhaften mich?" brachte ich endlich mühsam hervor. „Ich habe den Auftrag dazu!" lautete die höfliche Antwort des Beamten. „Aber — um Gottes Willen — weßhalb denn?" „Darüber werden Sie früh genug aufgeklärt werden!" „Aber-- ich habe doch nichts verbrochen!" „Um so besser —! Das wird sich dann Herausstellen. -— Jetzt bitte ich Sie, mir zu folgen. Wir werden ganz unaüffälliq nebeneinander hergehen — wie zwei Bekannte!" Ich wußte kaum noch, was ich that. Mechanisch machte ich mich zurecht und trat an der Seite des Kriminalbeamten den Gang an. zu dem er mich aufgefordert hatte. Eine Viertelstunde später saß ich in einer Zelle des Untersuchungsgefängniffes zu M. Später habe ich mich immer darüber gewundert, wie schnell nach dem ersten Schrecken über dieses unvermuthete Geschick, das mich traf, die Ruhe wieder in meine Seele einzog. Kaum hatte sich die Zellenthüre hinter mir geschlossen, so legte sich auch meine Aufregung. Es war mir klar, daß bei dieser meiner Verhaftung ein Mißverständniß obwalten müsse, ein Jrrthum, ein Zufall! Ich batte doch keine Schuld auf dem Gewissen, deren Folge diese Verhaftung hätte sein können! Ich war doch kein Verbrecher! Auch nicht der geringsten Unregelmäßigkeit war ick mir bewußt, durch die auch nur der Schein eines Vergehens auf mich zu fallen vermochte! Ob Berthold Spier's Citirung nach der Polizei mit meiner Verhaftung in Beziehung stand? Nein! Das war unmöglich! Ich batte ja nichts, gar nichts mit diesem Menschen mehr zu schaffen! Es war gewiß nur ein zufälliges Zusammentreffen. Nun, lange konnte es nicht dauern, so mußte mir über all das Aufklärung werden. Das Bewußtsein meiner Schuldlosigkeit ließ mich dem, was kam, mit Ruhe und Gleichmuth entgegensehen. So hatte ich etwa eine Stunde, in dem kahlen Raum auf- und abgehend, simulirt, als die Thüre aufgeschlossen wurde und ein uniformirter Beamter zu mir erntrat. Ich schrat zusammen. Den Mann kannte ich. Noch aber war ich mit mir nicht im Reinen darüber, woher ich ihn kannte — da rief er auch schon, mir mit höchster Verwunderung in's Antlitz starrend: „Herrgott nochmal! Was ist denn das? Sie — hier?" Beim Klange seiner Stimme kam mir wie ein Blitz die Erinnerung: Es war mein Reisegefährte aus dem Unglückszug, der mich so eigehend nach der Bedeutung der Tefillin gefragt und mit dem ich mich dann so gut unterhalten hatte. „Ja, lieber Freund," erwiederte ich ihm, „ich wundere mich eben so sehr, wie Sie darüber!" „Aber das ist doch unmöglich!" rief er, förmlich aufgeregt, „S i e haben doch nichts angestellt!" „Hab' ich auch nicht!" „Na, das will ich meinen! Ein so frommer Mensch, der sogar im Eisenbahnkoupee sein Gebet verrichtet und seine Gebetriemen anlegt, der ist wahrhaftig kein Verbrecher! Dafür leg' ich meine Hand in's Feuer!" Mir kamen die Thränen. Die Begeisterung, mit der dieser einfache Mann von meiner Unschuld sprach, rührte mich tief. Seine Worte aber weckten in mir wieder den Gedanken an die Schowuaus-Nacht auf, in der ich vom geraden Wege abgewichen war. Ich verdiente das Lob ja nicht, das ich da hörte. Wer weiß — die Idee stieg jetzt zum ersten Male in mir auf — wer weiß, ob dieses Mißgeschick nicht bereits die Strafe Gottes für meinen Abfall ist!