Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 78 (27.9.1900)
- Date
- 1900-09-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1603 Und nach einem kurzen „gute Nacht" ging ich. „Das kann doch nichts Schlechtes sein!" tönte es in meinem Innern wieder, als ich durch den duftenden Garten dem Hause zuschritt. Aber mein Gewissen hieß diese Worte nicht gut, und wie ein Wortbrüchiger kehrte ich von meinem Sündengang zurück. Oben war man gerade mit dem „Lernen" fertig. Ich konnte also heute nichts mehr nachholen. Einzelne Herren verabschiedeten sich gerade von Herrn Fromann, andere thaten sich noch ein wenig an den Schalen mit Obst und Konfekt gütlich, die auf der Tafel standen. „Sagen Sie mal, Gottschalk," rief mir mein Chef zu, als er mich erblickte, „waren Sie vielleicht eben oder vor etwa einer halben Stunde im Komptoir unten?" Ich fühlte, wie mir das Blut zu Kopfe schoß bei dieser Frage. Was sollte sie bedeuten? Ich war völlig verwirrt, als ich die prüfenden Augen Herrn Fromann's auf mich gerichtet sah. „Im Komptoir?" wiederholte ich verwundert, „nein!" ./Also hat der leichtsinnige Junge doch nicht zugeschlossen!" stellte Herr Fromann fest, zu Herrn Meyer gewendet, der neben uns stand. Mir lvar all das ein Räthsel. Herr Fromann fuhr fort: „Vor etwa einer Stunde schicke ich den Jungen, den Karl" — das war einer unserer Lehrlinge, der gleichfalls dem „Lernen" beiwohnte — „hinunter in's Komptoir, mir das Thenach heraufzuholen. das ich unten stehen habe. Ich gebe ihm meine Schlüssel und er bringt mir prompt das Buch herauf. Jetzt eben trägt er das Buch wieder hinunter und kommt mit der Botschaft zurück, er habe die Komptoirthllre blos angelehnt gefunden; er habe vorher ganz bestimmt »nieder fest zugeschlosten, es müsse inzwischen jemand Anders im Komptoir gewesen fein. Ich rede ihm in das Gewissen, er solle sich genau besinnen! Nein, er blieb dabei, die Thüre geschlossen zu haben. Nun dachte ich, vielleicht »vären Sie-" „Aber nein." stieß ich hervor, „ich trage doch am Jamn tautv meine Geschäftsschlüssel nicht bei mir!" „Schade, daß der Junge schon fort ist, ich hätte Sie ihm gerne gleich gegenüber gestellt! So etwas von Leichtsinn >var noch nicht da!" Herr Fromann war sehr zornig. „Uebrigens," fuhr er etwas ruhiger fort, „ich glaubte um so eher, daß Sie unten waren, als mir Karl einen Ihnen gehörigen Brief brachte, den er im Komptoir auf dem Fußboden hat liegen sehen!" Und mein Chef zog ein weißes Couvert aus der Tasche, welches thatsächlich an niich adressirt war und einen vor wenigen Tagen an mich gelangten Brief meiner Eltern enthielt. Ich war durchaus nicht verblüfft. „Wahrscheinlich ist mir das Couvert gestern vor Geschäftsschluß entfallen!" sagte ich und nahm das Papier an mich. Der Zwischenfall war erledigt und auch ich wandte mich lvie die übrigen Gäste zum Gehen. „Also morgen werden Sie gaumel benschen!" erinnerte mich Herr Fromann beim Gutenachtsagen nochmals. Ich zog im Corridor meinen Paletot an und wunderte, nachdem ich mich von meinen Begleitern verabschiedet hatte, durch die morgenstillen Straßen meiner Wohnung zu. Es war doch etwas kühl in dieser Sommerfrühe. Behaglich senkte ich meine Hände in die Taschen meines Paletots. Da — — was war das? Aus der rechten Tasche zog ich meine Geschäftsschlüssel hervor! Wie kamen die dahin? Ich pflegte sie doch regelmäßig vor Sckabbos und vor Jaum tauw sorgfältig zu Hause in meine Schatulle zu legen! Sollte ich es diesmal vergessen und sie im Paletot mit mir getragen haben? Ein Wunder wäre es nicht bei der konstanten Aufregung, in der ich mich diese Tage her befunden hatte! Ich besann mich hin lind her. Bald glaubte ich genau zu wissen, daß ich auch gestern die Schlüssel abgelegt hatte, bald lvar ich wieder zweifelhaft. Wie sollten sie denn auch jetzt hierher kommen? Ein unbehagliches Gefühl begann mich zu beschleichen. Noch wirkte die Verwirrung über Herrn Fromann's Frage von vorhin in mir nach — der verlorene Brief gab mir auch zu denken— und nun — die Schlüssel-! Mir schwirrte der Kopf, als ich meine Stube betrat. Berthold Spier schlier bereits fest. Der Mensch konnte schlafen mit seinen Sorgen im Herzen! Oder sollte ihm seine Lage keine Sorge verursachen? Sonst war auch er in dieser Nacht mit mir vom „Lernen" nach Hause gegangen. Es war alles anders geworden. Und ich? War denn bei mir noch Alles so, wie früher? Die mahnende Stiinnle des Gewissens erwachte auf's Neue in mir. Hatte ich denn „gelernt" in dieser Nacht?? Ich vermochte nicht zu schlafen. Mit offenen Augen lag ich zu Bett und sah, wie die Morgendämmerung dieses Schowuaustages langsam heranschlich. Die bedeutungsvollste Nacht meines Lebens hatte ich hinter mir. Es war ein unbeschreiblicher Moment für mich, als ich am Vormittag in der Synagoge vor der geöffneten Thorarolle stand und angesichts der ganzen Gemeinde dem rettenden Gotte dankte, der mir „alles Gute durch seine wunderbare Hülfe vergolten." In meinem Innern klaffte ein entsetzlicher Zwiespalt. Der Schritt vom Wege, den ich diese Nacht gethan, allen mahnenden Stimmen zum Trotz, die in mir