Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-12-06 · Heft 97 (6.12.1900) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 97 (6.12.1900)
Date
1900-12-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449139--52120-2502163
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2029 Zeitungsnachrichten und lsorrespondenzen. x Deutschland. Main,;.! F'Lil^ELir haben vor Jahresfrist bereits darauf aufmerksam gemacht, daß man bei Bezug von auswärtigem Geflügel mit Vorsicht verfahren muß. Unter dem Deckmantel eines sog. bieten ausländische Geslügelhändler ihre Waare feil. Es wird bei mäßigem Preise echtes Kaschruß und die gelvissenhafteste Fürsorge für rjyc mzw, Ausnehmen und Koschermachen verbürgt. In jüngster Zeit hat eine Geflügelhandlung in — Ungarn, unter der Flagge „Mastgeflügelanstalt", ganz Deutschland und die Schweiz mit ihrem Zirkular unsicher gemacht. An uns sind eine ganze Reihe Anfragen eingelaufen über die Verläßlichkeit dieser Firma; wir haben an kompetenter Stelle in Ungarn Erkundigungen eingezogcn und die Antwort, die wir erhalten, bestätigt leider nur zu sehr das Mißtrauen, das wir gegen unbekannte Firmen hegen. Die stehe nicht unter orthodoxer Aufsicht, Schochet und Rabbiner gehören zur ncologen Gemeinschaft und genießen für orthodoxe Juden freilich nicht das Vertrauen. Alle anderen aber, die sich mit der Sache befassen — und nicht zum wenigsten der Besitzer selbst — kümmern sich um das Judenihum gar wenig und betreiben das Ganze nur als Ge schüft. Das Lustigste und Traurigste der ganzen Angelegenheit ist aber, daß in der sog. Geflügelmastanstalt nicht allein Geflügel, sondern auch — Schweine gemästet werden. „Schweinemastanstalt" ist auch der offizielle Titel und das Hauptgeschäft des Besitzers der sog. Geflügelmastanstalt. Alle diejenigen, die das mit hebräischen Brocken so reich besäte und mit Abbildung einer Gefliigelmastanstalt versehene Eireular erhalten, wissen also, woran sie sind. Gleichzeitig mit dieser Auskunft, die wir, wie erwähnt, von zuverlässiger, hierzu bemächtigter Seite in Ungarn erhalten, wird uns eine Bezugsquelle angegeben, die über jeden Zweifel erhaben ist. Die Adresse lautet: S. K r a n s z, Rabbiner der orthodoxen Gemeinde in Nagy-St. Miklos, Ungarn. Herr Rabbiner Krausz unterzieht sich der Mühe, den Versandt von Geflügel persönlich und auf eigene Rechnung zu besorgen, um dadurch Jedem Gelegenheit zu geben, Geflügel aus Ungarn zu beziehen, das wirklich koscher ist und Viele von rv^rxc fern zu halten. Mninz, n. Dez. Im Anschluß an seine Depesche sendet uns Herr Ob.-Rbb. Sam. Satan t-Jernsalem ein Schreiben, in welchem er die herrschende Noth und allgemeine Calamität schildert, die in Folge verschiedener schlverer Krankheitsevidemieen über unsere armen Glaubensbrüder in der heiligen Stadt Jerusalem ausgebrochen ist, mit der dringenden Bitte, alle wohlthätigen und edlen Glaubensgenossen zur kräftigen Unterstützung dieser Unglücklichen aufzufordern. Angesichts dieses von competentester und glaubwürdigster Seite gemeldeten großen Elends unserer bedauernswerthen Brüder und Schwestern in Jerusalem, bedarf es unsererseits gewiß keiner weiteren Worte der Aufforderung, um alle diejenigen, die noch ein warmes Herz für jedes Elend und namentlich für das in der heil. Stadt haben, zu neuer, nachhaltiger und schleunigster Hilfe zu veranlassen. Berlin, 2. Dez. (D a s Blut m ä r ch e n.) Unter obigem Titel bringt die „Berliner Morg.-Ztg." in der Rubrik „Meinungsaustausch" ein Eingesandt aus Leserkreisen, F. in P. unterzeichnet, das zu interessant ist, als daß es weiteren jüdischen Kreisen vorenthalten werben sollte. Einsender schreibt: „Welche Folgen das Blutmärchen gezeitigt hat. mag folgender, kaum zu glaubender, aber wahrer Vorfall beweisen: In einem sonst recht friedlichen Städtchen Hinterpommerns hielt der Antisemitismus seinen Einzug. Es ist allbekannt, daß er seine giftige Saat gern dort verstreut, wo er nur einen empfänglichen Boden findet. Es ist ihm auch ganz einerlei, ob daraus dem Orte Nachtheil erlvächst oder nicht. Die Hauptsache ist ihm nur, in jeder Weise gegen die jüdischen Mitbürger zu hetzen. Selbst die unschuldigen Gcmüther der Schulkinder werden durch Wort und Schrift in Mitleidenschaft gezogen. In einer Schule sollte eine Schulinspektion statt, linden. Allerdings scheinen die Kinder vorher nichts davon gelvußt zu haben. Aus einer Klasse mußte sich der betr Lehrer aus eine kurze Zeit entfernen. Gerade in diesem Augenblicke erscheint in der Klasse der alte, ehrwürdige Schulrath, seines Amtes zu . walten. Sowie er aber in die Klasse tritt, begrüßen ihn die Kinder mit einem entsetzlichen Angstgeschrei. Es enE stebt ein ängstliches Drängen, ein Wimmern nnt> ein Heulen, daß der Schulrath ganz verblüfft dasteht. Auch in den anderen Klassen wird das Geschrei gehört. Nun eilt der betreffende Klassenlehrer herbei und es glückt ihm endlich, seine Klasse zu beruhigen. Auf die Frage, was denn eigentlich geschehen sei, erhält er jammernd und verängstigt die Antwort: „Der alte Jud' tauft Kinder zum Abschlachten auf und will uns auch holen." So etwas geschieht im Jahre 1900. Berlin, 2. Dez. In der heutigen Repräsentanten, sitzung mürbe zunächst von den Herren Löwe, Sachs, Blaschke, Lelvin, Löwenthal und Blumenthal folgende Resolution eingebracht: „Die Repräsentanten-Versammlnng weist die im Oktoberheft der „Preuß. Jahrbücher" anonbm erhobenen Angriffe gegen die jüdische Religion und den jüdischen Gottesdienst als unzutreffend zurück und bezeichnet es als widerspruchsvoll und nicht ehrenhaft, daß Eltern ihre Kinder einem Glauben zuführen, den sie für sich selbst als nicht annehmbar erachten."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.