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Der Israelit · 1900-09-20 · Heft 76-77 (20.9.1900) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 76-77 (20.9.1900)
Date
1900-09-20
Page
– (sequence 17)
Language
German
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41* Jahrgang. Zweite Aeik. zu 76 & 77 des „Israelit". Leitender Artikel. Der ruiiiiuiidc lliiioiif Smiffj." Eine Betrachtung zumNosch-Haschonofeste von H. L.-r. Wer kennt nickt die Entstehungsgeschichte unseres heiligsten und ergreifendsten Gebetes am Rosch-Haschonofeste, die Geschichte der begeisternden und herzerhebenden Lobeshymne auf Gott, unseren Schöpfer, des „Unfälle Lautes"! Die Sage, oder richtiger gesagt, die Ueberlieferung über das traurige Ende des Rabbi Amnon in Mainz ist allbekannt, und jedes jüdische Herz mutz erschüttert werden bei der Recitirung dieses Gebetstückes, weil es die schmerzlichsten Erinnerungen an den schrecklichen Märtyrertod, den Rabbi Amnon für seinen jüdischen Glauben erlitten, in uns wachruft. Vor unserm geistigen Auge erscheint die Gestalt des Glaubenshelden Rabbi Amnon, des Verfassers des „Unsane Taukef." Wir sehen, wie der am Hofe des Kurfürsten hochangesehene Mann allen von den Höflingen und dem Kurfürsten selbst unternommenen Bekehrungsversuchen wacker standhält, wie er aber eines Tages infolge ihres unaufhörlichen Drängens schwach wird und sich eine „dreitägige Bedenkzeit erbittet," später aber, durch die Reue und die Gewissensbisse, die sein Herz über seinen Wantelmuth empfindet, zur bestimmten Zeit nicht am Hofe erscheint; schließlich, als er gewaltsam vor den Fürsten geführt, sich selbst das Urtheil diktirt, daß nämlich seine Zunge, die gelogen, ihnr ausgeschnitten werden möge. Wir sehen auch, wie dieses Urtheil von dem Fürsten dahin umgeändert wird, indem er ihm „die Füße, die nicht gehen wollten, abhauen ließ," wie endlich Rabbi Amnon sich einige Zeit darauf, am Rosch-Haschono, mit seinen abgehauenen Füßen in die Synagoge tragen ließ und dem Borbeter, als er das Keduschagebet recitirte, innezuhalten gebot, weil er unpo sein wolle, wie Rabbi Amnon mit lauter Stimme und großer Andacht die Unsane Taukefhymne anstimmte und am Schlüße derselben seine Seele aushauchte. Der Märtyrertod für unfern jüdischn Glauben steht in der Leidensgeschichte unseres Voltes nicht vereinzelt da. Vor uns liegen die mittelalterlichen Dichter, die Werte und Auszeichnungen über die Geschichte unseres Volkes in der oben bezeichneten Zeitperiode, und da kommen uns unwillkürlich die Klageworte in's Gedächtnih: „Unter allen Völkern gehe ich allein rückwärts. Beschlossen scheint es, ich soll nie wieder die Freiheit sehen. Mit beiden Händen hast Du mich verstoßen, und wenn die Linke mich fortgewiesen, hat die Rechte mich nicht ausgenommen. Bin ich Eisen? Ist mein Fleisch aus Stahl? An die tausend Jahre bin ich zerstört, verwaist, gefangen, zerackert wie ein Feld, umgewühlt wie ein Garten und von Scham bedeckt." Ja, das Mittelalter hat alle Macht seiner hohlen Weisheit, seiner kanibalischen Rohheit angewendet, um die Juden zu bekehren. Wenn es der Schlauheit seiner Verführer nicht gelang, den armen, gedrückten Juden zu bekehren, wenn er sich dennoch besonnen, wenn er zauderte, wenn in ihm die Stimme desEwigen ertönte: „Du sollst nickt anderen Göttern dienen, nicht ehebrechen, nicht morden," wenn er sich erinnerte, daß ihm persönlich die Verpflichtung des Bundes mit dem Allerhöchsten von seinem Stammvater Abraham überkommen ward, dessen Abzeichen er am Leibe trug, o, dann gab es noch andere Zeichen, noch andere Mittel, den Verstockten zu bekehren. Da gab es Scheiterhaufen zum Verbrennen, Wasser zum Ertränken, Folterwerkzeuge, um zu peinigen. Alle diese Mittel haben sie an unfern Vätern versucht, sie haben sie zu Tausenden verbrannt, erschlagen, den Ueberrest verjagt und durch die Lande gehetzt. Nur wenige Männer aus dem Alterthum haben es gewagt, durch die Qual u. mit Verachtung ihres Lebens treu zur Wahrheit zu halten, und hier hat ein ganzes Volk das Märtyrium auf sich genommen und ist nicht von der Wahrheit gewichen. Ein solcher Märtyrer war auch Rabbi Amnon aus Mainz. Wie viele solche Märtyrer hat die Geschichte des Mittelalters aufzuweisen, „wie viele Opfer an Menschenleben haben die jüdischen Gemeinden Mainz, Worms und Prag gebracht, wie viele Unsane Tankes hätten die armen hingeschlachteten Glaubensbrüder anstimmen können," wenn man ihnen nur Zeit dazu gelassen hätte, oder wenn sie nicht unter den Folterqualen schon die Besinnung verloren hätten. Irgend ein fanatischer Priester erhob sich und predigte wider die Verstockten, die Feinde des Christenthums, und es fand sich bald die Gelegenheit, diese aufreizende Reden in Thaten umzusetzen. Ein Erschlagener wird in der Nähe des Judenviertels oder der Synagoge gefunden, welch' köstliche Gelegenheit für den Pöbel der Stadt, zu plündern. Wer seine Schulden auf eine bequeme Art los werden wollte, wer beutegierig, raublustig, war dabei — und die rohe Horde wälzte sich in die Judenstadt. Und wenn auch lein Ritualmord den Juden ausgebiirdet werden konnte, so waren unsere Feinde nicht in Verlegenheit, da gab es andere Gründe für die Räuber und Mordbrenner. Entstanden Epidemieen, so waren die Juden Schuld daran, sic hatten, sagten ihre Feinde, die Brunnen vergiftet. Entstand eine Theuerung, so trugen wieder nur die Juden die

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