Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 73 (10.9.1900)
- Date
- 1900-09-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1511 wird, ist nicht neu. Man luirb mit Recht die Entwerthung der öffentlichen Meinung und der sittlichen Anschauungen hinzufügen lönnen. Allein zur Heilung dieser Schäden bringen die politischen Parteien wenig Beruf mit. Das Judenthum hat sich dem Liberalismus dienstbar gemacht, während er sich mit ihm zum Kampf gegen die christliche Weltanschauung verbündete. Die Gegenwirkung kann daher nur mit religiös-sittlichen Betteln erfolgen und auf gesetzgeberischem Gebiet nur durch die praktische Verwirklichung christlicher Grundsätze: wahre Freiheit der .Kirche und der christlichen Schule, Förderung der Sozialreform, gerechte Wirthschaitspolitik. An dem Streit, ob die Juden-Emanzipation vor fünfzig Jahren vernünftig oder unheilvoll mar, hat das Volk heute kein Interesse mehr. Die (Gleichstellung der Juden ist da und wird nicht mehr rückgängig gemacht werden. Der Manchester-Liberalismus und der politische Radikalismus haben dem Judenthum nicht blos die geschäftliche Geriebenheit, sondern auch die Skrupellosigkeit in der Wahl der Mittel abgelcrnt. Cs ist also die reine Heuchelei, wenn jetzt die Parteien, deren Mitglieder sich in allen Gründungen Die .Hände gewaschen und im Kulturkampf fest mitgemacht baden, für den Verlust ihres Ansehens die Juden allein verantwortlich machen »vollen. Zwischen einem srcikonservativerr Kulturpaukerblatt, lvie die „Post" und den» „Berliner Sageblatt" des Herrn Rudolf Moste drehen wir die Hand nicht um. Wenn es für Centrumswähler überhaupt noch nöthig lväre, so gilt es nur, einen Warnung,spfatst ausznstellen vor dem politischen Antisemitismus. Diese Parteibildung hat in Deutschland gründlich abgebaust, selbst wenn sie noch einige Trüm- Hier durch ein paar Reichstagsperioden schleppen sollte. Ihne iedes feste Jiel, unzuverlässig und uneinig in der Fallit. unfähig zu jeder Initiative, bilden die Antisemiten die Karikatur einer politischen Partei. Dabei fialn'n wir die Personenfrage unberührt gelassen. Solchen Politikern, lvie Ahlwardk, Bocket, Graf Pückler ete., lieben mir jeden anständigen Juden vor. Angehörige der Ccntrnmspartei dürfen auch nicht den Schein an sieb kommen lassen, als lvürden sie jemals für eine ausuabmegefetzliche Behandlung der Juden einireten. Das ist ein Gebot der Moral lvie der Klugheit. Cs ist Schande genug für den Liberalismus lvie für die Regierungen, da st dis deutschen Katholiken in ihrem angestammten Heimathlande heute auf religiösem Gebiet noch nicht so viel Freiheit geniesten, lvie die Juden. Wir kämpfen zunächst noch um unsere Gleichberechtigung. In Judenhetze machen tvir nicht." Dieses Glaubensbekenntnis) wird das Centrnm nicht hindern, von Fall zu Fall doch tvieder antisemitische Regungen mindestens zu tolerireu. Dast gerade 'sie „Ausburger Pvstzeitung" mit so ungetvohnter Be stimmtheit vom btutiseuiitismus abrückt, erklärt sieh ivohl aus augcnblicktichen besonderen bayerischen ll'er hältnisten. Rach unsern Informationen trägt das Centrum in Bayern Sorge, der Bund der Landwirthe, für den die bayerischen Antisemiten arbeiten, könnte die Trüinmer des in die Brüche gehenden Bayerischen Bauernbundes an sich ziehen und zu einer neuen Organisation austerhalb des Centrumsbannes sammeln. 'Ans diesem Grunde geht die Taktik der Centrumsführer gegenwärtig wider die Antisemiten. Posen. Der Verband jüdischer Litteraturvereine im Regierungsbezirk Posen, zu dem die Vereine Ostrolvo, Pieschen, Kempen, Lista, Krotoschin und Wreschen gehören, hielt am 2. September in Jarotschin seine zweite Jahresversammlung ab. Auf der Tagesordnung stand: Jahres- und Kassenbericht, Verwendung des Ueberschusses, bezw. der Subvention vom Zentralverbande, Anschluß an diesen Verband, Remuneration für Redner, Vorstandswahl. Der Sitz des Provinzialverbandcs ist Ostrowo. Zweck des Verbandes ist gegenseitige Unterstützung mit Rednern und billigere Gewinnung auswärtiger Redner durch eine Turnee im Verbände. Oe st er r. - Ungar. Monarchie. TLien. Dieser Tage ist hier nach langem, schweren Leiden der bekannte Bibliograph CH. D. L i p p e eines sanften Todes verschieden. Der Heimgegangene, ein Bruder des bekannten Dr. K. Lippe in Jassy, war ein Mann von vielem Wissen und hat sich um die jüdische Litteratnr bedeutende Verdienste erworben. Sein bibliographisches Lepiron ist ein werthvolles, allgemein geschätztes Werk. Zum Leichenbegängniß hatte sich auf dem Centralfriedhof eine kleine Gemeinde der allergelreuesten Freunde eingefunden. Die gesanglichen Funktionen hat Herr Oberrantor Kläger versehen. Herr Rabbiner Dr. Bach hielt dem Verstorbenen einen warmen Rachrnf. Am Grabe nahm der bekannte Hebraist l1?. Weistmann Chajcs in rührenden Worten von seinem Freunde Abschied. A in e r i k a. Moscovillc (Argentinien). Die 360 jüd. Auswanderer (47 Familien), welche, wie wir s. Z. berichtet haben, sich im Hasen von Libau nach Argentinien einschifften, lind am sick. Juli in Buenos-Ayres gelandet. In Mosesville ist alles zu ihrem Empfange bereit. Die Häuser sind fertig, und in den Ställen wartet das bereitstehende Vieh. Die neuen Ansiedler verstehen von der Landwirtbschaft zkvar noch sehr wenig, allein da sich unter ihnen eine verhältnistmäßig große Zahl junger Lenke befindet, so »verden sie es sehr bald lernen, mit dem Pflug umzugehen. T. Briefkasten der Expedition. _ I. L. F.. Dr. R. Siemens in Fulda. Preis per sochachtel 50 Pfennig. Unserer heutigen Rnmmcr liegt ein Prospekt über „>>ofsiiiann'S jüdischen Abreißkalender für dar« Jahr .><><»1" und ein Prciocvnrant der Tallikssabrik von Jo»a§ Säger in Slolontea bei, worauf wir unsere Leser besonders aufmerksam machen.