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Der Israelit · 1900-09-10 · Heft 73 (10.9.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 73 (10.9.1900)
Date
1900-09-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1507 „Gern!" erwiederte ich und steckte das Packetchen zu mir. Sie aber eilte mit flinken Schritten zur Thüre und rief laut auf den Korridor hinaus: „Rosalie! Sind Sie fertig?" „Soeben, Fräulein!" scholl es von der Küche herüber und kurz darnach hörte ich, wie die Köchin dem Fräulein etwas zur Thüre brachte. „Hier!" sagte Jda, sich zu mir umkehrend, „eine kleine Wegzehrung! Sie sind doch bis in die Nacht hinein unterwegs! Der Kalbsbraten wird Ihnen schmecken!" Und sie drückte mir ein sauberes Päckchen in die Hand. „Und kommen Sie gesund zurück!" setzte sie dann hinzu, „Sie sind doch Jom tauw wieder hier?" „Aber gewiß!" Ich nahm die Thürklinke in die Hand. „Also Friedrichstraße 18, Simonsohn," schärfte sie mir nochmals ein, „und nicht vergessen!" Dabei drohte sie schelmisch mit dem Finger. „Aber Fräulein!" sagte ich entrüstet, „und nun auf Wiedersehn! Und besten Dank für die-doppelte Wegzehrung!" „Wieso doppelte?" fragte sie verwundert. „Nun, für diese da —" und ich hielt ihr das Päckchen mit dem Braten hin, und —" „Und?" „-für die andere von vorhin-" Ich sah ihr Gesicht nicht mehr, als ich das gesagt hatte. Ohne noch einmal aufzublicken, eilte ich hinweg. — Und in der That, eine Wegzehrung, eine köstliche Wegzehrung war mir das Geständniß Jda Fromann's. Im Grunde hatte sie mir ja eine völlig harmlose Mittheilung gemacht. Aber gerade ihr schamhaftes Zögern, das leise Zittern in ihrer Stimme, die unverkennbare innere Erregung, die sie nur schwer hinter einem gesucht gleichmüthigen Gebahren verbarg, kurz, der ganze Reiz dieser Scrne, der mich anmuthete wie die sprühenden Funkeines unter der Asche glimmenden Feuerbrandes —, all' das hob mir jene harmlose Mittheilung zu einer beglückenden Offenbarung empor. Und wie sie an der entscheidenden Stelle ihrer Mittheilung verstummte, wie sie mich dasjenige sagen ließ, was i h r nicht über die zaghaften Lippen wollte, und was sie mir doch geradezu in den Mund legte, wie sie endlich anstatt einer Antwort auf meine Frage die Unterhaltung unvermittelt auf ein anderes Gebiet lenkte — gab es denn eine deutlichere Gewähr für die Bedeutung, welche sie selbst ihren Worten beilegte? Sie liebt mich! So jubelte es in mir auf, wie ich mir im Koupee tausendmal im Geiste die beglückende Scene vom Vormittag vergegenwärtigte. Mit dieser seligen Gewißheit fuhr ich dahin durch die blühenden Gefilde. Sie liebt mich! Ich hatte es Hinausrufen mögen in die wechselnden Landschaften, die da draußen in Hellen Sonnenschimmer getaucht vorüberflogen, Hinausrufen, daß es den Donner des Wagengerassels übertönte, daß es widerhallte in den grünenden Wäldern und Hinaufstieg zum leuchtenden Himmelszelt! Alle Sorgen, die während der letzten Tage mein Gemüth so schwer belastet hatten, und deren Anlaß ja nach wie vor weiter bestand, mit einem Schlage waren sie dahin! Zerstoben, verweht, wie der Rauch, der da drüben aus den Fabrikschloten emporstieg und sich leise in den reinen Aether verlor! Was galt mir jetzt noch Geld und Geldeswerth, wo mir das begehrenswertheste aller Besitzthümer sicher war? Ein heißes Dankgefühl gegen Gott, den weisen Lenker unserer Schicksale, stieg in meiner Seele auf. Er hatte den innigsten meiner Herzenswünsche der Erfüllung nahegerückt — gewiß. Er würde mir auch die häßlichen Hindernisse hinwegräumen, die in diesen Tagen meinen Lebensweg kreuzten! Es kam mir der Gedanke, daß es doch Wohl ein Beweis für die Reinheit meiner Empfindungen sei, wenn sie in dieser Weise zur Befestigung meines Gottvertrauens beitrugen. Was so schöne Früchte zeitigte, das mußte aus einem gesunden Keim emporgesproffen sein. Es war kein Zufall, daß mir solche Gedanken kamen. Sie waren gleichsam die Beschwichtigungsmittel, durch die ich eine anfangs ganz leise Stimme zum Schweigen bringen wollte, die sich allmählich tief, tief in meinem Innern zu regen begann. War es denn so zweifellos, daß der Eifer, mit dem ich meinen Liebesempfindungen nachging, sich in das große Programm meines Lebens harmonisch einfügte? Nichts hatte ich mir bis jetzt vorzuwerfen, auch nicht das geringste Abirren von dem Pfade, den ich mir vorgezeichnet. Ein durchaus einheitliches Bild religiöser und darum auch rein menschlicher Pflichttreue bot mein bisheriges Leben. Und nun, diese durch lange Jahre genährte Liebe, die jetzt mit einem Male zu einer ungeheuren Bedeutung für mich emporwuchs und sich in den Mittelpunkt all meines Sinnens und Denkens, in den Mittelpunkt meines gesummten Seelenlebens aufpflanzte — war sie nicht gleichbedeutend mit einem Verrath an mir fclbft? War sie nicht etwas Fremdes? Etwas, das einen unharmonischen Farbenton in das Bild meines Lebens brachte? Drohte sie nicht, sich mir zu einem Ideale zu gestalten, dem ich mit allen Fasern meines Seins nachhing? Und drohte sie nicht, jenes andere Ideal zu verdrängen, zu dem ich bisher allein aufgeschaut hatte und neben dem mir alles Andere so gering, so bedeutungslos erschien? Da war nun mit einem Schlage etwas, was meine Seele ebenso ausfüllte, wie bisher ein Anderes! Konnten die beiden großen Dinge nebeneinander Platz finden? War nicht das Eine durch das Andere gefährdet? Und welchem drohte die schwerere Gefahr? Schließlich sagte ich mir, meine Befürchtungen seien doch im Grunde recht thöricht. Ich war doch

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