Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 70 (30.8.1900)
- Date
- 1900-08-30
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1451 Vorschrift müßte ich jetzt mit drei Leuten zu dem Beleidigten gehen und in deren Gegenwart die Bitte um Verzeihung wiederholen, wenn das nichts nütze, müsse ich den Versuch mit zehn Leuten wiederholen, und erst wenn dann der Gekränkte nicht verzeihen wolle, muffe man trachten, was weiter geschehen könne. Ich erklärte mich zu allem bereit, erlaubte mir jedoch die Bemerkung, daß ich vielleicht rascher und sicherer zum Ziele komme, wenn N. Israel die Güte haben wolle, zu meinen Gunsten zu interveniren, da es füglich doch nur die Rücksicht auf ihn war, die mich zu der raschen That bestimmt habe. R. Israel willigte ein und kam am anderen Morgen freudenstrahlend zu mir, es sei ihm gelungen, gegen eine verhältnißmäßig sehr geringfügige Gegenleistung die Verzeihung zu erwirken. Mein Opfer wollte alles vergeben und vergessen, wenn ich demselben einige warme Empfehlungen nach N. N. mitgeben wolle; in welcher Stadt sich der Betreffende niederzulaffen beabsichtige. Ich sah R. Israel groß an und appellirte an seinen unbeugsamen Wahrheitssinn mit der Frage, wie ich einen Menschen, der sich so benommen habe, eigentlich mit gutem Gewissen irgend einem als empfehlenswerth bezeichnen könne. „Sie sind immer noch nicht auf dem rechten Weg," entgegnete R. Israel. „Sie glauben noch immer, eine Großthat begangen zu haben, indem Sie Ihren Nebenmenschen so gröblich beleidigten, und zu der Beleidigung fügen Sie durch Ihre Worte die Geringschätzung und Verachtung des armen Menschen. Und doch liegt für den unbefangenen Beobachter die Sache umgekehrt. Was hat der junge Mann in Wirklichkeit Böses gethan? Nichts. Er kommt von Rußland nach Deutschland, hält sich lediglich in Berlin auf, um mich zu besuchen. Er klopfte an meine Thüre, konnte er wissen, daß ich um diese Tageszeit schlafe? Nein. Sie haben es ihm gesagt? Er kennt Sie nicht, er kann nicht die Beziehungen kennen, die Sie zu mir haben, er hat Sie wahrscheinlich nicht einmal verstanden, da er nur unfern Jargon spricht und versteht. Die Worte der Weisen finden Gehör, wenn sie mit Gelassenheit gesprochen werden, sagt Salomo. Vielleicht haben Sie mit dem Fremden nicht wie ein Weiser und nicht mit Gelassenheit gesprochen, ich sage vielleicht, wahrscheinlich haben Sie es sicher nicht gethan, sonst hätten Sie ganz gewiß Gehör gefunden bei einem Manne, mit dem Sie doch die Rücksicht auf mich verbindet. Statt dessen poltern Sie wie ein roher Mensch auf den Fremden los, erheben die Hand gegen ihn — Sie wissen doch, wie unsere Weisen denjenigen beurtheilen, der die Hand gegen seinen Nebenmenschen erhebt — bringen ihn geradezu in Lebensgefahr, der er nur durch Gottes Beistand entronnen ist und nach alledem fetzen Sie sich noch auf's hohe Roß und meinen wunder, welche Großthat Sie übten, wenn Sie dem Opfer Ihrer jugendlichen Rücksichtslosigkeit ein Wort der Empfehlung als Sühne mit auf den Weg geben. Lebten wir in einer Welt, in der die Wahrheit gilt, so brauchte der Fremde keine Empfehlung von Ihnen, sondern Sie müßten eine von ihm haben. Er hat durch seine Handlungsweise bekundet, daß er ein Mann von Charakter ist, die Schmach, die Sie ihm angethan haben, hat ihm die Wange geröthet und hat ihn als Kläger über Ihre Brutalität vor mich hingeführt, und nun gelingt es mir mit Gottes Beistand, den Mann wieder zufrieden zu stellen, wie würde Ihre ganze Denk- und Handlungsweise so kleinlich und unjüdisch erscheinen, wenn Sie sich wirklich für mehr als Ihr Opfer hielten, wenn Sie sich noch wirklich besinnen zu müssen glauben, ob Sie auf solchen Vergleich eingehen können!" Ich brauche nicht erst zu sagen, daß der junge Mann seine Empfehlungen so warm und so reichlich von mir erhielt, als er es nur wünschte. Sie legten den Grund zu den Beziehungen, die er dort anknüpfte, und zu dem Wohlstand, dessen er sich heute erfreut. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten tut* Corre-pon-enzen. Deutschland. Worms, 28. Aug. Am vergangenen Sabbate feierte Daniel G u g g e n h e i m von hier mit seiner Frau Sarah, geb. M a n h e i m e r . das seltene Fest der „eisernen Hochzeit." Gehört es schon zu den Seltenheiten, das Fest der goldenen und diamantenen Hochzeit zu feiern, so ist es gewiß ein seltenes Glück, auf ein 65jähriges, durch nichts getrübtes Familienleben zurückblicken zu können. An der Feier nahm die ganze Stadt Theil, ohne Unterschied des Standes und der Konfession. Se. Kgl. Hoheit der Großherzog sandte mit einem Schreiben sein Bild mit eigenhändiger Unterschrift. Der Oberbürgermeister gratulierte im Namen der Stadt; das Haus, welches in einen Blumengarten verwandelt war, wurde nicht leer von Gratulanten, die das Jubelpaar — der Gatte ist 99 Jahre, seine Frau 96 Jahre alt — in körperlicher und geistiger Frische empfing. Es war ein ergreifender Moment, als der Jubilar auf die herzlichen und herrlichen Worte des Herrn Rabbiner Dr. Stein selbst das Amen sagte. Zur Erinnerung an diesen wichtigen Tag stiftete das Jubelpaar Mk. 4000, deren Zinsen alljährlich an arme Waisenkinder, ohne Unterschied der Confession, vertheilt werden sollen; gleichzeitig spendete das Jubelpaar zwei prächtige Mäntelchen für n i n i;i ncc und die Kinder des Jubelpaares bedachten die hiesigen Vereine mit namhaften Gaben. Möchten die von allen Seiten geäußerten Wünsche für das würdige Greisenpaar in Erfüllung gehen!