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Der Israelit · 1900-08-30 · Heft 70 (30.8.1900) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 70 (30.8.1900)
Date
1900-08-30
Page
– (sequence 17)
Language
German
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41. Jahrgang. Zweite Aeikage zu M 70 des „Israelit^. Leitender Artikel. As km Mn eines Inliiitiüjtiüen. Von Rabbiner Dr. (Ehemann in Baden (Schweiz.) IV) Wie aber Rabbi Israel im vorgerückten Greifenalter noch bemüht war, sich wissenschaftliche Kenntnisse anzueignen, bas muß man selber gesehen haben, um es glaublich zu finden. Derselbe kam Anfangs der 70er Jahre nach Berlin, um daselbst Heilung gegen ein hartnäckiges Gemüthsleiden zu suchen. Da in Rußland nur Kaufleute erster Gilde ohne weitläufige Paßplackereien reisen können, so pflegte Rabbi Israel, dem dort allgemein üblichen Usus gemäß, sich für seine Reisen eine solche Legitimation zu leihen, da er diese für seine Person nicht von der Behörde erlangen konnte. Das drückte aber sein lauteres Genüssen und um nicht länger in dieser Weise das Staatsgesetz zu umgehen, beschloß der 63jährige Greis eine Profession zu erlernen, und'sich bei seiner Rückkehr nach Rußland darin prüfen zu lassen, um dann für sich einen Paß verlangen zu können. Gr nahm bei einem Chemiker täglich Unterricht und erlernte in wenigen Wochen die Herstellung aller Arten von Tinte. Die Liberalität des Herrn Dr. Sternheim in Berlin hatte in seinem Hause (Reue Friedrichstratze 69) dem greisen Meister eine ganze Etage für ein Laboratorium Herrichten lasten. Dort studirte, arbeitete und experirnentirte R. Israel so rastlos emsig, daß er seinen Lehrer bald entbehren konnte und dieser eines Tages erklärte, sein genialer Schüler könne von ihm nichts mehr lernen, daß er nicht auch ohne Anleitung eines Lehrers erreichen könne. Als dieses Ziel erreicht tvar, studirte er deutsche Grammatik und hat es nach verhältnißmäßig kurzer Zeit soweit gebracht, daß er die Tagesblätter ohne Mühe lesen und verstehen konnte. Dabei blieb aber sein Thoralernen die erste und hauptsächlichste Beschäftigung. Er lernte und studirte, bis er müde war, dann legte er sich, unbekümmert um die Tages- und Nachtzeit, nieder und schlief so viele oder richtiger so wenige Stunden, als er zur Erholung und Sammlung neuer Kräfte nöthig hatte, um dann neugestärkt ivieder weiter lernen zu können. Wer die unermüdliche Thätigkeit dieses von Krankheit hart betroffenen Greises sah, wer das rege wistenschaftliche Interesse, das diesem Manne *) Vgl. Nummer 62 des „Israelit". aus jeder Miene leuchtete, in unmittelbarer Nähe zu beobachten Gelegenheit hatte, mußte sich unwillkürlich sagen: nem ries nnx bv p inupn ns was muß diese Kraft erst in der Jugend und im rüstigen Mannesalter geleistet haben! Im Laufe des Tages wurde seine Thätigkeit oft durch viele Besuche unterbrochen. Denn Niemand, der von Rußland und Polen nach Berlin kam und R. Israels Ruf vernommen hatte — und wer hätte ihn nicht vernommen — wollte Berlin verlassen, ohne dem großen Meister seine Aufwartung gemacht zu haben. Reick und Arm, Jung und Alt, Männer und Frauen, alle suchten R. Israel auf und waren glücklich, den Mann, wenn auch nur wenige Minuten, zu sprechen, durch den die russische Judenheit so glänzend in der deutschen Metropole vertreten war. Und in der That, wenn es eine Erscheinung geben konnte, deren edles, ehrfurchtgebietendes Wesen in hohem Grade geeignet war, das Borurtheil zu beseitigen, das gegen unsere russischen Brüder vielfach in Deutschland verbreitet ist, so war es diejenige R. Israels. Aber einen tieferen Blick in die Seelengröße und Gemüthstiefe R. Israels konnte man aus einem flüchtigen Verkehr mit ihrn nicht gewinnen, da er, wie bereits erwähnt, ängstlich beueüht war, seine Tugenden nicht zu Tage treten zu lasten. Nur einer sorgfältigen Aufmerksamkeit im täglichen Verkehr war ein solcher Blick von Zeit zu Zeit vergönnt, wenn äußere Uenstände günstig zusammen wirkten. Zur Erklärung des hier Gesagten mögen einige solcher Züge hier folgen. Eines Tages war R. Israel ungewöhnlich tief verstimmt, auf die Frage nach der Ursache der Verstimmung erwiderte R. Israel, daß soeben zwei Herren aus Kowno ihn besucht und ihm Mittheilung von Neuerungen in der Verwaltung eines Beth Hamidrasch gemacht hätten, an welchem er früher selbst gelehrt hätte. Die Neuerungen seien zwar sehr harmloser Natur, aber >vie er die Verhältnisse kenne, handle es stch nur um einen Fühler, der späteren, tiefer gehenden Aenderungen den Weg bahnen solle, das habe ihn so aufgeregt. Auf eine Bemerkung, daß seine Verstimmung mich ewas viel Schlimmeres hätte vermuthen lasten, erwiederte er, das sei es auch eigentlich nicht, aber er sei deßhalb in Zorn gerathen. „Haben Sie sich denn," fuhr ich zu fragen fort, „vielleicht im Zorn zu irgend einem heftigen Worte hinreißen lassen, das Ihnen leid thut?" „Gott behüte," erwiederte Rabbi Israel, „außer mir selbst hat Niemand etwas davon gemerkt, nur im Innern fühlte ich eine Zornesgluth aufsteigen." „Nun?" frage ich erstaunt, „und was ist es denn eigentlich, was Sie so verstimmt?" „Sie fragen noch?" erwiederte er erstaunter als

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