Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 70 (30.8.1900)
- Date
- 1900-08-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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41. Jahrgang. Jfä 70, Der Israelit. Ein Kentrat-Hrgan für das orthodoxe IudenIHum. Begründet von Dr. ft^mann in Main}. Donnerstag, den 30. August 5660 (I960). Leitender Artikel Es ist in diesen Blättern schon wiederholt auf die merkwürdige, säst unglaubliche Thatsache hingewiesen worden, daß im großen, nach Millionen zählenden jüdischen Rußland keine einzige Zeitung existirt, welche die Interessen des orthodoxen Judenthums vertritt, obwohl der bei weitem größte Theil dieser Millionen mit jeder Faser an dem heiligen Vätererbe hängt. Die betrübenden Folgen dieser Erscheinung brauchen für den Einsichtigen nicht erst aufgezählt zu werden. Farblose, sowie offen und versteckt im Dienste des ausschweifendsten Abfalles stehende Blätter schaffen, beherrschen und vergiften dort seit Jahr und Tag die öffentliche jüdische Meinung. Dieselben üben durch Verunglimpfung der buie" ’Jicx einen solchen Terrorismus, daß die Edlen, Weisen und Wackeren sich zurllckziehen, um sich dem Geifer dieser Revolverpresse nicht auszusetzen. Wiederholte Versuche, diesem Mißstand durch Gründung von Zeitschriften abzuhelfen, die wirklich im Dienste des gesetzestreuen Judenthums stehen, kamen nicht weit über das Versuchsstadium hinaus und erwiesen sich nicht als lebensfähig. Die Ursachen dieser Lebensunsähigkeit eingehend nachzuweisen, würde hier zu weit führen. Hier soll nur darauf hingewiesen werden, daß die Folgen dieses unerquicklichen Zustandes sich nicht auf das jüdische Rußland beschränken, sondern weit über dasselbe hinausreichen. Zwischen den Juden Rußlands und Deutschlands findet ein fortwährender Verkehr statt, der an Umfang, Intensität und kulturhistorischer Bedeutsamkeit von Jahr zu Jahr größere Dimensionen annimmt. Wir sprechen hier nicht von den Handels- und sonstigen Verkehrsbeziehungen, wie sie sonst zwischen zwei großen Nachbarvölkern bestehen, obwohl auch dieser Einfluß nicht zu unterschätzen ist, wenn er sich auch seiner Natur nach am unmittelbarsten in den Grenzdistrikten der beiden Länder äußert und sich in dieser Unmittelbarkeit wenigstens auf diese Gebiete beschränkt. Was den Beziehungen zwischen den Juden Deutschlands und Rußlands einen so universellen, tief in das Leben der Einzelnen und der Gemeinden eingreifenden Charakter verliehen hat, ist die eigenartige, soziale und politische Lage unserer jüdischen Brüder und Schwestern in Rußland. Die Ausweisungen und geradezu Austreibungen in so großem Maßstabe, wie sie in den jüngsten Jahrzehnten in Rußland erfolgten, ha ben vielen Tausenden russischer Familien den Wanderstab in die Hand gedrückt und dieselben genöthigt, in der Fremde, wenn auch nicht ihr Glück, so doch die kahle Möglichkeit einer bescheidenen Existenz zu suchen. Auch in normalen Zeiten bleibt der Zustand der russischen Juden eine große Anomalie. Eingezwängt in einige wenige Provinzen, ohne Möglichkeit, sich ihrer Zahl und ihrem Bedürfniß gemäß zu entfalten, ohne genügenden Boden, Luft und Licht und bei der Verkümmerung aller sonstigen Bedingungen des Lebens, sehen sich viele, wenn sie sich nur irgendwie rühren können, in die bittere Roth Wendigkeit versetzt, durch Verlassen dieses Riesenghettos sich und den Zurllckbleibenden freien Raum zu schaffen. Ergießt sich dieser Auswandererstrom auch in alle Staaten und Völker diesseits und jenseits des Oceans, so ist doch der deutsche Grenzstaat derjenige, der zuerst und am nachdrücklichsten davon berührt wird. Es gibt heute keine größere jüdische Gemeinde Deutschlands und wenig kleinere Gemeinden, in welchen nicht solche Auswanderer in größerer oder geringerer Zahl ein Heim gefunden. Je nach ihrer Zahl und Stellung gehen sie. entweder in den Gemeinden auf, oder organisiren sich selbstständig. Durch den täglichen Verkehr gewöhnen sich die Heimischen und die Eingewanderten an ihre nationalen Verschiedenheiten in Sprache. Sitten und sonstigen Lebensgewohnheiten, so daß eheliche Verbin düngen mit ihnen keine ungewöhnliche Seltenheit mehr