Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 69 (27.8.1900)
- Date
- 1900-08-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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41. Jahrgang._ Heikage zu Jß 69 des „Israelit". ZeitungKnachrichtcn und Corr.spondenzen. Deutschland. Berlin. (Jüdische S o e i a l i st e n i n W i l n a.) Wie nur durch mündliche Mittheilungen erfuhren, ist Ende Juni in Wilna ein Strike ausgebrochcn, der aber von der Polizei rusch und mit eiserner Hund unterdrückt worden ist. Es stritten die Tischler und die Schuster, weil sie höhere Löhne Huben wollten und weil sie von den „Sozialisten" dazu verleitet wurden. Die Polizei schritt überaus energisch ein. Wer sich nach 10 Uhr Abends auf der Straße blicken ließ, wurde schonungslos eingesteckt, Zusammenrottungen cuO den Straßen wurden von reitenden Kosackenpatrouillcn mit schweren Hieben ihrer berühmten kurzen „Nagaiki" gesprengt. Die Polizei nahm Hunderte von Verhaftungen vor und 32 Personen sind bereits zu vielen Monaten Gefängniß resp. zur Deportation nach Sibirien für die Dauer von vier Jahren verurtheilt worden. Unter den Verhafteten, Verurtheilten und Deportirten befinden sich nur sehr wenig Christen, die übrigen sind jüdische „Sozialisten", d. h. halbreife Gnmnasiasten und Gymnasiastinnen, lvelche durch unverstandene und unerlaubte Leotüre von „treisen Büchlach" (verbotener Schriften) um ihr bischen Verstand gekommen sind, sowie bethörte jüdische Handwerker und Arbeiter, deren ihrer Ernährer beraubten Faunlien nun der jiidischen Gesannntheit zur Last fallen. Es ist sehr zu beklagen, daß diese jungen Leute, die bei geeigneter Aufsicht und vernünftiger Anleitung dein Judenthum und der jüdischen Sache vorzügliche Dienste leisten würden, durch Verwahrlosung in ein falsches Fahrwasser gerathen, in ivelchem sie selbst untergehen und ihren Glaubensgenossen unabsehbaren Schaden zusügen. Die russischen Juden haben jetzt Ivahrlich etwas anderes zu thun, als sich in die ökonomischen Kämpfe der Gegenwart zu stürzen. Bezeichnend für diese Anschuldigung ist eine Rede, lvelche der Gensdarmerieoberst den strikenden Arbeitern gehalten hat. „Die Juden," sprach der Leiter der Wilnaer politischen Polizei, „Hetzen durch ihre Agitation die christlichen Arbeiter auf und schädigen dadurch sich selbst ungemein. „Die russischen Juden würden jetzt schon weit mehr Rechte besitzen," wenn sie sich nicht mit Politik befaßt hätten. Im Walde von „Jerusalem" (in der Nähe von Wilna) wurden jüdische Schüler von der Polizei bei der Lectüre verbotener Schriften überrascht. Am Peßach-Fest 1896 hat man eine geheime Versammlung aufgehoben, bei der 25 junge Mädchen und 35 junge Leute verhaftet lvurden. Die Regierung darf es nicht dulden, daß junge Menschen, welche auf die Schulbank noch gehören. Politik treiben und die bestehende gesellschaftliche Ordnung nach ihrer eigenen unreifen Ansicht nmzugestalten streben. Die jüdischen Sozialisten, welche durch ihre Agitation das Land beunruhigen, iverden doch ihr Ziel nicht erreichen. Das ist ja selbstverständlich. Das Einzige, was dabei herauskoinint, ist, daß sie sich selbst lind ihre Angehörigen unglücklich machell und ihre eigene Nation schwer schädigen. Glaubt Ihr vielleicht, daß die christlichen Arbeiter Euch für diese Opfer, wie Ihr. für sie bringt, danken iverden? Da irrt Ihr Euch aber gehörig! Ebenso lvie Ihr Euch darin irrt, ivenn Ihr wähnst mit Hilfe Eurer kindischen Agitation das ganze ökonomische Leben Rußlands umwälzen zu können. „Die christlichen Arbeiter sind Eure Feinde" und iverden es stets bleiben, selbst ivenn Ihr Euch noch so bemüht, für sie die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Seht Euch doch in Wilna selbst um! „Wer hat letzte Ostern eine neue Blutlüge wider Euch ausgeheckt." Wer wollte Euch prügeln, Eure Läden demoliren, Eure Wohnungen verwüsten und Eure Bettfedern fliegen lassen? Das waren dieselben christlichen Arbeiter, für die Ihr die Hände in's Feuer steckt, dieselben Tischler, Schuster und Mechaniker, die Ihr Eure Freunde nennt und zum Strike verleitet möchtet: sie haben an Ostern Juhenstrawalle eingeleitet und hätten Euch vernichtet, iväre eben die von Euch gehaßte Regierung nicht dazwischen gefahren. . ." Die herrliche Rede des christlichen Gensdarmerie- Obersten trifft den Nagel aus den Kopf. Sie könnte ebensogut von einem klugen jüdischen Maggid, wie von einem zionistischen Volksredner gehalten werden. T. Köln, im Aug. Zur „Umtaufung" der antisemitischen Partei schreibt das rheinische Hauptorgan des Eentrums, die „Köln. Volksztg.": „Die.Antisemiten werden nächstens wohl ein Preisausschreiben für einen brauchbaren Parteinamen erlassen müssen. „Antisemiten" ist ihnen nicht gut genug, und so suchen sie schon seit langem nach etwas Besserem und Zugkräftigerem herum. Alle paar Jahre haben sie sich umgetauft, aber kein Name hat ihnen gefallen, noch der Partei in die Höhe geholfen. Heute nennen sie sich „deutsch-sociale Reformpartei." Selbstverständlich steht dieser unverständliche Name lediglich aufdem Papier, kein Mensch nennt sie so. Auf dem bevorstehenden Parteitage wird nun wieder über die Umtaufung berathen werden. Der brauchbare Name fehlt aber noch. In der Staatsb. Zeitung wird jetzt (von dem Verleger des Blattes, Herrn Bruhn) vorgeschlagen, sich „deutschnationale Volkspartei" zu nennen. Dieses papierene Ungethüm-wird aber der Partei ebensowenig nushelfen, wie der jetzige Name. - Für den täglichen Gebrauch ist er schon gar nicht zu verwenden. Im übrigen kann auch der packendste, knappste