Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 68 (23.8.1900)
- Date
- 1900-08-23
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Schulen der Alliance Israßlite Universelle. (I. Fortsetzung.^) Den dringenden Bitten der Eltern nachgebend, entschied ich, dass nach dem officiellen Schluss der Klassen die Schüler noch eine oder anderthalb Stunden bei den Rabbinern verbleiben, und ferner, dass sie am Sabbath zwei Stunden mit dem Lesen der Psalmen oder der Propheten beschäftigt werden. Diese besonderen Massnahmen waren durch die Traditionen geboten, mit welchen man nicht zu barsch brechen kann. DieIsiaeliten von Casablanca, wie fast alle Arabisch sprechenden Glaubensgenossen Marokkos, sind sehr stolz auf ihre Intelligenz; sie behaupten fest, dass sie geweckter und begabter, dass sie ein besseres Auffassungsvermögen und ein stärkeres Gedächtniss als die übrigen Juden besässen. Bei den Kindern werden Eulenspiegeleien, Geneigtheit zum Ungehorsam oder Verschlagenheit., alles numidische oder arabische Gewohnheiten, als Vorboten der Intelligenz betrachtet. Es genügt, diese Taugenichtse einen einzigen Tag bei der Arbeit zu sehen, um sich eine andere Meinung zu bilden. Man kann nicht gerade sagen, dass die Geistlosigkeit herrsche, obgleich die wirklich begabten selten sind, aber es fehlt an moralischem Halt; was helfen da die einfältigen Ausreden und Entschuldigungen? Mau bemerkt eine Art Schulatavismus, ohne Zweifel entstanden aus dem veralteten und unverstandenen Unterrichtsmodus, welcher das Spiel des Geistes in haarspaltenden Diskussionen aufbewahrt hat. Gutes Gedächtniss wird wohl häufig vorgefunden; aber es leidet unter der so schwer auszutreibenden Manie, den Text in klagendem Gesänge wiederzugeben, und ohne Rücksicht auf den Sinn herzusagen. Dabei keine oder wenig Lernlust, und wir müssen mit allen Kräften gegen diese Gewohnheiten der geistigen Schläfrigkeit bei den Rabbinern kämpfen. Wir dürfen nicht vergessen, dass nichts schwieriger für die das Vulgärarabische sprechenden kleinen Kinder ist, als das Studium der französischen Sprache; der Geist ihrer Muttersprache ist so verschieden von dem europäischen Geiste; die Töne, die Wendungen, die Gedanken, überall Gegensätze; ja, wenn der hier gesprochene Jargon noch echt arabisch wäre! Er ist aber eine Anhäufung von arabischen, chaldäischen, spagnolischen und selbst barbarischen Ausdrücken ohne Logik verbunden, so dass der Sinn schwer zu errathen ist. Da ist keine Spur von freiem Denken, nur eine Menge armer Formen, welche man gut und schlecht bei den verschiedenen Verhältnissen des Lebens an wendet. Es muss Alles neu geschaffen werden : Gedanken, Worte und Verbindung. Unsere Schüler aus Tanger oderTetuan übertreffen leicht in allen Fächern ihre Kameraden, ihr Gehör und ihre Sprachorgane sind geschmeidiger, und ihr Wortschatz ist reicher und dem Französischen ähnlicher. So ist denn unser Ziel, Ideenarmut!, aufzuhelfen, gegen die physische und intellectuelle Schwäche anzukämpfen, vorhandene aber schlummernde Veranlagungen zu wecken. Die Ergebnisse dieser unserer Bemühungen im ersten Jahre sind keineswegs entmuthigend. Verhältnissmässig bedeutende Fortschritte sind gemacht worden. Bei Eröffnung der Schule konnten kaum 15 Schüler von 200 aufgenommenen Zöglingen schreiben und ein klein wenig lesen. Jetzt können sie alle, selbst die kleinsten, schreiben; alle lesen sie fliessend, selbst die Aussprache des schon durchgenommenen Textes ist zumeist genügend, und bezüglich ihrer Biegsamkeit lässt sich schon eine merkliche Besserung beobachten. An diese Bemühungen zur moralischen Wiedergeburt knüpft sich ein Plan, den ich bereits die Ehre hatte dem Central-Comitö zu unterbreiten, und welchem dasselbe sich geneigt zeigte: der Bau einer Synagoge für die Schule. Es würde sich vorläufig darum handeln, unsere Zöglinge znm gemeinschaftlichen Gebete in der Schale zu vereinigen, sie an die Andacht während des Gottesdienstes zu gewöhnen, und ihnen die Freude an Reden mit scholastischen Auseinandersetzungen zu benehmen, durch kleine moralische Vorträge, die sich durch Einfachheit und Klarheit anszeichnen; mit etwas Takt und Methodik geleitet, würde eine solche Institution ein bedeutendes Regenerationsmittel; sie würde auch den Boden vorbereiten für eine wahre Wiedergeburt des Judenthums, dessen edle Lehren seit so langer Zeit entstellt werden. Bis jetzt war nur der Mangel an Geldmitteln hinderlich. Das Central-Comitö hatte uns die Summe von 100 Frs. zugebilligt; ich habe ebenso viel hinzugefügt, ein Se/cr angeschafft und die dazu gehörigen Gegenstände bestellt; gleich zum Schulanfang wird Kanzel und Hechal angefertigt, und wir können darauf rechnen, unsere vorläufige Synagoge diesen Winter einzuweihen. (Fortsetzung folgt.) *) S. Nr. 744.