Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 68 (23.8.1900)
- Date
- 1900-08-23
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1411 fort. Die Wendung, welche die Dinge mit dem Antritt ves' Ministeriums Earp in Runiänien neuerdings genommen haben, verschlägt bei den rumänischen Juden nicht. Sie kennen offenbar ihre Pappenheimer besser und sie wissen, daß die liberalen Verordnungen, welche Herr Earp neuerdings erlassen hat, eitel Schwindel sind, in die Welt gesetzt, um eine Anleihe zu ergattern. Die armen, unwissenden rumänischen Juden kennen auch das rumänische Volk und seine Verfassung weit besser, als ihre superklugen Beschützer in Deutschland, England und Frankreich. Sie wissen, daß der Antisemitismus einer der Grundpfeiler der rumänischen Verfassung ist, der mit diesem steht und fällt, daß nicht irgend ein aniisemitisches Ministerium, sondern das durch und durch antisemitisch durchseuchte rumänische Bojarenthum erst gestürzt werden müßte, lvenn die Lage der Juden in Rumänien lvirklich eine Besserung erfahren soll. Welche Macht die Bojaren in Rumänien noch besitzen, belveist ein Artikel, den ein genauer Kenner Rumäniens, der rumänische Schriftsteller Peter Mircescu im russischen „Nord. Cur." kürzlich veröffentlicht hat: „Nach fünfzigjährigem Kampfe stehen Ivir auf demselben Flecke!" ruft Herr Mirescu aus. „Da das bestehende Wahlrecht ihnen die ganze Macht im Lande überläßt, sind die Bojaren nicht nur de facto, sondern auch de jure Herren von Rumänien. Sie betrachten die armen Bauern ganz lvie ehemals als ihre wahren Selaven und behandeln sie auch als solche. In keinem Laude, selbst Ungarn und Galizien nicht ausgenommen, viickt der Edelmann mit solcher Verachtung aus den Bauer herab, wie in Rumänien. Und diese allmächtige, geldgierige, genußsüchtige, ihre Privilegien um jeden Preis vcrthcidigende Menschenklasse bietet alles auf, um jede Stimme im Lande zu unterdrücken und das Ausland irre zu führen!" Und mit diesen wahren Herren des Landes, fügen loir hinzu, wollen die rechtlosen, unterdrückten Juden fertig werden! Stumpfsinnig und von beschranktegoistischem Standpunkte geleitet, ivenden die rumänischen Bojaren alles an, um die Juden aus Rumänien zu verdrängen. Sie brauchen den von letzteren eingenommenen Platz nothlvendig für die durch ihren grenzenlosen Egoismus bis an den Bettelstab gebrachten Bauern. Denn der rumänische Bojar wird Hunderte von Heetaren seines Bodens lieber unbebaut lassen, bevor er sie gegen eine seiner Habsucht ungenügend scheinende Pacht den verhungernden Bauern zur Bearbeitung überläßt. Es kann ihm nun wenig daran liegen, den hungernden, durch ihn selbst und seinen Geiz zum unfreiwilligen Müßiggang gezwungenen Bauer, der ihn bitter haßt, in seiner Nähe zu wissen und sieht ihn sehr gern in die Stadt fortziehen. Da jedoch die Städte von den Juden oecupirt sind, so suchen die edelsten der rumänischen Nation die Juden aus dem Lande zu drängen, damit der Bauer in die sreigewordene Stelle rücken kann. Bon diesem Standpunkt aus betrachtet, gibt es für die rumänischen Juden kein anderes Heil, als die Auswanderung. Sie müßten denn im Stande sein, im Verein mit den Bauern eine Revolution zu machen, um das Bojarenregime zu stürzen. Leider ist dafür nicht die geringste Aussicht vorhanden und so bleibt ihnen nur die Wahl Zwischen ewiger Verfolgung und Emigration. An dieser Alternative wird auch das Ministerium Carp wenig ändern. Selbst lvenn dieses Ministerium es mit den Juden ehrlich meinen sollte — worau wir einstweilen entschieden zweifeln — wird es den Bojaren gegenüber nichts ausrichien können. Die kleine, aber allmächtige Partei, wird vielleicht ein Zeit lang, bis der nothwendige Pump gelungen ist, das Ministerium schweigend gewähren lassen, dann aber wird der Sturm des Antisemitismus von Neuem losgehen. Neue blutige Judenkrawalle werden, Tausende von jüdischen Existenzen und Hunderte von jüdischen Leben vernichtend, ausbrechen und unsere rumänischen Glaubensgenossen lvürden es bitter bereuen, daß sie sich abermals haben in Sicherheit wiegen lassen. Es ist daher erklärlich, daß die rumänischen Juden sich gegen das ihnen von Wien und London zugerusene „Halt!" sträuben und daß vom 25. Juni bis anfangs August über 12,000 Juden Rumänien verlassen haben. Es ist wohl möglich, daß die Aermeren unter ihnen aus Mangel an Mitteln, und weil ihre Glaubensgenossen im Westen, aus deren Hülfe sie stark gerechnet haben, sie im Stich lassen, nothgedrungen zu Hause bleiben werden, für die wohlhabenden Elementen unter ihnen gibt es keinen Halt. So haben sich in Poltuschen 100 Familien mit einem Kapital von 500,000 Frcs. zusammengethan, um nach Anatolien auszuwandern. Herr Isidor Bendavid hat dieser Vereinigung 10,000 Frcs. gespendet. In Bukarest haben 108 Gastwirthe, Caseehausbesitzer und Ladeninhaber ihre Geschäfte geschlossen, um »nt 800,000 Frcs. nach Eanada auszuwandern. (Nach den allerneuesten Nachrichten sollen es die rumänischen Behörden an Beweisen dafür, daß sie es mit ihren Juden in Zukunft besser ineinen, nicht fehlen lassen. Die Rückwanderer werden momentan in cntgegenkommenster Weise behandelt. Die Administrativ behörden sind aufgefordert worden, an die zurückgekehrten Auslvanderer an dem Tage, an welchem r;“ zu ihrem ursprünglichen Wohnungsorte zurückkehren, Brod und Käse zur Vertheilung zu bringen. Ebenso ist die Polizei von Galatz beauftragt worden, allen Auswanderern, die mit dem Schiffe von Budapest und Wien zurückkehren, bei ihrer Ankunft je ein Brod und > - Kilogramm Käse zu geben. Hoffentlich bleibt es nicht bei dem Brod und Käse. Red. d. „Israelit.")