Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-08-06 · Heft 63 (6.8.1900) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 63 (6.8.1900)
Date
1900-08-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449108--51283-2501787
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1295 Szczucin weilte, von einem gewissen Francizek Smist aus Wola Szczucin unter Beihülfe des Jan Gadoski aus Wies Swiadrowka und des Michael Wibosek aus Wola Szczucinska gewaltsam entführt und in das Kloster der Felicianerinnen in Krakau gebracht. Chane Weiser begab sich zur Krakauer Polizei-Direktion und bat, ihr zu einer Unterredung mit ihrem Kinde zu verhelfen, wurde jedoch zwei Wochen lang unter verschiedenen Vorwänden hingehalten. Der Referent, Polizei- Commissär Tomasik, erklärte der Mutter, daß er sich um jüdische Angelegenheiten nicht kümmere. Endlich beauftragte ihn der Polizei-Director, die Frau in das Kloster zu begleiten. Man verweigerte ihr jedoch den Eintritt in das Kloster, während Tomasik eine volle Stunde darin verweilte. Dann wurde die Mutter gerufen und ihr mitgetheilt, daß ihr Kind sie nicht sehen wolle. Als sie trotzdem darauf bestand, zu ihrer Tochter gelassen zu werden, stießen sie die Nonnen weg. Weitere Schritte zur Wiedererlangung ihrer Tochter hat Chane Weiser nicht unternommen, da sie in eine schwere Krankheit verfiel, die einen großen Theil ihres Vermögens aufzehrte. Den Rest verlor sie durch einen Brand. (Wir brachten s. Z. eine kurze Notiz über diesen Vorfall. Red.) Nach Angabe eines 20jährigen Mädchens Namens Gelb aus Swierczow, dem es mit großer Mühe gelang, nach 31,/. monatlichem Aufenthalte aus dem Kloster der Felicianerinnen in Krakau zu entkommen, werden daselbst zwei jüdische Mädchen aus Russisch-Polen, Namens Altmann und Ledermann, festgehalten, die unausgesetzt jammern, daß sie sich aus dem Kloster hinaussehnen." Derartiges geschieht unter den Augen der Behörden im „Rechtsstaat" Oesterreich! England. London, 31. Juli. Ueber die rumänischen Flüchtlinge in London hat Mr. Leonhard Cohen dem Verwaltungsrath der „I. K. A." zu seiner Sitzung am 22. Juli im Namen des „Board of Guardians" ein Memorandum überreicht, in welchem diese Körperschaft ihr Verhalten gegenüber den rumänischen Flüchtlingen zu rechtfertigen suchte. Nebst den 211 Personen, welche vom 18. Juni bis zum 8. Juli die Hilfe des „Board" in Anspruch nahmen und von ihm in der s. Z. von uns gemeldeten eigenthümlichen Weise behandelt wurden, haben sich vom 8. Juli bis kurz vor Abfassung dieses Brichtes nur 45 Personen mit Einzeleingaben an den „Board" gewandt. Davon wurden 5 nach Amerika und „21 nach Rumänien zurückgeschickt." Ueber 13 Fälle steht die Entscheidung noch aus. Daneben haben weitere 232 Personen unter Leitung ihrer Führer in 4 Gruppen die Hilfe des „Board" in Anspruch genommen. Es wurde ihnen aber bedeutet, sie mögten 232 Einzeleingaben machen, worauf jeder Fall für sich allein vom „Board" berathen werden würde. Mit vereinzelten Ausnahmen weigerten sich aber die Rumänen, auf dieses Ansinnen einzugehen. Außer diesen 443 Personen wurden weitere 660 vom „Verein für obdachlose Juden" verpflegt, von denen 433 nach Canada befördert wurden. Der „Board" ist jedoch der Ansicht, daß unverheirathete Personen zur Colonisation ungeeignet seien und darum nach Canada nicht befördert werden dürfen' ebensowenig dürften Familienväter, welche ihre Angehörigen hilflos zurückgelassen haben, unterstützt oder gar nach Canada befördert werden. Das würde die Leute nur noch mehr ermuntern, ihre Familien im Stich zu lassen. Die ganze Verantwortlichkeit für seine vielfach getadelte Zurückbeförderungspolitik wälzt der „Board" auf die Comitees des Continents ab, welche, die Flüchtlinge von Ort zu Ort weiterschiebend, sie schließlich nach London, als dem zunächstgelegenen Hafenplatz, beförderten. Dann aber fährt das Memorandum fort: „Es kann denjenigen, welche die Gebote des Gemeinsinnes und der Menschlichkeit negiren, nicht oft genug wiederholt werden, daß die Sympathien der englischen Juden für die Leiden der rumänischen Juden nicht minder activ sind, als die unserer Glaubensgenossen auf dem Continent. Allein der „Board of Guardians" will als Wächter über die Interessen der in London bereits ansässigen fremden Juden alles aufbieten, um Stauungen im jüdischen Viertel von London zu verhindern, wo kein Raum mehr vorhanden und die Arbeitsgelegenheit so rar sei!" Der „Board" beschwerte sich dann über die erfolgten Beförderungen nach Canada, wodurch in Rumänien neue unerfüllbare Hoffnungen geweckt werden mußten. Der „Board" befürchtet auch, daß es den Emigranten in Canada sehr schlecht ergehen werde, da die Leute von der Landwirthschaft wenig verstehen. Ferner befürchtet der „Board," daß durch die Beförderung der rumänischen Juden nach Canada „auch in Rußland das Auswanderungsfieber von Neuem entfacht werden würde." Zum Beweis führte Mr. Leonhard Cohen die Thatsache an, daß eine Anzahl in London längst ansässiger russischer Juden beim „Board" um ihre Beförderung nach Canada gebeten haben, und daß, „wie man sagt," 100 russische Familien bereits unterwegs nach London seien. (Bange machen gilt nicht! Die russischen Juden denken nicht daran, nach London zu gehen und dem famosen „Board of Guardians" Einzeleingaben zu überreichen. Red.) Zum Schluß forderte der „Board" die „I. K. A." im „Namen der englischen Juden" auf, 1) die Massenemigration aus Rumänien zu unterdrücken; 2) nur solche Emigranten über London zu schicken, die mit Schiffskarten bis zu ihrem Bestimmungsorte versehen sind; 3) daß unter den Auswanderungslustigen schon am Einschiffungsplatze eine sorgfältige Auslese vorgenommen werde; 4) daß am Bestimmungsorte zum Empfange der Emigranten genügende Vorkehrungen getroffen werden. T.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.