Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 63 (6.8.1900)
- Date
- 1900-08-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449108--51273-2501777- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
41. Jahrgang. M «3 Der Israelit. Ein Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. in Montag, den 6. August 5660 (1900). Leitender Artikel. Entsagung und Hoffnung. Wncht«- j« lera na».) Von Rabbiner Dr. Daniel Fink, Wien. Ein merkwürdiger Widerstreit der Gefühle ist es. in welchem der heutige Wochenabschnitt und die an denselben angeschlossene Hnphtara sich bewegen. Vertiefen wir uns in den beiderseitigen Inhalt, so hat es den Anschein, als ob sie die Seiten unseres Herzens in entgegengesetzten Richtungen schwingen machen wollten. Dieser Gegensatz ist so groß, wie es der zwischen Hoffnung und Entsagung nur sein kann. Den Eingang unseres Wochenabschnittes führt uns Moses vor. wie er, damit ihm der Anblick des heil. Landes vergönnt werde, die Gnade Gottes anruft. Wir können gerade dieser Bitte unsere vollste Theilnahme nicht versagen. Von ihrer großen Berechtigung ganz zu geschweigen. tritt uns Moses hier zum ersten Male menschlich näher. In seinem bisherigen Wirken nur den 'pbrr vr* — die göttliche Seite seiner Persönlichkeit hervorkehrend, und alles, was an menschliche Schwachheit erinnern könnte, weit in den Hintergrund drängend, zeigt er sich nun auch einmal von echt menschlichen Regungen beseelt. Dem Wunsche wird das Willfahren versagt, nn 1212 -ny Hn 12-1 Rpwn bx Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich dem herben Schmerze der Entsagung zu überlasten. Auf der andern Seite hat Israel sich eben erst von dem Erdboden erhoben, wo es^ den Verlust desselben Gutes, nach welchem Moses' Herz entfhHmmt war — des heiligen Landes nämlich — beklagt •' hat., Anstatt uns nach dem Beispiele Moses in de»» Ent-^' sagung desten zu üben — was nun einmal verloren ist, horchen wir auf die schwungreiche Trostrede des Propheten hin: "pbrr nar 'vy icnj icro „Tröstet, tröstet mein Volk, fordert euer Gott." In unserem Herzen sind damit neue Hoffnungen erweckt, die in's Unabsehbare führen. So möge denn der Betrachtung der Gegensätze „Hoffnung und Entsagung" unsere Aufmerksamkeit sich zuwenden, um zu erwägen, von welchen Gedanken Moses' Entsagung und von welchen Gründen des Propheten Tröstungen getragen sind. I. Wem wie Moses der herbe Schmerz widerfahren, daß ihm der größte und innigste Wunsch seines Lebens versagt worden, dem bleibt nichts anderes übrig, als sich dem beschwichtigenden Einfluste der Zeit zu überlasten. Liegt doch in der Zeit eine eigenthümliche lindernde Kraft. Sie wirkt wie etwa das Wasser, das alle festen Masten, an denen der Hammer seine Wucht oft vergeblich versucht, aufzulösen vermag. Dieser so wohlthuenden Wirksamkeit der Zeit steht auf der anderen Seite ein ebenso bedauerlicher Nachtheil gegenüber. Die Zeit unterwirft ihrem auflösenden, verwässernden Einflüsse auch alle großen Gedanken und heiligen Rechte. So nur kann es kommen, daß solche uns ganz allgemach aus der Hand gleiten. Selbst große Männer können sich nur selten diesen Einwirkungen entziehen. Aus diesem Gesichtspunkte begreifen wir recht wohl eine Begebenheit aus dem Leben des weisen Rb. Josua b. Chananja. „Nur dreimal," so erzählt er, „wurde ich bei gelehrtem Meinungsaustausch widerlegt: einmal von einer Frau, das andere mal von einem Mädchen und das drittemal von einem Knaben." Es hatte damit folgende Bewandniß. Einst auf einer Wanderung begriffen, wollte Josua b. Chananja eben einen Feldweg betreten, um schneller an sein Ziel zu gelangen. Ein Knabe, der dort zufällig saß, ries ihm entgegen: „Wie darfst du es nur wagen, eigenmächtig in fremdes Eigenthum zu dringen?" Jener entgegnete: