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Der Israelit · 1900-07-26 · Heft 60 (26.7.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 60 (26.7.1900)
Date
1900-07-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1323 ien, und er sein Judenthum, wie er es von Jugend auf gewöhnt war, zu bethätigen vermochte, so war es für ihn doppelt schwer geworden, etwas Paffendes zu finden. In Wallstedt traf Beides zu. Seine landschaftliche Lage war unvergleichlich schön, durch Berge war es vor rauhen Nord, und Ostwiuden geschuht und es bot wundervolle Spaziergänge in kräftiger, ozonhaltiger Bergesluft. Aber auch das jüdischreligiose Leben in Wallstedt entsprach im Großen und Ganzen den Wünschen Gottschalk's Von den ziemlich zahlreichen Geschäften des Städtchens war kein einziges am Sabbat geöffnet, jeden Tag lvar Minjan im Gotteshaus, und einzelne alte Gemeindemitglieder pflegten auch allwöchentlich mehrere Male zu einem Schiur zusammen zu kommen. Bon Anfang an hatte ein geheimnißvoller Nimbus den alten Gottschalk und seine Gattin umschwebt. Niemand wußte etwas Genaueres über sie. Eines schönen Tages waren sie dagewefen und hatten sich alsbald mit überaus regem Eifer an dem jüdischen Gemeindeleben Wallstedts betheiligt. Sie machten Eindruck mit ihrer ungeschminkten Frömmigkeit und ihrem herzlichen, liebenswürdigen Wesen. Alle fühlten sich zu den beiden würdigen Leuten hingczogcn, wie im Fluge hatten sie sich die Herzen erobert. Ohne zudringlich zu sein, verstand es Gottschalk, sich binnen kurzer Zeit eine gewiffe Autorität in der Ge, meinde zu verschaffen, und diese Autorität benutzte er, mn mit geradezu heiligem Eifer für die Festigung der religiösen Institutionen und für die ungeschmälerte Be, Wahrung der religiösen Besitzthümer thätig zu sein. Auch seine Frau, eine würdige jüdische Matrone von großer Einfachheit — trotz ihres Reichthums — und von tiefer, innerer Religiosität, wußte das schöne Haus oben am Bergeshang zu einer Heimstätte echter Frömmigkeit zu gestalten. Kinder mußten sie haben, denn sie sprachen zuweilen von ihren Söhnen und manchmal war auch einer dieser Söhne bei ihnen auf kurze Zeit zu Besuch anwesend. Seit also Gottschalks in Wallstedt wohnten, hatten, wie gesagt, jene Chanukka-Abende neuen Aufschwung genommen. Gottschalk setzte es durch, daß nicht den ganzen Abend gespielt wurde, sondern daß man sich an einem Theil des Abends Uber die verschiedensten Dinge jüdisch-religiösen Inhaltes unterhielt. Und da war er die Seele des Gesprächs. Uebcr alles wußte er Bescheid, und seine Ansichten waren so vernünftig und dabei von einer so begeisterten Frömmigkeit getragen, daß allmählich alle ehrfürchtig zu ihm aufschauten. Wahrlich! Der Mann mußte viel gelernt, viel erfahren haben. Nun geschah es im vorigen Jahre, daß am Chanukka die Einladung, die Gottschalk ergehen ließ, auf Freitag Abend fiel. An Spiel war da natürlich ohnehin nicht zu denken. Man war wohl oder übel gezwungen, sich durch allerlei mündliche Unterhaltungen zu zerstreuen, und in der That. die liebenswürdigen Gastgeber waren von einer bewundernswerthen Geschicklichkeit, urn das Interesse ihrer Gäste wach zu erhalten. Ein junger Rechtsbeflisfener, der an diesem Abend zum ersten Riale bei Gottschalt's eingesührt war, hatte nun neugierig nach dem Grunde gefragt, warum man sich am Sabbat nicht an harmlosem Kartenspiel ergötzen dürfe. Diese Frage hatte bald zu einer ernsten Diskussion über religiöse Fragen im Allgemeinen geführt, und da zeigte es sich, daß im Grunde ihres Herzens nicht Alle in Wallstedt einen durchaus strengen, konsequent religiösen Standpunkt vertraten. Es machten sich mannigfache Strömungen geltend, denen man es anmerkte, daß sie von der herrschenden Zeitströmung hervorgerufen tvaren und deren Vertreter keinen Anstand nehmen tviirden. unter Umständen dieser Zeitströmung auch im praktischen religiösen Leben Rechnung zu tragen. So sprach inan auch über die Sabbatfeier. Der Fabrikbesitzer Elfinger, dessen Geschäftsbetrieb am Sabbat vollständig ruhte, vcrthcidigtc mit eifrigen Worten die strenge Religiosität, die lieber Alles hingibt, ehe sic sich zu einem vcrboteiten Schritte entschließt. „Ach tvas!" raisonnirte darauf Herr Nathan Marx, der Inhaber eines kleinen .Konfektionsgeschäft»^ „es ist jetzt überhaupt nicht mehr möglich, am Sabbat zu schließen! Jawohl, früher, da tonnte inan am Sonntag einigermaßen wieder gut machen, tvas man am Sabbat eingebüßt hatte; aber heute, wo die obligatorische Sonntagsruhe uns auch dies unmöglich macht und lvir im Grunde gezwungen sind, zwei Tage zu schließen, heute ist es eine Zumuthung, daß man den Sabbat halten soll! Uebrigens, man kann ja Sabbat halten, man kann zur Synagoge gehen, man kann Kid dusch macken, inan kann seine Kinder segnen, man kann sein Semirauß singen und so weiter — weßhalb sollen denn aber die jüngeren Leute nickt im Laden verkaufen dürfenDer liebe Gott kann doch nicht ivolleu, daß man seinetwegen verarmt!" „Lieber Marx," fiel Elfinger ein, „sehen Sie mich an! Bin ich verarmt?" „Ja, Sie!" eiferte jener weiter, „Sic haben ein Fabrikgeschäft! Sie können sich's einrichten, lvic sie wollen! Aber wir mit unseren offenen Läden!- Es ist wahrhaftig keine .Kleinigkeit, wenn lvir zusehcn müssen, wie die Kundschaft zur christlichen Konkurrenz läutt! Es ist keine Kleinigkeit!" „Es fehlt Ihnen aber der gute Wille, lieber Marx," wies ihn Elfinger zurecht, „mit ihm kann man Alles, Alles!" „Nein, man kann nicht," ries Marx, „man kann nicht! Heute gewiß nicht mehr! Sie selbst, toerthcr

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