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Der Israelit · 1900-07-23 · Heft 59 (23.7.1900) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 59 (23.7.1900)
Date
1900-07-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1211 Fälle von Mädchenraub in Galizien bekannt. Am 11. September 1899, am Versöhnungstage, wurde die 16jährige Tochter Esther der in Szucinska bei Tarnow wohnhaften Wittwe Chane Weiser, während diese in der Svnagoge war, von mehreren Bauern gewaltsam entführt und in das Kloster der Felieianerinnen gebracht. Alle Versuche der Mutter, zu ihrer Tochter zu gelangen, waren vergebens. In dieses Kloster wurde vor einiger Zeit die 16jährige Tochter Feigel des Handelsmannes Mendel Segeltuch aus Dobczyze von zwei christlichen Schneiderinnen gebracht. Auch diese konnte bisher trotz aller Bemühungen des Vaters, nicht befreit iverden. Außerdem sollen noch zwei Judenmädchen aus Russisch-Polen im .Kloster sein. Budapest, 21. Juli. Gestern sind 669 aus Rumänien ausgewanderte Israeliten hier eingetrossen. Da das Schiff die Rächt iiber hier blieb, richtete die Polizei einen strengen Wachtdienst ein, damit Niemand das Schiff verlassen konnte. Budapest. (Die Tragödie des Säuglings). Mit der Röche der Eustrüstung im Antlitz, Empörung und bitterer Scham im Herzen, Scham darüber, daß sich so mittelalterliche Gräuel in Ungarn zutragen konnten, berichten wir das Folgende: Der Dampfer „Hildegard" der österreichischen Donau - Dampfschifffahrtsgesellschaft landete einen neuen Transport emigrirender rumänischen Juden am Budapester Ufer. Die Delegirten der Pester isr. Religionsgemeinde und der Volksküche des Pester israelit. Frauenvereins erwarteten die Unglücklichen, die, wie man weiß, im freien Ungarn nicht den ungarischen Boden betreten dürfen, sondern, wie das liebe Vieh, sofort umgeladen und mit einem andern Schiff weiter und außerhalb der Grenzen Ungarns befördert werden. Beim Eintritt der Delegirten in das Schiff spielte sich eine herzzerreißende Scene ab. Ein junges Weib, dem Hunger und Verzweiflung tiefe Spuren in's blasse Antlitz gedrückt, stürzte den Delegirten entgegen, ihren Säugling hoch emporhaltend. „Rettet mein Kind!" rief sie mit bebender Stimme. „Es stirbt Hungers." Die Delegirten der Cultusgemeinde wandten sich der jammernden Frau, lvelche selbst ein Bild entsetzlichen Jainmers bot, zu. Die Arme nannte sich Fanni Fever geb. Markovics, und was sie erzählte, machte den Zuhörern das Blut in den Adern stocken. Es ist das schreckliche Martstrium eines armen unschuldigen Säuglings, ivelcher auf dem Dampfschiffe zu Tode gemartert wurde, lveil er — ein Jude ist. Zu Anfang dieser Woche, so erzählte die Frau, machte sich eine aus 30 Mitgliedern bestehende Truppe rumänischer Juden von Galatz aus auf die Reise, um nach Kanada, dem Ziele aller aus Rumänien auswandernden Juden, zu gelangen. Sie fuhren bis Orsova auf einem rumänischen Schiffe. Bon Orsova setzten sie die Fahrt auf der „Hildegard" der k. k. priv. Donau-Dampsschifffahrts - Gesellschaft gegen Budapest fort. — Unter den Auswanderern befand sich auch Moriz Fester mit seiner oben erwähnten Frau und ihrem 11 Wochen alten Kinde. Ueberstürzt, wie die Armen sich auf die Reise machten, konnten sie sich nicht genügend Nahrungsmittel mitnehmen. Die Leute litten Hunger und der unglücklichen Frau versiegte die Mutterbrust, die sie ihrem Kleinen reichte. Die Mutter mußte nun das Kind künstlich ernähren. Auf dem rumänischen Schiff erhielt die Fester genügend Milch für ihr Kind. Anders war es auf dem Dampfer der k. k. priv. Donau- Dampfschifffahrts-Gesellschaft. Folgenden Tags morgens, als das Kind erwachte, eilte Fester in die Schiffsküche, um etwas warme Milch zu kaufen, der Koch aber tvies den Mann in roher Weise ab und rief: „Schau, daß Du weiter kommst, lumpiger Jude, oder ich werfe Dich hinaus." Der Arme wandte sich an die Kellner, an den Restaurateur, doch diese gaben ihm barsch zu verstehen, daß die Juden ans dem Schiffe nicht einmal einen Tropfen Milch bekommen werden. Einige gutherzige Mitreisende gaben der Mutter etwas Milch für das Kind, der arme Wurm sog die kalte Milch mit Heißhunger ein und — wurde krank. Der verzweifelte Vater rannte wieder in die Küche, zu den Kellnern, jammerte und bat: „Verkaufen Sie mir etwas warme Milch für mein krankes Kind oder etwas heißes Wasser, damit ich dem Kinde Thee bereiten kann. Das Kind geht mir ja zu Grunde!" „Schad't nichts," lachten die edlen Herren, „wird's um einen Juden weniger geben," und der arme Mann erhielt für Geld nicht einmal ein bischen heißes Wasser. Fester wandte sich nun in seiner Verzweiflung an die Kapitäne der „Hildegard," Petenyi und Herz, doch auch diese Herren wiesen den jammernden Vater in barscher Weise ab. Unter den Reisenden rief das brutale Vorgehen der Kapitäne und des Schiffspersonals die größte Entrüstung hervor. Einige Damen von der ersten Klasse machten eine Kollekte und wollten dem Koch 10 fl. für ein Glas warmer Milch geben. „Ich darf den Juden nichts verkaufen," sagte der Koch, „der Kapitän hat's verboten." So geschah es, daß auf einem Dampfschiffe ein armes krankes Kind mehrere Tage hungern mußte. Natürlich wimmerte das arme Kind herzzerreißend. „. . . . und jetzt stirbt mein Kind!" schrie die unglückliche Mutter fast dem Wahnsinn nahe. Die Emigranten, welche das arme Weib umgaben, bestätigten die buchstäbliche Wahrheit ihrer Aussage. Sie fügten hinzu, sie wären auf dem Schiffe brutalisirt und beschimpft worden; die ganze Emigraniengesellschaft hungerte, da man den Juden auf dem Schiffe nicht gestattete, sich ihre Speisen zuzubereiten oder auch nur zu wärmen. Die Delegirten der Cultusgemeinde, welche den Emigranten Lebensmittel, Geld und Wein gebracht

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