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Der Israelit · 1900-07-12 · Heft 56 (12.7.1900) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 56 (12.7.1900)
Date
1900-07-12
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1154 manches zu wünschen übrig laffen. Aehnlich verhalte es sich auch hier. Würde der gesonderte, systematische Religionsunterricht befriedigende Erfolge zeitigen, so wäre eine Besprechung über die Nothwendigkeit überflüsiig. Da dieses Thema jedoch gestellt ist, so muffen die Ansichten über denselben verschieden sein. Bei der Besprechung werde es sich darum handeln muffen, ob neben dem Unterricht in den religiösen Disciplinen (Bibel, Gebet) noch ein gesonderter sog. systematischer Religionsunterricht consorm dem christlichen Katechismusunterricht zu ertheilen sei, oder ob das, was dieser gesonderte systematische Religionsunterricht biete und erzielen soll, nicht bester anknüpfend an die übrigen religiösen Disziplinen den Kindern gegeben werde. Bei der Behandlung einer derartigen Frage seien zwei Punkte zu beachten: was sagen die Anhänger, was die Gegner des gesonderten systematischen Religionsunterrichts. Beide Meinungen müßten gegenübergestellt, und dann müsse nachgewiesen werden, welche Ansicht den Gesetzen der Pädagogik nach die richtigere sei. — Die Nothwendigkeit eines gesonderten systematischen Religionsunterrichtes behaupten alle Berfaffer von systematischen Religionsbüchern, da dieselben im andern Falle derartige Bücher, wie wir sie bis heute haben, nicht geschrieben hätten. Ansichten von Gegnern könnten nicht vorgeführt werden, da in derartigen Abhandlungen die Frage in einem ablehnenden Sinne noch nicht beantwortet sei. Die religiöse Ausbildung in früherer Zeit sei eine viel tiefergehende und erfolgreichere gewesen, als heute. Nicht ein gesonderter systematischer Religionsunterricht sei es gewesen, der die Kinder für die väterliche Religion begeistert, sondern die umfangreiche Unterweisung in der jüdischen Litteratur, Bibel und Talmud, sowie in der rabbinischen Litteratur; hauptsächlich aber das intensive Bibelstudium, wie ja die Litteratur und Geschichte eines jeden Volkes auf die Bildung des Herzens und Gemüthes einen großen Einfluß ausübe. Wenn unsere Vorfahren ihren Kindern Werke in die Hand gegeben hätten, die wir für systematische Religionsbücher halten, so hätten nicht Schulkinver sich damit beschäftigt, sondern Jünglinge, welche dem Studium oblagen und zur Abwehr auch sich rüsten sollten. Dieses jüdische Erziehungswesen änderte sich mit dem Anfänge des vorigen Jahrhunderts. Die plötzliche Einführung in das Bildungsleben der deutschen Nation verwirrte die jüdische Jugend, und dem religiösen Abfall, welcher die Folge dieser Verwirrung war, suchte man durch den jüdischen Katechismus entgegenzutreten. Es wurden Bücher verfaßt, deren Werth praktisch noch gar nicht erprobt sein konnte, und der auch dementsprechend sehr gering war. Die Psychologie in erster Linie beweise, daß ein gesonderter systematischer Religionsunterricht nutzlos sei, denn sie lehre: „Begriffe, denen nicht ein reiches Vorstellungs- und Gefühlsleben zu Grunde liegt, sind null und nichtig." Der gesonderte systematische Religionsunterricht beschäftige sich aber gerade mit abstrakten Dingen, wie ein Blick in diese Religionsbücher zur Genüge zeige. An der Hand der verschiedensten Religionsbücher, wie Herxheimer, Stern, Stein, Mandus etc. weist Referent die Berechtigung seiner Bemängelung nach. Da das Ziel, dem der wahre Religionsunterricht zustreben müsse, die Gottesebenbildlichkeit sei, so sei aller Unterricht Religionsunterricht, weil aller wahre Unterricht Geist und Gemüth bilde und füralles Gute den Keim in's Kindesherz legt. Wenn nun auch jeder Unterrichtsgegenstand Religionsunterricht sein soll, so sind doch die religiösen Belehrungen vorzugsweise an die Bibel u. das Gebetbuch anzuknüpfen. Die Bibel knüpft fast alle religiösen Belehrungen an Ereignisse und Personen und macht dadurch die Lehren und Wahrheiten lebendig in uns, während der gesonderte systematische Religionsunterricht etwas abstraktes ist, den das Kind nicht versteht, und wofür es sich auch nicht begeistern kann. Die sittlich religiösen Begriffe, Urtheile und Grundsätze, wie wir sie in den systematischen Religionsbüchern finden, dürfen also nicht Ausgangspunkt des Unterrichts sein, wie diese Bücher sie betrachten, sondern sollen während der Behandlung der einzelnen biblischen Geschichten von dem Kinde selbst gefunden und in Form eines Spruches oder Gebotes ausgedrückt und nach und nach zusammengestellt werden. Auch an das Gebetbuch solle der Religionsunterricht angeknüpft werden, da dieses dem Volke in mancher Hinsicht noch bekannter sei, als die Bibel und das Volk manche religiösen Wahrheiten nur aus dem Gebetbuche kenne, wie die Lehre von der Unsterblichkeit, Auferstehung, messianische Zeit etc. An verschiedenen Beispielen zeigt der Referent zum Schluffe, wie der Religionsunterricht an den Bibel- und Gebetübersetzungsunterricht zu knüpfen sei. Reicher Beifall folgte den fast dreiviertelstllndigen Ausführungen des Referenten, dem der Vorsitzende den Dank der Versammlung für den fleißig gearbeiteten und sehr lichtvoll gehaltenen Vortrag aussprach. Nach Wiederaufnahme der Konferenzsitzung erhält Koll. F a b i s ch das Wort zu seinem Korreferat. Derselbe erklärte seine prinzipielle Uebereinstimmung mit den Ausführungen des Referenten. Hatte der Referent seinem Schlußworte nach eine rege Discussion auch erwartet, so war eine so überaus lebhafte, zeitweilig sehr erregte Debatte doch nicht vorausgesehen, in der eine Minderheit die Nothwendigkeit einer gesonderten systematischen Religionslehre zu beweisen sich bemühte. Als Resultat der Debatte gelangten folgende Thesen zur Annahme: I. Der systematische Religionsunterricht als besonderer Unterrichtsgegenstand ist pädagogisch nicht gerechtfertigt, denn er ist nicht elementar, weil:

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