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Der Israelit · 1900-07-12 · Heft 56 (12.7.1900) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 56 (12.7.1900)
Date
1900-07-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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41. Jahrgang. Erste Aeikage zu M 56 des „Zsraekit". Zeitungsnachrichtett und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 9. Juli. Ein ergreifendes Bild war es, das heute sich unseren Blicken zeigte. 170 rumänische Juden sind wieder angelangt. Wie ein Lauffeuer durchlief die Kunde die Stadt und bald sah man Mitglieder des Sonntag sich konstituierten Hülfskomitees in den Straßen umher sich tummeln, ihr humanes Werk in Scene setzen. Diese Auswanderer sehen nicht so aus, wie diejenigen, die wir vor einigen Tagen hier hatten. Jene waren kräftige, rüstige Männer, zumeist junge Gestalten, denen Thatkraft und Lebenslust aus den Augen leuchtete, und sie hatten auch die nothwendigste, halbwegs anständige Bekleidung. Diese hingegen, abgehärmte Gesichter, zusammengetrocknet vor Sorge und Noth, und es fehlte ihnen das aller Nothwendigste an Kleidung und Wäsche, die bei solch großer Reise unentbehrlich sind. Vom Frankfurter Komitee waren einige Herren hierher entsandt, die eine entsprechende Anzahl Fahrkarten nach Rotterdam und auch Kleidungsstücke mitbrachten und hier wurde überall, wo man nur geben konnte, angeklopft, und überall fand man ein williges Ohr und offene Hände. Die ,',u spendenden Gegenstände waren in das Lokal eines hiesigen wohlthätigen Vereins beordert, und den ganzen Rachmittag war da ein Kommen, ein Gehen. Große Ballen und Pallete von Kleidungsstücken wurden von allen Ecken und Enden der Stadt gebracht, . und es sammelte sich zu einer großen, kaum zu überwältigenden Masse an. Da lagen Hunderte von Röcken, Beinkleidern, Westen, Hemden, Unterzeuge, Chemisetts, Kinderwäsche und Damenkleider bunt durcheinander. Zahlreiche Frauenhände, Damen der besten Gesellschaft, waren damit beschäftigt, das Wirrwar zu lichten und das Zusammengehörende zu sondern. Und das war keine leichte Arbeit. Alles arbeitet, alles schafft. Da bespricht sich eine Dame mit einer Auswanderersfrau, sich nach ihrem Bedarse erkundigend, da bekleidet eine andere einen Jungen, hier wird die Adjustirung für einen Säugling zurecht gemacht, da wieder ein kleines Mädchen von Kopf bis Fuß neu bekleidet. Während dieses im Saale, im ersten Stockwerk des Gebäudes, vor sich geht, zeigt sich uns unten im Hofe ein anderes Bild. Hier werden die Männer versorgt. Gruppenweise treten sie an. Dem einen fehlt ein Rock, dem zweiten eine Hose, dem dritten Beides, einem vierten Alles. Alles ist aber vorhanden. Schlipse, Kragen, Strümpfe, Jägerhemden; vieles noch ungebraucht, manches von erster, feinster Qualität. Hiesige Schuhfabriken haben in anerkennenswertster Weise große Posten neuer Schuhe geschickt, die reichlich vergriffen wurden. In der Küche des genannten Lokals wird für die Auswanderer gekocht. In Töpfen von gewaltigen Dimensionen kocht fast ein Centner Fleisch, Reis und Kartoffeln, 168 Teller und Bestecke wurden neu gekauft und gegen 6 Uhr Abends ging die Speisung vor sich. Die Ruhe, Besonnenheit und Ordnung, welche hierbei herrscht, zeigt uns, daß wir es mit besseren Leuten, das Mauzoh und Benschen, daß wir es mit Juden zu thun haben. Als ich dieses mit angesehen nnd angehört, als ich dem rührenden nmo- Gebete beigewohnt, konnte ich die alte und ewig neue Frage nicht unterdrücken: Warum gerade diesen guten Menschen dieses schreckliche Loos? Einer unter ihnen löste mir das Räthsel. „Wir waren", so sagte er, „nicht immer so religiös. Durch Annährung an Sitten und Gebräuche unserer Landesbrüder, der Rumänen, glaubten wir das Rischus zu unterdrücken. Wir hielten feinen Sabbath, wir verletzten die Speisegesetze, wir suchten es zu verbergen, daß wir Juden sind. Sehen Sie sich die Frauen da an; alle tragen sie eigenes Haar!" Sollten wir uns diese schlichten Worte eines rumänischen Auswanderers nicht merken? L. K. Wiirzburg, 9. Juli. Gestern Abend zog wieder eine Gruppe von 170 rumänischer Emigranten hier durch. Dieselben wurden wieder reichlich mit Speise und Trank von dem hiesigen Hilfskomitee versehen. Eine große Menge älterer und jüngerer Damen und Herren aus hiesiger Gemeinde, darunter Herr Rabbiner Bamberger und Mitglieder der Cultusverwaltung, hatten sich an den Bahnhof begeben, um die Ankommenden zu begrüßen und bei der Vertheilung von Lebensmitteln an dieselben behilflich zu sein. Wiederum zeigte sich die warme Theilnahme an dem Unglück dieser Leute und bewährte sich das jüdische Mitgefühl in schönstem Lichte. Nach fast einstündigem Aufenthalte setzte sich der Zug unter dem Dank und Hochrufen auf den Landesfürsten und die hiesige Gemeinde von den Scheidenden und den Glückwünschen der Zurückgebliebenen in Bewegung. Das Reiseziel war Mainz, Rotterdam, Canada. Koblenz, 11. Juli. Infolge telegraphischer Aufforderung des Mainzer Rabbiners sind bis gestern in drei Abtheilungen die armen heimathlosen Rumänen mit Speise und Geld reichlich versorgt worden. In lauten Worten drückten sie bei ihrer Abfahrt ihren Dank aus. Der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Raphael L ö b, der eben erst von schwerer Krankheit erstanden ist, ließ es sich nicht nehmen, an die Spitze mehrerer Wohlthäter sich zu stellen und diese Menschenpflicht zu üben.

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