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Der Israelit · 1900-02-15 · Heft 14 (15.2.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 14 (15.2.1900)
Date
1900-02-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Ifl V . . > ... -.,- t' - -m,.!< 275 „Mutter!" schluchzte es, „Mutter! — steh' doch auf! — bitte, bitte, steh' auf!" und mit seinen schwachen Kräften bemühte es sich unablässig, das Haupt der anscheinend Verunglückten zu heben. Jetzt fiel der Schein des Mondes auf ein starres, blasses Angesicht, Hugo schauderte, es schien das Antlitz einer Leiche. „Sei ruhig, liebe Kleine," sprach er freundlich zu dem Kinde, indem er nun seinerseits sich bemühte, die auf der Erde Liegende aufzurichten, „wir wollen sie in den Wagen heben und in's Schloß bringen, da wird sie sich rasch erholen. Fassen Sie mit an, Friedrich, wir wollen die arme Frau vorsichtig in den Wagen legen." Der Kutscher beeilte sich, der ihm gewordenen Aufforderung zu entsprechen, doch kaum hatte er seinen starken Arm um die Verunglückte gelegt und versucht, sie zu heben, als er, von Grauen erfaßt, sie wieder nicdergleiten ließ. „Es geht nicht, Herr Baron, unmöglich — wir können sie der Gnädigen nicht in den Wagen legen." „Was zögert Ihr?" rief die Baronin, sich aus dem Wagen lehnend, „wir können doch die arme Frau hier nicht auf der Straße liegen lassen." Der Kutscher hatte jedoch seinem jungen Herrn einige Worte zugeflüstert. „Friedrich hat recht, liebe Mama." sagte dieser, „es ist am besten, Du fährst weiter, in wenigen Minuten bist Du zu Hause und schickst dann einige Leute mit einer Matraze her, auf der sie die kranke Frau ins Schloß tragen tonnen, ich bleibe so lange hier bei ihr und dem Kinde." Das Kind, dein er bei diesen Worten das thranenüberfluthete Gefichtchen gestreichelt hatte, schmiegte sich vertrauensvoll an ihn. „Ein Doktor muß zur Mutter kommen," flüsterte sie mit verhaltenem Schluchzen. „Gewiß, gewiß, liebe Kleine," sprach die Baronin freundlich, „gleich soll der Friedrich in die Stadt fahren und einen Doktor holen — aber das Kind könnte mit mir fahren." „Willst Du," fragte Hugo und machte Miene, sie in den Wagen zu heben. „Nein, nein!" rief es ängstlich, indem es bei* Haupt der Verunglückten abermals umklammerte, „ich muß bei der Mutter bleiben." „Wie Du willst," sagte die Baronin, indem sie sich wieder in die Wagenecke lehnte. „Fahren Sie rasch, Friedrich — ich schicke sofort Leute her." Sie nickte dem Sohne zu und der Wagen rollte davon. Die Thränen des kleinen Mädchens waren versiegt. es hielt den Kopf seiner Mutter in seinen Armen und blickte vertrauensvoll zu dem jungen Manne empor, der so freundlich zu ihm sprach und ihm die golden schimmernden lockigen Haare aus der Stirne strich. „Wie beißt Du?" fragte er. „Elsa," erwiderte es schüchtern. „ElsaK -— ei, das ist ein schöner Name. Aber wie heißest Du noch? — ich meine mit dem Zunamen." „Ich heiße Elsa Meier," sagte es, „und die Mutier heißt Frau Meier." „Und Dein Vater heißt vermuthlich Herr Meier," sagte Hugo lächelnd; „ist's nicht so?" Ein tiefer Seufzer entrang sich der Brust des kleinen Mädchens. „Ja," sagte es, „die Leute haben immer Herr Meier zum Vater gesagt." Hugo blickte sie betroffen an. „Wo ist Dein Vater?" forschte er. „Der Vater ist beim lieben Gott." flüsterte es, indem es sich zu ihm wandte, „aber — bitte — man darf nicht vom Vater sprechen, sonst weint die Mutter," und ängstlich blickte sie in das starre bleiche Angesicht. — „Die Mutter schläft so lange —" „Wie lange schläft Deine Mutter schon?" fragte Hugo. „O, schon sehr, sehr lange — es ist noch ganz hell gewesen, da sind wir hier gegangen, und auf einmal ist die Mutter eingeschlafen und ist hingefallen, und als sie schon lange geschlafen hat, da habe ich sie gebeten, sie möchte doch aufstehen. Weil es dunkel geworden ist und weilsie die Augen gar nicht aufmachen wollte, da habe ich geweint, und da ist ein Mann gekommen, der hat der Mutter den Koffer weggenommen, worin unsere guten Sachen sind." „Das war ein böser Mann," sagte Hugo, von inuigein Mitleiden mit dem Kinde erfüllt, „wo wohnst Du?" „Jetzt wohnen wir nirgends," erwiderte die Kleine, die allmählig gesprächig geworden war, „aber sonst haben wir auf dem Hof gewohnt und ist es sehr schön gewesen. Da waren Hühner und Ziegen, Enten, Kühe und Gänse auch, und ein großer Hund ist auch da geivesen, der hat immer gebellt, wenn Diebe kommen wollten. Und einmal in der Nacht ist das große Feuer gekommen und hat alles verbrannt, den ganzen Hof — und der Vater hat mich hinausgetragen und die Mutter und alle Leute sind hinausgelaufen, und dann ist der Vater wieder hineingelaufen und wollte das Geld holen — und die Mutter hat es nicht haben wollen — aber der Vater ist doch hinein -- und da ist ein großes Stück Holz dem Vater auf den Kopf gefallen, und —" Es konnte nicht weiter sprechen, die Erinnerung an die Schreckensnacht hatte es überwältigt, es neigte das rosige Gesichtchen über das starre Antlitz der Mutter und weinte leise. Tief erschüttert streichelte Hugo seine schönen blonden Haare. „Armes Kind —" „Das sagt die Mutter auch immer, wir sind jetzt ganz arm. Aber der Onkel hat geschrieben, wir sollen zu ihm kommen, darum sind wir hergefahren — Morgen früh fahren wir mit der Eisenbahn weiter und morgen Abend kommen wir zum Onkel." „Wo wohnt denn Dein Onkel?"

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