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Der Israelit · 1900-03-26 · Heft 25 (26.3.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 25 (26.3.1900)
Date
1900-03-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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509 dem er. da der Baron ihmxleinpouvoirgegeben hatte, sehr bald in's Reine kam. Doch er hatte, außer für das Fuhrwerk, noch für verschiedenes Andere zu sorgen. Es war am folgenden Morgen, die Sterne standen noch funkelnd am Himmel, als Hugo, in seinen Pelz gehüllt, der Wohnung des Doktors zuschritt. Vor dem Hause desselben stand bereits der Hotelwagen, und als er an dem Schellenknopf an der Hausglocke drückte, kam der Arzt sofort, gleichfalls im Reisepelz, herunter. „Guten Morgen, Herr Baron! — Das heißt pünktlich sein, in diesem Moment schlägt es Sechs. — Bitte nur einsteigen." Hugo erwiederte den Gruß und stieg in den Wagen, der Doktor folgte, rief dem Kutscher einige Worte zu und schloß die Thüre. Gleich darauf setzte sich das Gefährt in Bewegung. Verwundert blickte der junge Mann in dem von zwei Kerzen erhellten länglichen Raum umher. Sämmtlicke Wände, auch die' Fenster und die Thüre, waren mit dicken Teppichen verhängt, auch auf dem Fußboden lag ein solcher und unter dem Plafond war ein gleicher ausgespannt. „Run, wie gefällt Ihnen dieser Salon?" fragte der Arzt lächelnd. „Ausgezeichnet," erwiederte der Baron, „ich halte cs geradezu für unmöglich, daß das Kind in diesem io wohlverschloffenen Raume sich erkälten könnte. Aber wozu ist denn das?" fragte er, auf den obern Theil eines Kinderkorbwagens deutend, der der Thüre gegenüber auf zwei Bänken stand. „Das ist für den Transport der jungen Dame," erwiederte der Doktor, den Vorhang zurückschlagend, lvodurch ein vollständiges Kinderbett sichtbar wurde. „Es ist groß genug," fügte er hinzu, „meine Alice ist sechs Jahre alt und hat sich erst gestern aus Muthwillen hineingelegt. Unsere kleine Patientin wird aber vollständig angekleidet, bevor sie hinein kommt, einige Wärmeflaschen kommen gleichfalls in den Wagen und rundherum kommen gleichfalls mit heißem Sand gefüllte Steinkrüge. Ich habe noch gestern Abend, gleich, nach dem der Herr Baron mich verlassen hatten, einen Voten hinaus in Ihre Villa geschickt, und habe der Frau Werner alles ausgeschrieben, was sic in Bereitschaft halten möchte, sie wird sicher die Krüge schon mit heißem Sand gefüllt haben, auch die Winterkleider des Kindes werden bereits durchwärmt sein. — Wenn wir sie heute zu so früher Stunde unerwartet überfallen hätten, das hätte die Sache zu lange verzögert. So kann die Geschichte rasch von Statten gehen und wird niit GotteS Hilfe gut gelingen." Hugo schüttelte staunend den Kopf. „Wie Sie trotz der Eile an olles das gedacht haben. Herr Doctor. Ich schulde Ihnen so vielen Dank — so vielen —" „Was den Dank betrifft, so habe ich mir bereits gestern erlaubt, meine Ansicht darüber auszusprechen, daß ich aber die unerläßlichen Vorsichtsmaßregeln nicht außer Acht gelassen, das bedarf doch sicher keiner Anerkennung, ich hätte sonst ein gewissenloser Arzt sein müssen." Der Wagen rollte jetzt über das holperige Steinpflaster, das erschwerte die Unterhaltung, doch besprachen sie noch das Nothwendigste und hatten in zwanzig Minuten die Villa erreicht. Vor der Wohnung des Verwalters stieg der Arzt zuerst aus. „Der Herr Baron begeben sich also, unserer Verabredung gemäß, in den anderen Flügel. Sollte ich wider Erwarten die Patientin nicht transportfähig finden, so lasie ich Sie sofort benachrichtigen. Erhalten der Herr Baron innerhalb zehn Minuten keine Nachricht, so können Sie darauf rechnen, daß der Transport vor sich gehen wird." Er zog grüßend den Hut und trat auf das Haus zu. — „Grüßen Sie mir die Kleine," rief Hugo ihm nach, „ick; hätte sie sehr gerne vor der Abreise noch einmal gesehen." Der Doctor schüttelte abwehrend den Kopf und begab sich in die Wohnung des Verwalters. Der Baron verließ gleichfalls den Wagen und ging hinüber in die Wirthschaftsräume, von wo er den Wagen, in dem das Kind überführt werden sollte, im Auge behalten konnte. Der Morgen dämmerte bereits, als er zum Fenster trat, das in den Schloßhof führte; hier sah er. wie der Kutscher mit Hilfe eines im Schlosse Bediensteten den Kinderwagen in das Haus trugen. „Gut, daß ich mich an den Doctor gewandt," flüsterte er in sich hinein, „wer weiß, ob ein Anderer Alles so zweckentsprechend vorbereitet hätte, mir wäre das alles nicht im Traume eingefallen." Er hielt die Uhr in der Hand und verfolgte mit den Augen das langsame Vorrücken des Zeichers. „Jetzt sind zehn Minuten vorüber, der Ueberfübrung des Kindes sieht also kein Künderniß entgegen. —- Gott sei Dank!" — Wie erleichtert athmete er auf, obgleich er erforderlichenfalls nicht damit gezögert hätte, so wäre es ihm doch außerordentlich schwer geworden, die Behörde gegen das Vorhaben seiner Mutter anzurufen. So, hoffte er, werde die Sache glatt und ohne mißliebiges Aufsehen von Statten gehen. Dr. Kühn hatte ihn aufmerksam gemacht, daß es im Interesse des Verwalters und seiner Frau gelegen, die Letztere über den zukünftigen Aufenthalsort ihrer bisherigen Pflegebefohlenen vorläufig im Unklaren zu lassen. So konnte sie, wenn der von der Baronin beorderte Pfarrer kommen und nach dem Kinde fragen würde, der Wahrheit gemäß erwiedern, eventuell sogar beschwören, daß dasselbe auf Befehl des Herrn Barons abgeholt worden sei, sie wisse nicht wohin. Der Doctor hatte auf Wunsch des Barons es übernommen. Frau Werner in diesem Sinne zu insiruiren. Dreiviertel Stunden mochten verstrichen sein; es war inzwischen heller und heller geworden.

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