Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 51-52 (28.6.1900)
- Date
- 1900-06-28
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449097--51001-2501449- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4!♦ Jahrgang. Zweite Beilage ju 51 & 52 des „Israelit“. Feuilleton Y\( pülnitdirn 2i)iiiipp in Wort n. Vielleicht in keinem Lande Europas haben sich so viele merkwürdige Denkmäler synagogaler Baukunst erhalten, wie in den Gebieten der ehemaligen Republik Polen. Hier hatte fast jede Stadt ihre jüdische Gemeinde, und keine jüdische Gemeinde hätte es über sich gebracht, ohne eine „große Schul," wie das Belh-Hakenesseth noch heute genannt wird, ihr Dasein zu fristen. Je nach dem Vermögensstand der Gemeinde wurde die Stadlsynagoge aus Holz, oder aus Ziegeln, oder Quadern aufgerichtet. Obgleich nun viele dieser altehrwürdigen Baue vom Erdboden verschwunden, andere ein Raub der Flammen geworden sind, so ist doch noch Gottlob eine stattliche Anzahl derselben wohlerhalten geblieben. Kein Mensch, er mag noch so sehr für die Imponderabilien des Lebens empfänglich sein, kann sich eines eigenartigen Eindruckes erwehren, den man empfängt, wenn man eine der kleinen schmucken Holzsynagogen eines polnischen Städtchens betritt, oder in dem Innern der großen Synagoge in Krakau weilt. Im letzten Sommer konnte man in der Jubiläumsausstellung des Künstlerhauses in Wien mehrere Interieurs einiger alten Synagogen Polens in der Reproduktion des Malers Kauffmann bewundern. Sie erregten allgemeine Aufmerksamkeit. Schon längst hatten polnische Touristen u. Kunsthistoriker den Synagogen und deren innerer Ausstattung Beachtung zugewendet. Im Jahre 1879 veröffentlichte G l o g e r eine Beschreibung der Synagoge in Nasielsko. In dem vierten Bande der Sitzungsberichte der Kunsthistorischen Kommission der Krakauer Akademie der Wiffenschaften finden sich ausführliche Beschreibung zweier Synagogen, der von Reu-Sandez und der von Jablonow, nebst zahlreichen Reproduktionen der inneren Ausschmückung. Es war aber höchste Zeit, daß einmal Jemand an die Arbeit herantrete, wenigstens die historisch und künstlerisch merkwürdigsten Synagogen sämmtlich zu beschreiben und im Bilde festzuhalten, die gemeinsamen Grundformen und die Entwickelung des Stils zu erforschen und zuverlässige Daten über ihre Aufführung, Renovirung und über die historischen Erinnerungen, die sich an sie knüpfen, zu liefern. Wer ein solches Werk unternehmen wollte, was wohl des Schweißes des Edelsten werth wäre, müßte nicht nur mit gründlichem, allseitigen, kunstgeschichtlichem Wissen ausgerüstet, sondern müßte auch in der Geschichte der Juden in Polen zu Hause sein und eine eingehende Kenntniß des jüdischen Synagogenritus besitzen, Eigenschaften, von denen die letzteren bei den oben genannten Forschern, die uns Beschreibungen alter Gotteshäusern geliefert, nicht zu finden waren. Nun hat sich ein Mann der Sache angenommen, der alle die genannten Wiffenszweige in sich vereinigt und obendrein die Mittel besitzt, das Werk, dessen Durchführung einen enormen Kostenaufwand erheischt, zu einem gedeihlichen Ende zu bringen. Wir meinen unseren Warschauer Glaubensgenossen Herrn Mathias Versöhn, der sich um die Erforschung alter Kunstdenkmäler in Polen große Verdienste erworben hat, und dafür zum Mitgliede der Krakauer Akademie der Wissenschaften und anderer gelehrter Gesellschaften ernannt wurde. Run hat sich Herr Versöhn der edlen Aufgabe zugelvandt, die merkwürdigsten Synagogen Polens in Wort und Schrift darzustellen. Es ist zu bedauern, daß der Forscher es sich vorgenommen hat, seine Arbeiten über dieses hochinteressante Thema in den Sitzungsberichten der Krakauer Akademie zu bringen, da diese Berichte zu langsam erscheinen und überdies dem weiteren Publikum nicht in dem Maße zugänglich sind, als dies der Gegenstand verdient. Herr Versöhn hat zunächst die Holzsynagogen in den Kreis seiner Betrachtungen gezogen. Ausgehend von der alten Synagoge in Zabludow, einem um die Mitte des Ifi. Jahrhunderts gegründeten Städtchen in Lithauen, deren Geschichte der Verfasser aus den Urkunden des dortigen Gemeindearchivs reconstruirt, verbreitet er sich über den Ursprung des Stils dieser Synagogen, in denen er einen besonderen Typus entdeckt, und kommt zu dem Schluß, daß der Stil aus Deutschland stamme, woher ihn die Juden nach Polen mitgebracht hätten. Die Annahme scheint sehr plausibel, bedarf jedoch erst der näheren Begründung durch Untersuchung und Vergleichung mit den ältesten noch erhaltenen deutschen Synagogen. Herr Versöhn bietet auch eine Abbildung der wunderschönen heiligen Lade der genannten Synagoge, deren Schnitzereien als wahres Meisterwerk bezeichnet zu werden verdienen. Ferner finden wir ein schönes, leicht romantisirendes Fenster und das Almemor, welches sich in der Mitte des Jnnenraumes des Gotteshauses erhebt. Dasselbe ist von einem geschnitzten Geländer umgeben und darüber erheben sich drei elegante, wunderhübsche Thürmchen, eine Einrichtung, die ziemlich selten ist. In ähnlicher Weise ist das Almemor in der uralten Krakauer Synagoge eingefaßt und bekrönt. Von Interesse ist die Thatsache, daß zahlreiche polnische Magnaten und Großherrn als Besitzer der Städte, den auf ihren Territorien wohnenden Juden die Synagogen zu erbauen oder wenigstens durch ansehnliche Gaben zur Aufführung derselben beizusteuern pflegten, ohne sich an die Synodakbeschlüsse der Geistlichkeit zu kehren, welche das Recht