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Der Israelit · 1900-06-28 · Heft 51-52 (28.6.1900) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 51-52 (28.6.1900)
Date
1900-06-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1063 furt a. M. Er hat bereits interimistisch ein halbes Jahr an der Chewrah gewirkt; abgesehen von seiner ganz besonderen Befähigung ist seine Wahl zugleich ein Act der Pietät gegen seinen verewigten Vater, R. Wolf s. A., den ersten Leiter der Chewrah, dessen hervorragendem Wirken in Lehre und Leben heute noch seine Schüler in ungeschwächter Liebe und Verehrung gedenken. Pasewalk, 13. Juni. „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, auf dessen Geheiß der Abend herandämmert.der mit Weisheit eintreten läßt den Wechsel von Zeit und Stunde . . . ." Diese Worte des ciyv Gebetes, die der fromme Jehudi allabendlich zu Gott emporsendet, drängten sich einem Jeden auf die Lippen, der am vorigen Donnerstag dem Feste beiwohnte, das der „Esra", Verein zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien, im Garten der Brauerei Friedrichshain in Berlin veranstaltet hat. Gelobt sei der n*ny rwa der die Zeiten verändert, so hört man von vielen Gästen rufen, angesichts des überaus großen Besuches und der freudigen Stimmung, die bei den Festtheilnehmern herrschte. Gereichte es mir schon zur großen Freude, am Dienstag vorher in der Generalversammlung des „Esra" zu hören, daß auch in diesem Jahre der Verein Fortschritte gemacht und eine ansehnliche Zahl neuer Mitglieder gewonnen, die durch ihren Beitritt bekunden, daß ihnen die Thätigkeit des „Esra" gefalle, war ich schon an diesem Abend freudig gestimmt durch die günstigen Berichte, die Herr Prof. Dr. W a r bu r g über unsere Kolonien im heiligen Lande, die er unlängst besuchte, erstattete, und über das rasche Aufblühen der jüngsten Kolonie M a ch a n a j i m , die der „Esra" in den letzten Jahren mit überaus großem Wohlwollen gefördert hat, so wurde das Hochgefühl meiner Freude noch gesteigert, als ich am Donnerstag Abend das Esrafest besuchte. Wie gerne würde ich dieses Fest beschreiben! Allein ich weiß, daß meine Feder zu schwach, meine Worte zu matt sein werden, all diese herrlichen Eindrücke nur annähernd wieder zugeben, die ich empfand. Es war ein jüdisches Fest, das jedes jüdisch fühlende Herz höher schlagen ließ und es mit edlem Stolze erfüllte. Der Festzug im Garten, bei dem die jungen Damen und Herren, landwirthschaftliche Geräthe auf den Schultern tragend u. die bekanntesten Kolonistenlieder c'cx tpcty (Frühlingslied) und unpn --wes xb -y (Die Hoffnung) singend, mit Grazie marschirten, war gut arrangirt und überaus gelungen. Die jungen Damen waren nicht mit dekolletirten, sinnenreizenden Gewändern bekleidet, wie man sie sonst bei jüdischen Festveranstaltungen bis zum Ueberdruß zu sehen bekommt, vielmehr trugen sie die orientalische Bauerntracht, die zu uns die Sprache der altjüdischen Keuschheit und Sittenreinheit redet. Und wie lieblich und schön sehen unsere jüdischen Töchter in dieser Bauernkleidung aus! Man wurde unwillkürlich an die biblischen Frauengestalten erinnert, an eine Sulamith und Esther. Nicht minder schön sahen die jungen Herren in der Bauerntracht aus und die Grandezza, mit der sie einherschritten, wirkte herzerhebend. Man glaubte, leibhaftige Bauern vor sich zu sehen, die stolz auf ihre abgehärteten Muskeln, ihre gestählte Körperkraft und ihren unermüdlichen Fleiß sind, aber auch zugleich bescheiden und gottergeben, die mit dankendem Blick zum Schöpfer des Alls empor schauen, der den befruchtenden Regen zur Erde fallen läßt und die bestellten Saaten mit dem Himmelstau erquickt. Und erst die „lebenden Bilder" im Saale, die die jüdischen Kolonisten-Familien beim Pflügen, auf der Tenne, bei der Geflügelzucht und beim Feiern des Sukkoth darstellten, wirkten bezaubernd und entlockten manchem Zuschauer Freudenzähren. Besonders das letzte Bild war sehr stimmungsvoll und anregend. In einer schön geschmückten Laubhütte ist ein Hausherr mit seiner Familie versammelt, auf dem gedeckten Tische stehen die lichtspendenden Kandelaber, und während der Familienvater mit dem Becher in der Hand, zum Kidduschgebet sich erhebt, tritt ein armer Mann in die Laubhütte, um das Fest mitfeiern zu können. Der Sohn des Hauses läuft dem Gast entgegen, reicht ihm die Hand zum üblichen crHy und ladet ihn zu Tische ein, ohne ihn erst zu fragen, woher er stamme, woher er komme und ob er welche Empfehlungsschreiben bei sich habe, wie es leider bei der modern-jüdischen Wohlthätigkeit zu geschehen pflegt. „Das ist echt-jüdischer Geist, das ist echt-jüdische Gastfreundschaft," so erscholl es unter Bravorufen in meiner llmgebung und in mir hallte es wieder: „Ja, das ist echt-jüdische Festesfreude, wie sie uns Gott geboten nach der Bemerkung unserer Weisen zu den Worten der Schrift: .... "stnc, man Und Du sollst Dich freuen an Deinem Feste, Du, Dein Sohn, Deine Tochter, Dein Knecht, Deine Magd, der Levite, der Fremdling, das Waisenkind und die Wittwe, die in Deinen Thoren wohnen, yc\x napa ';x 'hv vz^x nctyc nrx cs .... wenn Du erfreust die vier, die Mir gehören, (nämlich den Leviten, den Fremdling, die Waise und die Wittwe), so erfreue Ich wiederunt die vier, die Dir gebären. Neben mir saß während der Vorführung der „lebenden Bilder" der bekannte hebräische Schriftsteller und jüdische Historiker S. P. Nabbinowich aus Warschau, mit seiner Tochter, einer Lehrerin einer jüdischen Schule in Rußland. Dieser alte Mann mit dem jugendlichen Herzen freute sich über all das, was er gesehen, wie ein Kind und zum Schlüsse machte er fol gende charakteristische Bemerkung: „Soll ich nicht frohlocken, lueini ich sehe, daß hier in Berlin, auf dem klassischen Boden der Assimilation, wo man mit frecher Hand aus den Gebetbüchern Alles ausgemerzt hat, was an Zion und Jerusalem erinnert, ein Zionsfest veranstaltet wird, das solch große Betheiligung und solch großes Verständniß findet." Ich antwortete darauf: c\ry 71s Gelobt sei Der, der die Zeiten ändert Dr. E. F i n k e l.

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