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Der Israelit · 1900-06-21 · Heft 50 (21.6.1900) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 50 (21.6.1900)
Date
1900-06-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1031 außer unserer Religion das einzige Band, das uns Juden auf dein ganzen Erdenrunde geblieben ist. Die Gleichgültigkeit vieler Eltern, die den hebr. Unterricht als nothwendiges, ja nicht selten als überflüssiges Nebel ansehen, veranlasse uns, den Kindern eine Fibel in die Hand zu geben, durch die die Schüler aus die leichteste, schnellste und gründlichste Art ein korrektes Lesen des Hebräischen erlernen können. Herr M. stellte 16 Forderungen auf, die man aus praktisch-methodischen Gründen an eine solche Fibel stellen müsse und zeigte in sehr ausführlicher Weise, wie die neue Fibel von Hauptlehrer Bruchsaler (Verlag von S. Lehrberger u. Eomp., Rödelheim) all diesen Forderungen gerecht wird. Referent verglich diese Fibel mit der in unserer Provinz am meisten benützten Fibel von Horwitz eingehend und beleuchtete die Vorzüge der Bruchsaler'schen Fibel, die sich in der kurzen Zeit ihres Bestehens bereits über 60 Schulen erobert hat. Die sich anschließende Debatte führte zu dem Beschlüsse, die Bruchsaler'sche Fibel der Kommission zur ..Einführung einheitlicher Lehrbücher in den jüdischen Religionsschulen Westpreußens" mit zur Konkurrenz zu iiberlveisen. Rumänien. Pitknrest. (Die rumänische Hungersnot h und die rumänische Regierung.) Zu dieser Angelegenheit erhält das „Berliner Tagblatt" die nachfolgende Zuschrift aus Bukarest: „Rumänien, dessen Lebenskraft ausschließlich aus den Erträgnissen der Landwirthschaft strömt, kann die Mißernte des vorigen Jahres nur schlver überwinden. Alle Schichten der Bevölkerung sind hart getroffen. Die rumänische Regierung aber sorgt in väterlicher Weise für die Bevölkerung, indem sie den Rothleidendcn Arbeit verschafft und bei den Nothstandsbauten, bei der Anlage von Tramways in verschiedenen Städten, beim Straßenbau auf dem flachen Lande viele beschäftigt. Auch wurden seitens der Negierung unter die Bauern Rahrungsinittcl und die zur Aussaat nötlügen Bodenfrüchte, wie Gerste, Hafer und Mais in riesigen Mengen vertheilt. Rur ein Theil der Bevölkerung seufzt unter den Folgen der Mißernte, ohne ieglichc Hilfe seitens der Regierung erhalten zu haben. Die Juden ln Rumänien sind es, die in dieser traurigen Zeit des Mißlvachses am meisten leiden. Grauenhaftes Elend herrscht unter ihnen: im verflossenen Winter erfroren Säuglinge in jüdischen Häusern, bettelten anständige Männer, die bessere Tage gesehen, um trockenes Brot für ihre Kinder. Ja man erzählt auch von Brotdiebstählen aus Roth. Biele dieser llnglücklichen fliehen plan und ziellos in die Fremde, ihre Familien ohne Stütze in der Heimath zurücklassend. Täglich wandern Hunderte aus, und die Abschiedsscenen, die sich auf den Bahnhölen abspielen, spotten geradezu jeder Beschreibung. Warum aber wandern gerade die Juden aus? Weshalb können diese am wenigsten die Rothlage ertragen? Derjenige, der die Lage der Juden in Rumänien kennt, dürfte sich darüber nicht wundern. Mehr als ein Viertel Million Juden zählt Rumänien, und nur etwa 200 haben seit 1878 durch das rumänische Parlament die politisch - bürgerlichen Rechte erhalten. Alle anderen Juden sind, trotzdem sie, selbst nach den Zugeständnissen christlich autoritativer Historiker, schon seit alten Zeiten im Lande weilen, dem Gesetz nach Fremde und werden durch legislative Bestimmungen, administrative Verordnungen, durch launenhafte Beamtenwillkür hart bedrängt. Der Zutritt zu den öffentlichen Schulen wird den jüdischen Kindern erschwert. Rur wenn die nichtjüdischen Schulen nicht alle Plätze besetzt haben, werden die jüdischen gegen Entrichtung der Fremdengebühr zugelassen. 30 Frcs. für Elementarschulen, 60 Frcs. siir's Untergymnasium, 90 Frcs. für's Obergymnasium, 90 Frcs. für die Elementarhandelsschule, 160 Frcs. für die höhere Abtheilung der Handelsschule, 300 Frcs. für die Besucher der medicinischen Facultät jährlich! Es hängt von der jeweiligen Laune des Schuldirectors ab, ob die jüdischen Kinder Aufnahme in den öffentlichen Schulen finden. Man darf fast behaupten, daß nur solche jüdische Schüler in den staatlichen Lehranstalten zurückgeblieben sind, deren Eltern sich in einer besonderen Fürsprache erfreuen. Die jüdischen Gemeinden, die übrigens seitens des Staates nicht anerkannt werden und infolge dessen um ihre Erhaltung schwer ringen müssen, sahen sich auch gezwungen, aus eigenen Mitteln Schulen zu gründen, die natürlich kein eigentliches Oeffentlichkeitsrecht haben, doch um so mehr durch mannigfache Regierungsverfügungen in ihrer Entwicklung gehindert wurden. Wirthschaftlich sind die rumänischen Juden geschwächt. Aus den Dörfern werden sie mitleidslos verbannt. Das Hausirverbvt wird ihnen gegenüber besonders stark in Anwendung gebracht. Producten- und Effcctcnlnatlcr dürfen sie nicht sein. Zu den höheren Berufen, z. B. Advocatur :c., werden sie selbstverständlich nicht zngelasscn: selbst Apotheker können sie nicht sein. Als Acrzte werden sic nicht in den offent lichen Krankenhäusern beschäftigt. Die Monopoli sirung der Tabak, Zündhölzer und Eigaretkcnpapierfabrikation hat sie geschädigt, insofern als sie nicht irgendwie als Beamte verwendet werden. In industriellen Unternehmungen dürfen sie als Fremde nicht mehr als den vierten Theil der Arbeiterschaft ans »rächen. Es ist also leicht verständlich, ivenn sic im Kampf ums Dasein unterzugchen fürchten und kn die unbekannte Fremde flüchten. Zu diesen staatlichen Drangsalirungcir kommt für die Lage der armen, gedrückten rnmänischen Juden verschlimmernd der ent seßliche Lärmantisemitismus hinzu, der von theiliveise sehr hochgestellten Beamten, bis in die Ministcrialbureaus hinein, mit allen erdenklichen Mitteln „moralisch" unterstützt und gefördert wird. Das offenkundige Ziel dieser Antisemiten ist ganz einfach, die rumänischen Juden durch neue „Fremdengesetze",

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