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Der Israelit · 1900-06-11 · Heft 47 (11.6.1900) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 47 (11.6.1900)
Date
1900-06-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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4t* Jahrgang. leilage )vl M 47 -es „Israelit" Leitender Artikel. Dos JUirttfantn oon Lechfii vom SIüilWiisIile »es IsdinltzUN» gtrofitMgt. Von Rabbiner Dr. Daniel Fink, Wien. III. Es soll nun auf die Stelle hier eingegangen werden, welche mit Vorliebe von den Anhängern der Leichenverbrennung für ihre Zwecke ausgebeutet wird. Wir meinen den Bericht über die Bestattung der Leichen des im Kriege gefallenen Königs Saul und dessen Söhne. Es wird hierüber Folgendes erzählt: „Zu den Bewohnern von Jabesch-Gibad drang die Kunde dessen, was die Philister dem Saul angethan. Daraufhin machten sich alle tapferen Mannen auf und wunderten die ganze Nacht hindurch und nahmen den Leichnam Sauls und die Leichname seiner Söhne von der Mauer Beth-Sans herunter und als sie nach Jabesch zurückkamen, verbrannten sie dieselben dort. Ihre Gebeine jedoch sammelten sie auf und begruben sie unter der Terebinthe zu Jabesch. Sieben Tage lang aber fasteten sie." Nach dem, was wir über die Veurtheilung, welche die Verbrennung menschlicher Leichen in unserem biblischen Schriftthume findet, ausgeführt, kann man aus dem vorstehenden Bericht keinerlei Folgerungen für deren Zulässigkeit ziehen. Das ist hier ebensowenig statthaft, wie etwa aus dem Umstande, daß uns in der Bibel erzählt wird, Achitofel habe durch Selbstmord seinem Leben ein Ende gemacht (2. Sam. 17, 23) gefolgert werden darf, dies wäre eine höchst ehrsame Handlungsweise und gegen ihre Nachahmung nichts einzuwenden. Das sei hier zunächst zur Beleuchtung des gegnerischen Standpunktes gesagt. In der Sache selbst muß hier jedoch mit aller Entschiedenheit betont werden, daß von demselben der Sinn des angezogenen Berichtes vollständig verkannt wird. Nichtig verstanden, erscheint auch an dieser Stelle die Verbrennung einer Leiche in keinem anderen Lichte, wie sonst überall. Zunächst wird in der Bibel nirgends erwähnt, daß die Verbrennung durch Anwendung von Feuer erfolgt war, wie dies -sonst allgemein (so z. B. Jes. 1, 7. 47, 14. 1. Sam. 30, 14. Dt. 13, 17. Jos. 6, 24. Rich. 14, 15. Jer. 7, 31. 1. Kg. 16, 18 u. s. w.) geschieht. — Im vorliegenden Falle kann von einer Zerstörung des Leichnams durch die Gewalt des Feuers überhaupt nicht die Rede sein. Es wird in dem Berichte ausdrücklich hervorgehoben, daß die Gebeine unversehrt beerdigt wurden. Wären die gedachten Leichname der Einwirkung des Feuers ausgesetzt worden, wie ließe sich demselben Einhalt gebieten, um nicht auch die Gebeine zu zerstören? Die erwähnte Verbrennung kann sich daher nur auf die Weichtheile bezogen haben. Dieselben dürften jedenfalls durch Anwendung ätzender Mittel, wie etwa ungelöschten Kalk, bewirkt worden sein. Wäre vom biblischen Standpunkte die Verbrennung einer Leiche auch als Bestattungsverfahren nur denkbar, wie konnte nur Josef in solche Umständlichkeiten verfallen. Er hätte doch kurzer Hand anordnen sollen, daß seine Leiche zunächst verbrannt und zur gegebenen Zeit dann in Palästina zur Erde bestattet werde? Nun erhebt sich allerdings die unabweisbare Frage: was denn die Bewohner von Jabesch-Gilead zur Beobachtung eines so sonderbaren und unverständlichen Verfahrens veranlaßt haben mochte? Auch da gehen wir auf die geschichtliche Situation etwas näher ein, so wird sich deren Nothwendigkeit sofort ergeben. Saul und seine Söhne fielen in jenem Kriege gegen die Philister, der für Israel einen so unglücklichen Ausgang hatte. Nachdem gerade von deren Seite den Philistern Niederlage auf Niederlage beigebracht worden, gaben sich dieselben in ihrem Siegestaumel den wüstesten Ausschweifungen hin. Nach echt heidnischer Art wurden auch die Leichen der gefallenen Feinde auf eine uns unerhört scheinende Art geschändet. Das betrachtete man als ein wohlgeeignetes Mittel, den Triumpf des Sieges in desto glänzenderem Lichte zu zeigen. Selbst in viel späterer Zeit war die Verstümmelung der im Kriege Gefallenen stehende Gewohnheit bei heidnischen Völkern. kVergl. Jech. 23, 25!) Diesem Schicksale entging auch der im Kriege gefallene Saul und dessen Söhne nicht. Seiner Leiche wurde der Kopf abgeschlagen und mußte als Gegenstand allgemeiner Augenweide von einem Götzentempel zum andern wandern. Die enthaupteten Leichen selbst wurden wiederum zum Zwecke einer allgemeinen Schaustellung an den Mauern von Beth-Schan (einer israelitischen Stadt'.!) ausgepsählt. Die Hand des Siegers lastete schwer auf dem unterworfenen Lande und legte dessen Bewohnern darüber hinaus noch diese unerhörten Demüthigungen auf. Wie wohlthuend sticht doch der finsteren, grauenerregenden Barbarei der Zeiten gegenüber das von edlem menschlichem Enipfinden eingegebene Verhalten der Bewohner von Jabesch-Gilead ab! Es war keine geringe Gefahr, der sie sich aussetzten, als sie ihren grausamen, fast entmenschten Siegern, die Leichen ihres Königs und dessen Söhne, die ihnen als Trophäen gleichsam dienten, zu entreißen wagten. Nur unter dem Schutze der alles verschleiernden Nacht konnten sie ihre That vollbringen. Zu befürchten stand je-

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