Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 47 (11.6.1900)
- Date
- 1900-06-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449093--50895-2501339- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
M.. .' '•».' ••' '-- ‘5 ••'..•*•' •. - "‘.-Ia. ‘*"s4l-**L 1 V. ,Ti;-4 - ' ."* v 957 Und dann schalt sie sich selbst, daß sie Dummheit auf Dummheit häufe, indem sie ihren Untergebenen sich zum Feinde machte. — Doch was würde es helfen, wenn er auch die Schuld auf sich nehmen würde, Graf Edgersdorf wußte Alles und hatte geschworen, sie nicht zu schonen. Vollständig gebrochen stieg sie in ihren Wagen und fuhr in die Stadt. Heiße Gebete flüsterten ihre Lippen für die Genesung des Judenkindes, wechselnd mit den gräulichsten Verwünschungen aller Juden. — Denn die Inden waren ja doch an allem Unglück Schuld. — Gäbe es keine Juden, so hätte sie doch kein Judenkind steblen lassen können und brauchte jetzt nicht verzweiflnngsvoll der Zukunft entgegen zu sehen. •— O, diese Juden! — diese Juden! — Baronin Waldstein vor dem Schwurgericht! — Es war entsetzlich! Sie ächzte laut, wie ein Fieberfrost schüttelte es ihren Körper. Sie hatte ihre Kammerjungfer schon eine Stunde früher in die Stadt geschickt, um nicht in ungelüftete Zimmer zu kommen und mit Hilfe des alten Jean hatte diese bereits alles in beste Ordnung gebracht, aber das Unbehagen der Baronin nahm in einer Weise zu. dass der Bediente es auf sich nahm, den Sanitätsrath zu benachrichtigen, daß seine Herrin ärztlichen Beistand zu bedürfen scheine. Die Baronin empfand es in der That als Erleichterung, als ihr langjähriger Hausarzt in ihrem Boudoir erschien, ihm konnte sie rückhaltlos den ganzen Sachverhalt mittheilen, bei ihm fand sie auch volles Verständnis; für ihr Vorgehen. Er stimmte ihr vollständig bei, daß für die Verwechslung einzig und allein den Verwalter die Schuld treffe, sie habe ihm besohlen, das Kind zu ihr zu führen, für dessen Erziehung zu sorgen sie sich der Behörde gegenüber verpflichtet habe. — Daß ihr verstorbener Sohn gegen ihren Willen das Kind dem Juden übergeben habe, das habe sie nicht zu berücksichtigen. — Sie könne der ganzen Angelegenheit mit allen ihren Folgen in vollkoiniuener Gemüthsruhe entgegen sehen. Doch billigte er es vollkommen, daß sie die Villa verlassen habe, denn die Judendirne scheint allerdings gegenwärtig nicht transportabel und schon das Bewußtsein, mit solchen von Gott verfluchten Geschöpfen unter demselben Dache zu weilen, hätte die Nerven der Gnädigen irritiren müssen. Sein Rath ging dahin, sie möge ihre Marienbader Kur in diesem Jahre um einige Wochen früher beginnen und schon in den nächsten Tagen dorthin reisen. Die Baronin athmete vollständig erleichtert auf. Der Sanitätsrath war doch ein herrlicher Mensch, der beste Rathgeber, den sie sich wünschen konnte. Er hatte ja Recht, ivas künnnerte es sie, ob der Judenbalg davon kommt oder nicht?! — Sie wollte auch in Allem seinen Rath befolgen und baldmöglichst abreisen. Fast reute es sie, ihre Leute verpflichtet zu haben, den Anordnungen des Judendoetors pünktlichst zu entsprechen. Aber das war nothwendig gewesen um des Grafen willen. — Wenn der nicht wäre, wäre ihr die ganze Geschichte in der That gleichgiltig. Aber wenn sie sich auch durch die Versicherung des Sanitätsrathes vollkommen sicher fühlte, war ihr der Graf als Gegner doch äußerst unangenehm. Einerseits mußte sie dadurch auf den Verkehr mit ihrer treuesten Freundin verzichten, andererseits hielt sie sich auch überzeugt, daß der Graf seinen Schwur halten werde, daß er, falls das Kind der Krankheit erliegen würde, sie der Behörde anzeigen werde, daß sie es habe entführen lassen und die begreifliche maßlose Aufregung des Kindes Tod herbeigeführt habe. Und wenn sie sich auch überzeugt hielt, daß kein Gericht sie schuldig sprechen werde, so war doch schon die Anklage an und für sich das denkbar Peinlichste für die hochgeborene Dame. Sie wollte daher das Möglichste aufbieten, den Grafen günstiger zu stimmen. Nach reiflicher Ueberlegung schrieb sie ihm, daß sie sich zwar an der Erkrankung des Kindes vollkommen schuldlos fühle, daß sie trotzdem seinen Rath befolgt und ihre Leute beauftragt habe, dem Arzt und der Familie des Kindes alle erdenklichen Aufmerksamkeiten zu erweisen. Auch für eine geschulte Wärterin habe sie gesorgt und dem Arzt wiederholt erklärt, daß sie sämmtliche Kosten der Krankheit tragen werde. — Da er es als Infamie bezeichnet habe, den Leuten ein Geldgeschenk anzubieten, so sehe sie davon ab; doch schon seit einiger Zeit trage sie sich mit der Absicht, den Betrag von 1200 Mk. jährlich, den ihr unvergeßlicher Sohn für die Erziehung des ihm so theueren Kindes bestimmt habe, in eine Leibrente für dasselbe umzuwandeln. So lange ihr der Aufenthalt der kleinen Elsa unbekannt war, habe sie damit gezögert; freilich wisse sie auch gegenwärtig nicht, wo das Kind sich befinde und habe sich vorgenommen, auch nicht weiter danach zu forschen. Aber da der Graf ihr gesagt habe, daß er den Aufenthaltsort des Kindes kenne, so bitte sie ihn, in Erinnerung an ihren ihr so früh entrissenen Sohn, auf ihre Kosten eine Leibrente von 1200 Mk. für Elsa besorgen zu wollen. Sie las, was sie geschrieben hatte und lvar außerordentlich befriedigt von ihrer Epistel, sie hielt sich überzeugt, der Graf werde dadurch vollständig umgestimmt und nicht weiter an seinen Schwur denken. In vollster Seelenruhe traf sie ihre Vorbereitungen zur Abreise und befand sich schon nach wenigen Tagen in dem lieblichen Badeorte, der ihren Nerven und ihrer zuiu Embonpoint neigenden Gestalt so überaus wohl zu thun Pflegte. Der Sommer ging zu Ende, die Herbstfeiertage nahten. In der Familie Steinhart herrschte heitere Thätigkeit. Die kleine Marianne hatte sich nach ihrer schweren Krankheit verhältnißmäßig rasch erholt, schon nach wenigen Wochen war sie frisch und rosig wie früher. Und es war seltsam; die Erinnerungen an die Veranlassung ihrer Erkrankung, an ihre Entführung