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Der Israelit · 1900-06-07 · Heft 46 (7.6.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 46 (7.6.1900)
Date
1900-06-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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929 führung eines Kindes ist ein Verbrechen, das nicht durch eine Geldstrafe gesühnt werden kann, selbst wenn dadurch nicht der Tod des Entführten veranlaßt worden ist. Darum, selbst wenn das Kind davon kommt, halte ich es für höchst wahrscheinlich, daß das Strafgericht in Betreff Ihrer Persönlichkeit in Thätigkeit gesetzt werden wird. — Die Eltern wären Narren, wenn sie nicht klagen würden und auf meine Zeugenschaft können sie rechnen, das wissen sie; ist doch auf meine Veranlassung das andere kleine Mädchen rechtzeitig aus Ihrem Haus entfernt worden, damit es nicht in die Hände der Creaturen der Baronin Waldstein falle. —" Die Baronin war erdfahl geworden, ihre Lippen bebten. „Ich habe eine Dummheit begangen", murmelte sie, „das sehe ich ein —" „Eine kolossale Dummheit, gnädige Frau — abgesehen von dem Verbrechen —" „Könnte man die Leute — könnte man sie nicht zurückhallen von der Klage? — Die Juden sind ja geldgierig und —" „Nein, gnädige Frau, jüdische Eltern lassen sich die Todesangst um ihr Kind nicht bezahlen." Sie zitterte so heftig, daß sie sich kaum aufrecht zu halten vermochte, er begann Mitleiden mit ihr zu empfinden. „Ich möchte es mich etwas kosten lassen —" begann sie von Neuem. „Das glaube ich, denn es wird Sie viel kosten. — Als Infamie würde ich es jedoch betrachten, den Leuten Geld zu bieten. Das Einzige, was ich in dieser Beziehung rathen könnte, wäre, ihnen durch Ihre Leute alle möglichen Aufmerksamkeiten erweisen zu lassen, durch die die Pflege des Kindes gefördert werden könnte." „Ja, ja, Sie haben recht, das soll geschehen. — Wissen Sie vielleicht in was die Aufmerksamkeiten bestehen könnten?" „Das müssen Sie den Arzt fragen. Ich würde Ihnen zwar nicht empfehlen, in das Krankenzimmer sich zu begeben, dem unglücklichen Vater müßte Ihr Anblick entsetzlich sein. Schicken Sie einen Ihrer Leute hinein und lassen Sie den Doctor Kühn ersuchen, auf einen Augenblick heraus zu kommen, damit Sie ihn über alles fragen können. — Sagen Sie ihm, daß Ihr ganzes Haus und alle Ihre Leute zu seiner Disposition stehen. Fragen Sie ihn auch, ob es nicht gerathen wäre, eine geschulte Wärterin kommen zu lassen, jetzt macht er alles selbst, aber den ganzen Tag kann er doch nicht hier bleiben." „Sie haben recht", sagte sie, „alles, was Sie sagen, soll geschehen. Aber dieser Doctor Kühn — meinen armen Hugo hat er unter die Erde gebracht. — Der Sanitätsrath würde zwar nicht gerne herauskommen wegen eines Judenkindes, aber wenn ich es als Freundschaftsdienst von ihm verlange, würde er es doch vielleicht thun — was meinen Sie?" „Beileibe nicht! — 23ott Ihrem Sanitätsrath möchte ich nicht einmal meine Katze behandeln lassen, geschweige ein armes unschuldiges Kind, das frevelhafte Bigotterie dem Tode nahe gebracht hat." Die Baronin preßte die Lippen aufeinander. „Mir kann es recht sein," sagte sie dann, „ich hatte nur das Beste des Kindes im Auge." Der Graf empfahl sich kühl und ritt davon, sie hatte nicht einmal den Muth, ihm einen Gruß an ihre Freundin aufzutragen, denn sie erkannte, daß sie seine Achtung unwiderbringlich verloren hatte. Aber seinen Rath befolgte sie, indem sie den Arzt ersuchen ließ, falls er die Kranke auf einige Minuten verlassen könne, sich hinunter zu ihr zu bemühen, da sie ihn im Interesse des Kindes zu sprechen wünsche, bevor sie in die Stadt fahre. Es währte nicht lange, so kam Doctor Kühn herunter, er grüßte ernst und fragte nach ihrem Begehren. „Vor allem sagen Sie mir, wie es mit dem Kinde steht —" Er zuckte die Achseln. „Es war ein furchtbarer Anfall, wie ich noch keinen gesehen habe. Augenblicklich hat er nachgelassen — würde er jedoch, wenn auch in leichterer Weise, in den nächsten vierundzwanzig Stunden sich wiederholen, so wäre das Kind unrettbar verloren." Die Baronin wechselte die Farbe. „Das wäre schrecklich! — Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, Herr Doctor! bieten Sie alles Mögliche auf, das Kind zu retten. — Lassen Sie nichts unversucht, wenn es auch noch so kostspielig wäre, ich zahle alles." — „Daß alles Erforderliche geschieht, ist selbstverständlich — doch auch für Geld läßt sich nicht Alles erzielen." — Sie seufzte tief. „Wer wüßte das besser, als ich. Aber die Leute sind vermutlich nicht vermögend — wenn Sie vielleicht ein Concilium mit mehreren Col legen wünschten und eine tüchtige Krankenwärterin —" „Ein Concilium hätte in diesem Falle keinen Zweck, die Diagnose ist nicht zweifelhaft, aber eine tüchtige Wärterin wäre allerdings nicht überflüssig." „Ich werde sofort eine Wärterin herausschicken, und ich bitte Sie, Herr Doctor, über mein Haus und über meine Leute nach Belieben zu verfügen, ich werde Auftrag geben, daß Ihre Anordnungen pünktlichst befolgt werden und daß Tag und Nacht ein Pferd gesattelt ist für etwaige Besorgungen aus der Stadt — Sie werden doch über Nacht hier bleiben? — ich wiederhole, es geht auf meine Kosten." Dem Arzt stieg das Blut bis in die Stirn. „Frau Baronin sind überaus generös," sagte er mit unverkennbar sarkastischem Lächeln. „Ich habe jedoch die Behandlung des Kindes unaufgefordert übernommen und werde daher für dieselbe von keiner Seite ein Honorar annehmen. Ueber Nacht kann ich jedoch gegenwärtig nicht vom Hause abwesend sein, doch werde ich einen zuverlässigen Collegen herbitten lassen, der nicht von dem Bette des unglücklichen Kindes weichen wird,

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