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Der Israelit · 1900-05-31 · Heft 44-45 (31.5.1900) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 44-45 (31.5.1900)
Date
1900-05-31
Page
– (sequence 12)
Language
German
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906 hatten ihm glückwünschende Deputationen entsandt, Vorstand und Repräsentanten der Synagogen- Gemeinde erschienen in corpore und überreichten eine künstlerisch ausgeführte Adresse; der Magistrat und die Stadtverordneten ehrten das treubewährte Mitglied des Magistrats-Collegiums durch die Ernennung zum Stadtältesten. Bei Ueberreichung des diesbezüglichen Diploms hob Bürgermeister v. Borke besonders hervor, daß der Jubilar, obwohl Besitzer und Leiter eines der bedeutendsten Geschäfte seiner Branche, stets seine regste Thätigkeit in den Dienst der Stadt gestellt habe. Des Gefeierten Beliebtheit kann kaum besser erwiesen sein, als durch die überaus große Menge der Gratulanten, welche während der Tages sich um ihn schaarten. Möge der ehrenwerthc Herr noch recht lange zum Wohle der Stadt-Gemeinde in Gesundheit und Kraft sich seines Daseins erfreuen. Könitz, 29. Mai. Wie der antisemitischen „Tägl. Runoschau" telegraphirt wird, ist hier heute der Fleischermeister Hoffmann nebst Tochter unter dem Verdachte des Mordes an Winter verhaftet worden. Winter soll zu der Tochter in nahen Beziehungen gestanden haben und bei einem Zusammensein mit ihr von ihrem Vater überrascht worden sein. Dabei habe dieser ein Todtschlag begangen und zur Verdeckung derselben hinterher die Leiche zerstückelt. Die Tochter bestreitet den Verkehr. In der Stadt Komtz herrscht fürchterliche Aufregung wegen dieser Verhaftung. In die Angelegenheit spielt auch dre Person des früheren Lehrlings Hoffmanns und jetzigen Schlächtergeftllen Wohlke hinein, der bald nach dem Morde Könitz verlassen, und nach dessen Person Kriminal-Inspektor Braun vor einigen Tagen in Danzig geforscht hat, ferner ein Kommissionär L. aus Richnow, bei dem vor einigen Tagen Haussuchung abgehalten wurde. L. soll in der Moronacht in Könitz gewesen sein. Die Leichentheile Winters sind am 27. c. unter ungeheurer Betherligung, aber in verhältnißmäßiger Ruhe bestattet worden. Antisemitische Zeitungen und Vereine haben umfangreiche Kränze an der Bahre niedergelegt. Im Aufträge der deutschen Reformpartei legte der frühere antisemitische Reichstagsabgeordnete Werner einen Riesenkranz am Sarge nieder. Kolmberg. (W a r n u n g.) Es sind hier junge kräftige Leute, die seit einer Reihe von Jahren das Bettelbrlefschreiben betreiben. Es liegt im Interesse der Wohlthätigkeit, daß alle von hier ausgehenden Bettelbriefe gänzlich unberücksichtigt bleiben, da sich hier alle anständig ernähren können. Erkundigungen können eingezogen werden beim Rabbinate zu Ansbach. Der Kultusvorstand. Frankreich. Pari-, 26. Mai. Die Legate, die der verstorbene Baron Adolph v. Rothschild testamentarisch bewilligt! hat, sind jetzt von dem Londoner Gerichtshof ratifizirt , worden. Der Verstorbene hat sechsundzwanzig testa- 1 mentarische Bestimmungen hinterlassen, und jede neue Aenderung, die er an ihnen vorgenommen hat, ist ein neuer Beweis für die Großmuth und die .Herzensgüte des Verstorbenen. Er hat dem Museum des Louvre unvergleichliche Kunstsammlungen hiuterlassen, das Artilleriemuseum mit prachtvollen Waffen-Sammlungen ausgestatter, der Stadt Boulogne eine Besitzung geschenkt, deren Unterhaltung allein 60,000 Frs. jährlich erfordert. Seine Legate betragen ungefähr 20,000,000 Frs. Mehr als diese imposanten Zahlen sagen die Ausführungen, in denen Baron Rothschild den Zweck jedes einzelnen Legats gekennzeichnet hat. Der „Figaro" hat aus dem Testament einige Stellen entlehnt, die uns die vornehme freie Gesinnung des Dahingeschiedenen int schönsten Lichte zeigen. Seine Worte, denen seine Handlungsweise eine besondere Autorität verleiht, enthalten die beherzigenswerthesten Lehren. Das Codizill vom 11. Dezember 1890 besagt: „Ich hinterlasse 500,000 Frs., deren Zinsen dazu dienen sollen, bedürftige Priester, Rabbiner und Diener der in Frankreich existirenden Bekenntnisse zu unterstützen. Ich wiederhole: Katholiken, Israeliten und Protestanten, und ich gebe der Hoffnung Ausdruck, daß die Meinen dieses Beispiel religiöser Duldsamkeit befolgen werden". Denselben Gedanken in erweiterter Form äußerte Baron Rothschild, als er der Stadt Paris noch einmal 500,000 Frs. zur Verfügung stellte. Der Seine-Präfekt soll die Summe an die Bedürftigsten der 20 Arrondissements, ohne Unterschied des Bekenntnisses und der politischen Ansichten vertheilen. Dem Thierschutzverein vermachte er 150,000 Francs, die Zinsen dieses Legats sollen dazu dienen, das Loos der Thiere im Allgemeinen zu erleichtern und vob Allem auch so weit als möglich zu verhindern, daß die armen, lahmen und abgearbeiteten Thiere im Zugdienst abgequält werden. Zu den Erben gehört die „Assistance Publique“ mit 360,000 Francs, die Wohlthätigkeitsanstalten der Stadt Paris mit einer runden Million, das Institut Pasteur mit einer jährlichen Rente von 10,800 Francs. Ein Kapital von 10 Millionen soll zur Begründung und Unterhaltung eines Hospitals für Augenkranke dienen, wie cs Baron Rothschild bereits in Genf geschaffen hatte. Seine Sammlung, die er dem Louvre vermacht, begleitet er mit den Worten: „Ich gebe sie der Nation, der ich das Glück habe anzugehören", eine Aeußerung, die seine Feinde tief beschämen müßte, wenn nicht die Antisemiten derartige Empfindungen geflissentlich in sich erstickten. Ein besonders schöner Zug ist es, daß Adolph v. Rothschild eine Rente von 40,000 Frs. aussetzt, die alljährlich an vierzig arme Mädchen vertheilt werden soll, „die von ihrer Hände Arbeit leben". Es ist unmögllch, alle die Veranstaltungen zu nennen, denen Adolph v. Rothschild sein Interesse zugewendet hat. An seinem Todestage, so bestimmte er, sollten 210,000 Francs an die Armen von Paris vertheilt werden und für sein Begräbniß findet sich folgende Bestimmung: „Ich will so früh wie möglich am Morgen beerdigt sein, um möglichst wenig Leute zu stören". Die Worte und die Handlungen dieses letzten Willens errichten dem Verstorbenen ein Denkmal, wie es schöner nicht gedacht werden könnte.

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