Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 43 (28.5.1900)
- Date
- 1900-05-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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885 Wenige Minuten daraus war beides zur Stell und trotz seines Sträubens mußte Steinhart ein Glas^ Cognac nehmen. „Sie müssen es trinken," gebot der Arzt, „Sie kommen sonst nicht zu Ihrem Töchterchen." Das wirkte; und das stärkende Getränk that gleichfalls seine.Wirkung, sichtlich ersrischt athmete Steinhart tief auf. „Gottlob!" sagte der Graf, „jetzt sehen Sie anders aus. Nun, wie isi's, werden Sie mit mir fahren?" „Ich danke sehr — ich kann jetzt schon wieder sehr gut gehen und bitte um Entschuldigung —" „Unsinn, Sie brauchen sich wegen nichts zu entschuldigen. Aber wenn Sie nicht mit mir fahren wollen, werde ich auch nicht fahren, sondern Hinausreiten. — Lassen Sie den Fuchs satteln, Friedrich, aber sofort, ich mache mich dann sogleich auf den Weg und hoffe, Sie bei Ihrer Ankunft dranßen schon mit guter Nachricht begrüßen zu können. — Also auf Wiedersehen, meine Herren! — Ruhen Sie hier noch ein Weilchen aus, betrachten Sie sich wie zu Hause, Herr Doktor, und wenn Sie noch irgend etwas für Herrn Stcinhart wünschen, so wenden Sie sich nur an den Friedrich." Er grüßte leicht mit der Hand und verließ das Zimmer. „Ein herrlicher Mensch, dieser Graf Edgersdorf", sagte der Arzt, „nun er Ihre Sache in die Hand nimmt, da können Sie vollständig unbesorgt sein. — Aber Sic sollten in der That noch ein Weilchen ausruhen." „Nicht doch, nicht doch, ich fühle mich schon wieder ganz frisch — wenn's gefällig ist, machen wir uns sofort auf den Weg, das heißt, wenn Sie mir den Weg nur beschreiben wollten — ich darf nicht zugeben, daß Sie mir so viele Zeit opfern und sich mit hinaus bemühen." „Nonsens. Herr Steinhart, glauben Sie in der That, ich würde Sie in dieser Verfaffung allein gehen lassend" „Aber Ihre Patienten —" „Für die wird schon gesorgt werden. Sobald Sie sich frisch genug fühlen, machen wir uns auf den Weg und im Vorübergehen gehe ich auf einen Augenblick hinauf in meine Wohnung um einen jungen sehr tüchtigen Kollegen, der aber noch sehr wenig zu thun hat, für heute mit meiner Praxis zu betrauen. Er wird überglücklich sein und ich habe einen freien Tag. — Hören Sie das Pferdetrappeln in der Einfahrt. — Der Gras ist schon llnterwegs." „So lassen Sie uns auch gehen. — Wie werde ich ihm und Ihnen je genügend danken können —" „Das möge Ihre größte Sorge sein," entgegnete der Arzt lachend. „Aber obgleich ich weiß, daß Sie sonst Cognac nicht bei Nichtjuden trinken, muß ich'^doch^ darauf bestehen, daß Sie noch ein Gläschen §u sich nehmen, ich fürchte, Sie kommen sonst^nicht hinaus."--- Graf Edgersdorf befand sich in der That bereits llnterwegs, er war zuerst eine Strecke in der Richtung, die zum Ausgang ^der Stadt führte, geritten, als er plötzlich umwandte und in die entgegengesetzte Richtung sprengte. „Es ist zwar eine Versäumniß von beinahe einer halben Stunde," flüsterte er vor sich hin, „aber wenn doch vielleicht hier etwas zu erfahren wäre —" In einer kleinen Viertelstunde hatte er die Stadtwohnung der Baronin Waldstein erreicht. Er sprang vom Pferde, das er jedoch am Zügel hielt und setzte die Hausglocke in Bewegung. Gleich darauf ward die Thür geöffnet und der alte Jean ward sichtbar und blickte voll Verwunderung, doch mit tiefer Verneigung, zu dem Cavalier empor. Dieser nickte ihm freundlich zu. „Guten Tag, Alter, ist die Frau Baronin zu Hause?" „Die Frau Baronin —" wiederholte der Bediente, „die ist doch schon seit vier Wochen draußen — wußten der Herr Graf das nicht?" „Freilich habe ich das gewußt, aber ich dachte, sie wäre vielleicht herein gekommen wegen des Kindes." „Wegen des Kindes? — Der Herr Graf meinen das kleine Mädchen, das der selige Herr Baron so lieb gehabt haben? —" „Eben das meine ich, ich habe gehört, die Frau Baronin hätte es gestern holen lassen —" „Ich habe auch derartiges gehört — zufällig — der neue Verwalter ist immer so entsetzlich geheimnißvoll." „Aber der alte Jean hat gute Ohren", sagte der Gras lachend. „Gott sei Dank! mit den Ohren geht es noch," erwiederte der Alte gleichfalls lächelnd. „Wo ist denn das Kind?" „Draußen in der Villa. Der Verwalter hat es gleich hinaus bringen lassen." „Besten Dank, mein treuer Alter," sagte der Graf, indem er sich wieder auf sein Pferd schwang. „Das war der Mühe werth," flüsterte er vor sich hin, „jetzt kann ich ihr doch mit noch größerer Entschiedenheit entgegentreten. — Aber Adele wird Augen machen, wenn sie von der Geschichte erfährt, sie meint doch immer, daß ich dem alten bigotten Weib unrecht thue —" Bald hatte er die Landstraße erreicht, und nun ließ er dem Pferd die Zügel schießen, das pfeilschnell dahin rannte, um die durch den Abstecher verlorene Zeit möglichst wieder einzubringen. Auf der Hälfte des Weges zur Villa traf er den Doctor Kohn und Reinhart.