Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 41 (21.5.1900)
- Date
- 1900-05-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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.-.‘^ •k^llilUJUiJ. i .. J*! J ***# i.#J- 845 Da trat aber Viktor bleich und verstört in das Zimmer und berichtete, eine der Mägde habe ihm gesagt, während die Mutter gebetet, habe Marianne ein leichtes Tuch um den Kopf geschlungen und wäre auf die Landstraße gegangen, um, wie sie gesagt hätte, dem Vater entgegen zugehen. Die Magd hatte darin nichts Unrechtes gesehen, denn die kleinen Mädchen hatten das häufig gethan. Viktor war sofort hinaus auf die Landstraße geeilt, hatte sich nach der Schwester umgesehen und sie wiederholt beim Namen gerufen; doch vergebens. — Frau Steinhart war leichenblaß geworden; sie stieß einen halbunterdrückten Weheruf aus und brach ohnmächtig zusammen. Gatte und Sohn eilten auf sie zu und bemühten sich um sie, doch Steinhart duldete es nicht lange. „Bleibe bei der Mutter, Viktor," sprach er mit vor Erregung zitternder Stimme, „sie wird hoffentlich gleich wieder zu sich kommen, suche ste dann zu bewegen, ein Glas Wein zu trinken — ich muß fort, das Kind suchen —" Er eilte hinaus, befahl den beiden Mägden, Laternen zu nehmen, denn die Nacht war inzwischen hereingebrochen und die Straße war nicht erleuchtet, und dann schritt er auf dem Wege, der in die Stadt führte, dahin, unabläffig den Namen seines Kindes rufend, während die beiden Mägde mit ihren Laternen in die Graben zu beiden Seiten der Landstraße leuchteten. — Doch sie hatten die Stadt erreicht, von dem Kinde aber keine Spur entdeckt. ,,Ob nicht am Ende die Kunstreiter, die am folgenden Morgen die Stadt verlaßen wollen, das schöne Kind gestohlen haben —" bemerkte die Eine der beiden Mägde. Steinhart eilte sofort zum Cirkus, erzählte Jedem, daß er sein Kind vermisse, rief an allen Seiten laut den Namen desselben — doch umsonst. — Elf Uhr war bereits vorüber. Er hatte die beiden Mägde nach Hause geschickt und stand nun mitten in der nächtlich verödeten Stadt, Todesangst im Herzen und die Hände gegen die wildpochenden Schläfe gepreßt, als könne er einen Gedanken zur Rettung seines Kindes herauspressen. Was sollte, was konnte er beginnen? Endlich raffte er sich auf und trotz der vorgerückten Stunde eilte er auf's Stadthaus. Hier traf er allerdings nur einen subalternen Beamten, aber der Mann sah die Verzweiflung des seines Kindes beraubten Vaters und nahm es auf sich, seinen menschenfreundlichen Chef zu wecken. Dieser ließ sofort seinen tüchtigsten Agenten herbeirufen und befahl demselben, sämmtliche Spelunken der Stadt zu durchforschen, überall einzudringen, wo fremdes Gesindel sich auszuhalten Pflegte und, falls das Kind nirgends gefunden werden sollte, bei Tagesanbruch bei der Abreise der Cirkusgesellschaft gegenwärtig zu sein. „Ich danke Ihnen," flüsterte Steinhart, indem er die Hand des mitleidigen Beamten ergriff und innigst drückte. Dann machte er sich mit dem Agenten auf den Weg. Inzwischen verbrachten seine Frau und sein Sohn die Nacht in wo möglich noch qualvollerer Weise, denn während Steinhart unabläffig angestrengt thätig war, das Möglichste zu versuchen, seines Kindes wieder habhaft zu werden, saßen sie daheim und konnten nichts thun. Zwar Viktor war eifrigst bestrebt, seiner nahezu verzweifelnden Mutter Trost und Hoffnung .zuzusprechen. doch Frau Steinhart hatte schon seit mehreren Tagen gegen ein Unwohlsein angekämpft, darum hatte sie der furchtbare Schlag sofort niedergestreckt. Unter Viktors Pflege war sie allerdings schon nach kurzer Zeit wieder zu sich gekommen und hatte auch auf seine Bitte einige Tropfen Wein genommen, doch seitdem lag sie wimmernd da. unabläffig wimmernd. „Was ist Dir, liebe Mutter?" fragte Viktor, sich angstvoll über sie neigend, „hast Du Schmerzen?" Sie schüttelte verneinend den Kopf, „mein Kind!" flüsterte sie, „Marianne! — o Gott! — mein Gott, schütze sie!" „Gott wird sie ja schützen, liebe Mutter," sprach Viktor, ihre Hände leise streichelnd, während ihm die hellen Thränen über die Wangen rannen, „ganz gewiß wird Gott sie schützen, — sie ist ja ein so liebes, gutes, braves Kind. — Du wirst sehen, der Vater wird bald mit ihr kommen." Aber die Zeit verstrich, die Mägde kamen heim und berichteten, daß alles Suchen erfolglos geblieben. Wimmernd, unabläffig wimmernd, lag die Mutter da, und der wackere Knabe bemühte sich vergebens, sie zu trösten. Wo mochte das Kind sein? In Viktors Hellem Kopfe dämmerte eine Ahnung, doch er wagte es nicht, in Gegenwart der Mutter sie laut werden zu lassen. Stunde um Stunde verstrich. — Steinhart kam nicht. — Die Nacht verging, der Morgen dämmerte, es ward Heller lichter Tag. Das Wimmern der Kranken verstummte endlich. Viktor ergab sich der Hoffnung, daß sie eingeschlafen, denn ihre Augen waren geschloffen. Aber sie schlief nickt, mit angehaltenem Athem lag sie da und lauschte auf einen Schritt, den sie schon in ziemlicher Entfernung erkannt hatte. — Plötzlich richtete sie sich hastig auf. „Der Vater!" stammelte sie, „der Vater!" — Gleich darauf hörte man die Hausthüre sich in ihren Angeln drehen, Viktor stürzte zur Zimmerthüre und riß sie auf. Da, trat auch schon der Erwartete in das Zimmer. Aber so bleich, so verstört — er schien seit dem Abend um Jahrzehnte gealtert. Niemand sprach ein Wort, doch aus der Mutter Brust entrang sich wieder ein leises Wimmern. Steinhart war im Moment an ihrer Seite und nahm ihre Hand. „Du hast sie nicht gefunden," stammelte sie. Er schiittelte verneinend den Kopf. * f, i 1 ■ti fi V