Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-05-17 · Heft 40 (17.5.1900) · page 34

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 40 (17.5.1900)
Date
1900-05-17
Page
– (sequence 34)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449087--50752-2501191
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

' , - - 10Jj ' ■- Mesopotamien, Bagdad und die geplante Eisenbahn. (II. Fortsetzung.*) Alexander dagegen hatte einen weiteren Blick, und versuchte nicht nur das zerstörte Babylon wieder zu erbauen, sondern auch den Schifffahrtsweg des Euphrat wieder herzustellen. Er zerstörte die Schifffahrtshindernisse, liess beide Ströme, auch den Tigris, vertiefen, stellte den Hafen Teredon wieder her, und liess auf dem Euphrat eine Flotte erbauen, der bei Babylon ein Hafenbassin für angeblich tausend Schiffe geschaffen wurde. Seine Nachfolger in der persischen Herrschaft, die Seleuciden, verliessen Babylon und erbauten eine neue Reichshauptstadt am Westufer des Tigris, nur 70 Km. von Babylon und nur 20 Km. von dem heutigen Bagdad entfernt. Immer noch bewahrte die Landeskultur eine bedeutende Höhe, und immer noch ging der Welthandel durch Mesopotamien. Die Parther verlegten dagegen ihre Hauptstadt in das gegenüberliegende Ktesiphon, das unter wechselnden und sich bereits allmählich trübenden Schicksalen noch einen bedeutenden Rang behauptete, bis es im Jahre 637 von den Arabern erobert und zerstört wurde. Die neuen Herren benutzten es als Steinbruch, um aus dem Material 763 das neue Bagdad zu erbauen Auch unter den Arabern blieb Mesopotamien immer noch ein hochentwickeltes Land. Unter Omar wurde festgestellt, dass ein Areal von 1,100,000 Hektaren dem Staatsschätze eine Einnahme von 85 Millionen Franken lieferte. Unter den Khalifeu blieb Mesopotamien immer noch ein Land hoher Kultur. Der eine Name Harun al Raschid entrollt mit einem Schlage ein Bild von dem, was Bagdad für das frühe Mittelalter bedeutete. Noch fünfhundert Jahre nach seiner Gründung hat die Khalifenstadt geblüht als Mittelpunkt der arabischen Wissenschaften, wie als Welthandelsstadt. Dann kam auch über sie das Verhängniss: die mongolische Eroberung durch Dschingischans Enkel im Jahre 1258. Man sagt: wo der Türke hintritt, da wächst kein Gras wieder; aber in Wahrheit ist der Türke ein sanftes Kind gegen den Mongolen. Die mongolische Herrschaft ist es vor Allem gewesen, die die Landeskultur in Verfall gebracht, die Kanäle der Verschlammung, Untermesopotamien der Versumpfung überantwortet und die alte hochzivilisirte Bevölkerung grausam verringert hat. Nach Verfall der Mongolenherrschaft eroberten die Neuperser das Land und die Stadt. Mit diesen kämpften die Türken, und ihnen gehört seit der Eroberung Bagdads im Jahre 1638 die Herrschaft. Bagdad hat sich erholt, aber von dem, was es war, ist es heute nur ein schwacher Abglanz. In jenem Chaldäa, wo einst die ersten Keime der sich bis auf die heutige Menschheit fortpflanzenden Kultur lagen, wo Eroberer auszogen, um das nördlich benachbarte Babylonien unter ihre Herrschaft zu bringen, rinnen jetzt träge Wasserarme durch Schilf und Weidengestrüpp, und Pelikane schwärmen zu Tausenden umher, um zu fischen und zu nisten. Erst in später Zeit ist diese betrübende Wandlung eingetreten. Während noch unter den Khalifen Bagdad an zwei Millionen Einwohner gezählt haben soll, ist unter den Türken der tiefe Verfall eingetreten. B. Moritz sagt in den Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Erdkunde (1888) über den heutigen Zustand Untermesopotamiens: „Nichts beweist den abnormen Zustand, in den das Land gerathen ist, besser, als der Gegensatz von Wüste and Sumpf. Während der eine Theil desselben durch Wassermangel der Kultur entzogen ist, ist der andere durch Ueberfluss an jenem Elemente demselben Schicksal verfallen. Gegenwärtig nehmen bei normalem Wasserstande die Sümpfe etwa ein Drittel des ganzen Landes ein. Von Weitem gesehen, erscheinen die Sümpfe als eine ungeheure grüne Fläche, die aber keinen Graswuchs, sondern Schilf- und Rohrmassen darstellt. Diese oft meterhohen Dickichte sind von zahllosen, bald schmalen, bald breiteren Kanälen durchzogen, in deren Labyrinth der Fremde ohne einheimischen Führer verloren ist.“ Trotz der ausdörrenden Sonne in der Mitte und im Süden, trotz der Versumpfung des Südens ist Mesopotamiens Hauptstadt, Bagdad, immer noch ein Paradies, eine traumhafte Erinnerung an die verschwundene Herrlichkeit des nahen Babylon. Dem Wanderer, der, vom Euphrat kommend, das vielgestaltige Netz der Bewässerungskanäle überschritten hat und sich dem Tigris nähert, präsentirt sich nach Cernik „mit einem Male das eigentümliche, geradezu feenhafte Bild der Khalifenstadt Bagdad mit ihren verschwommenen Konturen und den zahllosen Palmenkronen, die über ein blaugraues Nebelmeer hiuausragen. Das ganze Bild gleicht einer Fata Morgana. Die dicken heissen Nebel trennen die Kronen von ihren Stämmen, so dass jene wie auf einem ruhigen See zu *) 8. Nr. 732.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.