Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 39 (14.5.1900)
- Date
- 1900-05-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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801 nicht zu gefährden und trotzdem bin ich überzeugt, das; Sie das fremde Kind eben so halten werden, wie Ihre eigenen." „Das ist doch selbstverständlich." „Im allgemeinen keineswegs, bei Ihnen allerdings —" „Meine Frau denkt in dieser Beziehung ganz ebenso wie ich." Er stand auf, öffnete die Thüre des Familienzimmers und ersuchte seine Frau, zu ihnen herein zu kommen. In wenigen Worten theilte er ihr die veränderten Verhältnisse ihres Pflegekindes mit und hatte die Genugthuung, dass sie sich nicht nur in demselben Sinne, sondern nahezu mit denselben Worten ausdrückte, wie er sie gebraucht hatte. Triumphirend blickte er auf den Verwalter: „Nun?" „Ich habe keinen Augenblick an Ihr schönes Einvcrständniß gezweifelt," versetzte dieser lächelnd, „doch was werden Sie für die Sicherheit des Kindes thun?" „Ich werde es keinen Augenblick aus meinen Augen lassen." „Das durchzuführen ist schwer, Frau Steinhart, kann unter Umständen sehr schwer werden. Sie wissen nicht und können nicht berechnen, welche Ränke und Jntriguen die bigotte Dame in Anwendung bringen wird. Erlauben Sie mir daher, Ihnen einen Vorschlag zu machen. Sie können sich nicht denken, wie sehr meine Frau an dem Kinde hängt, das sie einige Monate gepflegt hat. Wir haben keine Kinder und es ist seither noch kein Tag vergangen, an dem sie es nicht beklagt hätte, daß sie die Kleine hat von sich lassen müssen. Aber so lange wir hier waren, wäre Elsa bei uns nicht sicher gewesen. Nun aber, da wir nach einem entfernten Ort hin übersiedeln, würde ihre Sicherheit bei uns weit weniger in Gefahr sein, als hier bei Ihnen. Ich mache Ihnen daher im eigenen Namen und in dem meiner Frau den Vorschlag, geben Sie uns das Kind zurück, das ich Ihnen im Namen des verstorbenen Barons anvertraut habe." „Unmöglich, Herr Verwalter," entgegnete Frau Steinhart rasch, „Elsa ist Jüdin." „Wir werden sie ihrer Religion nicht abwendig machen." „Davon sind wir überzeugt, aber mit dem besten Willen wäre es Ihnen doch nicht möglich, ihr eine jüdische Erziehung angedeihen zu lassen." „Eine jüdische Erziehung?" wiederholte Werner lächelnd, „wäre ihr denn eine solche noch nothwendig? Ich dächte, gerade nach dieser Richtung hin habe die Kleine sich bereits bewährt." „Das hat sie allerdings und zwar in geradezu staunenswerther Weise — um jedoch für’ä Leben gestählt zu sein? — Und dann, bitte zu bedenken, einige Monate hat ihr die sog. Fastenkost bei Ihnen nicht geschadet, ob ihr dieselbe jedoch für die Dauer zu rathen wäre? — Der Arzt legt entschieden Werth darauf, daß sie Fleisch ißt „Da mögen Sie recht haben, das haben wir nicht in Betracht gezogen. — Trotzdem komme ich nochmals auf meinen Vorschlag zurück. Elsa ist hier nicht sicher, wenigstens gegenwärtig nicht. Geben Sie sie auf einige Monate zu uns, bis sich der Eifer ihrer bekehrungswüthigen Gönnerin gelegt haben wird." „Dem möchte ich zustimmen," erwiederte Steinhart, „einige Monate wird ihr der Entgang der Fleischspeisen hoffentlich nicht schaden, dafür wäre die größere Sicherheit bei Ihnen in Anschlag zu bringen —" „Meinst Du wirklich?" fragte seine Frau, der die Sache gar nicht recht zu sein schien. „Das meine ich ganz entschieden. Herr Werner hat recht, wenn die Baronin auch jetzt und in der nächsten Zeit nach dem Kinde forschen lassen wird, in einigen Monaten, wenn sie ihre Spur nicht findet, wird sie daran vergessen und dann kann Elsa wieder zu uns kommen." Frau Steinhart war im Innern durchaus nicht einverstanden mit diesem Arrangement, trotzdem schreckte sie davor zurück, ihr Widerstreben zur Geltung zu bringen, hätte sie doch dadurch, entgegen dem Rathe der beiden Männer, die ganze Verantwortung für Elsa's Sicherheit auf die eigenen Schultern genommen. Es ward daher vereinbart, daß das kleine Mädchen in den ersten Tagen der kommenden Woche mit dem Verwalter und dessen Frau in deren künftiges Heim übersiedeln und nach einigen Monaten zu der Familie Stcinhart zurückkehren solle. Die Eltern beschlossen jedoch, von Elsa's bevorstehender Abreise den Kindern gegenüber nichts zu erwähnen, denn sie wußten, daß Viktor und Marianne ihre Gespielin schmerzlich vermissen würden und glaubten, daß auch Elsa der Abschied von ihren kleinen Freunden nicht leicht werden würde; sie hielten es daher für das Veste, sie sämmtlich vor ein Faitaccompli zu stellen.- Heiter und guter Dinge machten sich die Geschwister Steinhart am Montag Morgen auf den Weg zur Schule, während Elsa allein am Familientisch zurückblieb, um „ihre Aufgaben zu machen," wie sie es nannte. Viktor hatte ihr „aufgegeben." zwei Seiten schön zu schreiben, und da saß sie nun pflichteifrig und malte die ihr vorgeschriebenen Buchstaben sorgfältig nach, denn ihr jugendlicher Lehrer war sehr streng, geizte nicht mit seinem Tadel. Die Kleine war so vertieft in ihre Arbeit, daß sie das Heranrollen des Wagens, der eben vor dem Hause hielt, nicht beachtete, erst als die Thüre aufging und eine wohlbekannte Stimme ihren Namen rief, da fuhr sie empor u. sprang mit lautem Jubelruf der Eintretenden entgegen. „Tante Werner! Tante Werner! liebe Tante Werner!" Frau Werner hob das Kind empor und drückte es fest an sich. „Meine liebe kleine Elsa! — Aber wir müssen eilen," wandte sie sich an die gleichzeitig mit ihr in's Zimmer getretene Frau Steinhart, „ich habe mich