Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 39 (14.5.1900)
- Date
- 1900-05-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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M B» 41. Jahrgang. Kenlrat-Hrgan für das orlhodoXe Zudenthum. Begründet von Dr. f^mattn in Ht«in|. Montag, den 14. Mai 5660 (1900). Leitender Artikel. Die Mutlügner an der Arbeit. Berlin. 13. Mai. Alle Welt weiß, daß der geheimnißvolle Mord in Koni tz erst von der Berliner antisemitischen Preßsippe zu einem jüdischen Ritualmorde gestempelt wurde. Hier wurde das Blutmärchen ausgeheckt und in die Provinz colportirt, wo es bei den durch die räthselhafte Mordthat erregten Geistern und Gemüthern einen günstigen Nährboden fand. Die Verirrung der öffentlichen Meinung, und ihre Ablenkung von dem wahren Sachverhalt, sowie die dadurch bedingte Erschwerung, die Spuren des Verbrechers aufzufinden, alles das ist den Antisemiten bis jetzt vollkommen gelungen. Von den bedrohten und vernichteten jüdischen Existenzen in Folge der allgemeinen Gährung und den betrübenden Folgen, die nach dieser Seite hin noch zu erwarten sind, sprechen wir heute nicht. Wir wollen nur an einem Beispiel die perfide, verlogene Art und Weise zeigen, wie die Masten durch die antisemitischen Verlogenheiten fort und fort in Aufregung versetzt werden und die Lüge in allen Variationen so lange und so hartnäckig wiederholt wird, bis selbst die Bessergesinnten die „Möglichkeit" eines rituellen Menschenmordes nicht für ausgeschlossen erachten. Von dieser Möglichkeit bis zur Gewißheit ist dann nur ein Schritt, dessen es oft gar nicht bedarf,^ um die Gehässigkeit gegen Juden und Judenthum lebendig zu erhalten und in rohe Exceste umzusetzen. So schreibt ein hier erscheinendes antisemitisches Blatt, die „Deutsche Tageszeitung": ' „Zur-Konitzer Mordthat." Wenn angesichts der sonderen Umstände der scheußlichen Konitzer Mordthat die öffentliche Meinung mit größter Berechtigung wieder einmal einen jüdischen Ritualmord vermuthet, so wird von judenfreundlicher Seite zumeist eine solche Unterstellung mit größter Entrüstung in's Reich der Fabel verwiesen. Daß die mosaische Religion in ihrer Reinheit Menschenopfer zum Wohlgefallen Gottes fordere, wird Niemand behaupten wollen. Indessen ist es doch immerhin recht bedenklich, wenn wir das 1. Buch Mosis, Kap. 22 lesen, daß Gott den Abraham „versuchte" und ihm den Befehl ertheilte, den einzigen Sohn „zum Brandopfer zu opfern." Wenn Gott nun auch diese Unthat, welche Abraham in allen Einzelheiten vorbereitet hatte, im letzten Augenblicke durch Sendung eines Widders als Brandopfer verhinderte, so gibt doch die Bereitwilligkeit jenes Erzvaters, sein eigenes Kind zu schlachten, rechten Anlaß zum Nachdenken gelegentlich der Frage nach der Möglichkeit von Ritualmorden. Aber wir finden im alten Testament das Menschenopfer auch dort, wo es nicht von Gott verlangt ist. Im „Buch der Richter," Kapitel 11, gelobet Jephtha dem Herrn zum Brandopfer, „was zu seiner Hausthüre heraus ihm entgegengehet, wenn er mit Frieden wiederkomme von den Kindern Ammon." Es ist dies ein völlig freiwilliges Gelübde, um den Sieg zu erflehen. Und als nun die eigene Tochter Jephtha entgegeneilt, steht er nicht an, das Gelübde zu erfüllen, „denn ich habe meinen Mund aufgethan gegen den Herrn und kann's nicht widerrufen." Das Einzige, was er der Tochter gewährte, sind zwei Monate Frist, nach deren Verlauf „er ihr that, wie er gelobt hatte." Wenn derartige Dinge in der heiligen Schrift der Juden ohne irgend welchen Tadel, ja gewissermaßen vorbildlich erzählt werden, so erscheint es in der That gänzlich überflüstig, über die Möglichkeit heutiger jüdischer Ritualmorde zu streiten. Wird doch bei letzteren nicht einmal Blut des „auserwählten Volkes" vergosten, sondern lediglich dasjenige von „Gojim." Was mag nun aber erst die Menge der religiösen Geheimschriften der Juden an Fanatismus und Aberglauben enthalten, zumal die in Zeiten der Erbitterung durch politische Unterdrückung geschriebenen! Wenn wir uns recht erinnern, so wurde gelegent-