Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 38 (10.5.1900)
- Date
- 1900-05-10
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449085--50687-2501124- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
781 Hauses. In dem großen, mit Blattpflanzen, Oelgemälde und der Kaiserbüste geschmückten Saal desselben wurde dann der eigentliche Weihealt vollzogen. Nachdem der Synagogenchor den 24. Psalm meisterhaft gesungen hatte, trug die Schülerin Anna Frank in mustergiltiger Weise einen Prolog vor. Hierauf betrat Herr Dr. C a h n das Podium, um die Weiherede zu halten. Diese war ein Meisterstück der Rhetorik, von Herzen kommend und zu Herzen gehend. Herr Lehrer L ö w e n st e i n richtete darnach Worte des Dankes an alle Diejenigen, besonders aber an den hochverehrten Herrn Provinzialrabbiner, die sich um die Begründung der Elementarschule und um die baulichen Ausführungen des herrlichen Gebäudes verdient gemacht und gelobte in seinem und seines Amtsbruders Namen, das auf die Lehrer als Jugendbildner gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen. Der Herr Landrath hielt dann eine patriotische Ansprache, die in ein Hoch auf Sr. Majestät unfern geliebten Kaiser ausklang, in das die Versammlung begeisternd einstimmte. Den Schluß der Feier bildete der Vortrag des Synagogenchors, der den 150. Psalm sang. Die Vertreter des Staats, der Stadt und die Ehrengäste besichtigten nach Schluß des Weiheaktes die Schulräume und sprachen sich über dieselben wie über die Ausstattung lobend und anerkennend aus. Möge die unter Kämpfen in's Leben gerufene Elementarschule, an welcher die Lehrer Löwenstein und Spiro wirken, der Gemeinde und dem Staate zum Segen und Gott zur Ehre gereichen. Yrx' England. London. Das „Jewish Chronicle" veröffentlicht eine sehr interessante Correspondenz aus Cypern, der wir die folgenden Ausführungen entnehmen: Die Colonie Margo Chiflick ist Dank der Hilfe der Jewish Colonisation Association in besseren Bedingungen, als vorher. Jeder der Kolonisten hat zu seinen früheren 100 Dunam noch 100 erhalten, sa daß jetzt der Besitz jedes Einzelnen 200 Dunam, gleich ca. 18 Hectar beträgt. Ferner hat die Kolonie eine zweite Mähmaschine erhalten und wird noch eine Dreschmaschine bekommen, endlich ist jedem Bauer ein europäischer Pflug zur Verfügung gestellt worden. Durch die Vergrößerung des Besitzthums werden die Einnahmen steigen, durch die Maschinen sich die Ausgaben der Kolonisten für Hilfsarbeit bei der Ernte vermindern. Nebeneinnahmen erwachsen jetzt den Leuten auch aus dem Ertrage der Milchwirthschaft, da jeder noch eine Kuh erhalten hat. Die Jewish Colonisation Association hat ferner neue Speicher bauen lasten, da in den alten das Getreide nicht sicher vor dem Regen und den Ratten war. Endlich sind Baumvflanzungen angelegt worden, von denen man für die spätere Zukunft guten Ertrag erhofft. Der Gesundheitszustand der Kolonie hat sich gebessert, auch die Ernten stehen gut und bedürfen nur noch etwas Regen; kommt dieser, dann wird das Ergebniß ein vorzügliches sein. Kürzlich war Niego, der Direktor der Ackerbauschule der Alliance in Jaffa, dort, um im Aufträge der Jewish Colonisation Association die Situation zu prüfen und darüber zu berichten. Es ist noch nicht bekannt, welchen Eindruck er von Margo Chiflick empfangen hat. Durch die für Cypern betriebene Agitation veranlaßt, die von Herrn Trietsch ausgeht, kamen vor einigen Monaten eine kleine Anzahl Rumänen hierher. Ein Blechschmied aus Bukarest, mit seiner Familie, kam zuerst in die Kolonie und erhielt von den Kolonisten so lange Arbeit, als es ging. Jetzt, nachdem für ihn keine Arbeit mehr da ist, mußte er mit seinen beidenBegleitern nach Asheriton gehen, wo die Regierung Berieselungsanlagen ausführen läßt. Bei diesen kann er einige Monate Arbeit finden, dort sind auch zwölf Juden aus Galatz thätig, aber diese Arbeit dauert nur noch einige Monate. Zwei russische Glaubensgenossen haben anstoßend an Margo ein größeres Terrain gekauft, das sie bebauen wollen und haben sich an die I. C. A. gewendet, um die Erlaubniß zu erhalten, ihre Häuser in der Kolonie errichten zu dürfen, damit sic von den Vortheilen derselben, wie Schule, Synagoge etc., etwas haben können. Trietsch ist ebenfalls mit 15 jüdischen Arbeitern aus Boryslaw hier angekommen. Er kann sie jetzt bei den Wasserwerken unterbringen, aber was wird in vier oder fünf Monaten werden, wenn diese Arbeit zu Ende ist? Alsdann wird Herr Trietsch für diese Leute, sowie die von Rumänien hierher gekommenen Juden, die ja auch nur seinem Rufe gefolgt sind, sorgen müssen und wenn er dies kann, so ist dies das höchste, was er leisten kann. Deßhalb muß man energisch vor der Auswanderung nach Cypern warnen, denn die Insel ist eine kapitalsarme Gegend, der Arbeitslohn daher sehr niedrig und Arbeit schwer zu finden. Würden Industrien entstehen, so würde dieser Zustand sich ja wohl verbessern, aber zur Zeit ist es einmal so schlimm. Vielleicht finden sich Europäer, die Juden beschäftigen, aber Cyprioten können sich dazu nicht aufschwingen. Interessant ist auch der folgende Passus in dieser Correspondenz. der die Meinung eines Berliners wiedergibi: Ein anderer Besucher war kürzlich hier, Professor Marburg von der Berliner Universität, der sich auch für die Arbeiten des Herrn Trietsch interessirt und Beziehungen zu der Berliner Kolonisationsgesellschaft Esra hat. Während einer kurzen Reise, die ich mit ihm machte, erklärte er mir, wie sehr er ein großes Herbeiströmen von Juden nach unserer Insel bedauern würde, nachdem er gesehen hätte, daß die Chancen für dieselben, hier Arbeit zu finden, so gering seien. Er ist willens, diejenigen zu unterstützen, die schon hier sind, und ihnen dauernde Arbeit zu beschaffen, indem er in Gemeinschaft mit anderen Herren ein Grundstück erwirbt und durch diese Leute bearbeiten läßt. Erst wenn dieser Versuch auch ein Erfolg ist, kann die Sache ausgedehnt werden. Dieses sehr bemerkenswerthe Urtheil sollte überall beherzigt werden.