Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 37 (7.5.1900)
- Date
- 1900-05-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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753 WcrcH einer wahren MegeUenherL. 221 Von Friedrich Rott. Dieser zuckte die Achseln. „Es wäre gut, die Frau Baronin in ein anderes Zimmer zu geleiten." „Komm', liebe Emma!" sagte die Gräfin, den Arm um sie legend, „laß' uns in Dein Boudoir gehen." „Aber warum?" stammelte diese — „großer Gott! -- warum?" — Dabei ließ sie sich aber doch einige Schritte fortziehen, plötzlich aber riß sie sich los, eilte zum Bette und ergriff die auf der Decke liegende Hand. — Es war eine Todtenhand, Eiseskälte wehte ihr entgegen. — Sie stieß einen gellenden Schrei aus und warf sich laut schluchzend auf die Leiche. „Mein Kind! — mein Kind! — Hugo! — Hugo! — Noch einen Blick! — O, nur noch einen Blick!" „Emma!" flehte die Gräfin, „uin Gotteswillen Ennua! — ich beschwöre Dich!" — Aber die ihres Kindes beraubte Mutter hörte nicht auf sie. Wilder und wilder ward ihr Schluchzen, unheimliche Töne entrangen sich ihrer Brust, der Arzt sah einen Rervenanfall im Anzuge und wandte sich zu dem alten Diener, der schluchzend gegen die Thür lehnte. „Eilen Sie zu dem Sanitätsrath, er muß sofort kommen, Sie können meinen Wagen nehmen." „Wozu der Sanitätsrath?" ries die Gräfin unwillig. „helfen Sie mir, sie hinüber bringen." Mit sanfter Gewalt hoben sie die fetzt vollständig Sinnlose und trugen sie in ihr Boudoir. Hier kam der Anfall sofort zum Ausbruch. Doktor Kühn blieb an ihrem Bette, bis der Sanitätsrath tarn, dann entfernte er sich. Fast unmillkürlich wandten sich seine Schritte zu dein Sterbezimmer; noch einen Blick wollte er auf die Hiille des jungen Aristokraten werfen, der ihm ein so freundliches Vertrauen entgegengebracht hatte. — Tief ergriffen blickte er aus das bleiche, jugendlich schöne Angesicht, das der Tod nicht hatte entstellen können. „Armer junger Mann," flüsterte er in sich hinein, „Du bist das Opfer des Fanatismus Deiner Mutter und Deiner eigenen Gewissenhaftigkeit. — Was hättest Du ivirken können!" — Dann neigte er sich über ihn, fuhr leise mit der Hand über die halbgeöffneten Augen, daß sie sich vollends schlossen, nickte dem lveinenden Diener mitleidig zu und verließ das Zimmer. Mehrere Wochen lvaren verstrichen, der lvilde Ausbruch des ersten Schmerzes war bei der Baronin in eine Art dumpfer verzweiflungsvoller Resignation übergegangen. Zu schlver hatte es sie getroffen. Die ersten vierzehn Tage hatte sie das Bett nicht verlassen, hatte nicht einmaf dem Sarge folgen können, der ibr Theuerstes umschloß. Allgemeines Aufsehen hatte es erregt, daß ein schönes, kleines Mädchen, geleitet von dem Grafen Edgersdocß laut schluchzend einen prachtvollen Kranz von weißen Rosen auf den Sarg niedergelegt hatte. Es war Elsa gewesen, die auf ausdrücklichen Wunsch der Baronin dern Dahingeschiedenen diese letzte Liebespflicht erwiesen. ,.Jbr Kranz wäre ihm sicher der liebste von allen." hatte H?ic unglückliche Mutter unter thränenlosem Schluchzen zu der Freundin gesagt, die in diesen schweren Tc gen nicht von ihrer Seite wich. — Weinen konnte sie nickt mehr, mit trockenen, brennenden Augen lag sie da und starrte in's Leere. „O dieses Kind! — Dieses Kind! — dieses unglückselige Kind — wie war es ihm an's Herz gewachsen — um seinetwillen ist er in den Tod gegangen —" „Daran ist die Kleine unschuldig," erwiederte die Gräfin, „sie war ja vollständig fastungslos, mein Mann hat es mir erzählt —" Ein Aechzen entrang sich der Brust der Unglücklichen. „Ich weiß es," flüsterte sie, „sie hat ihn ja auch sebr lieb gehabt — ihr mache ich keinen Borlvurf — aber mir! mir! O mein Gott!" schrie sie auf, „ich bin wahnsinnig gclvefen! — Habe mein Eins und mein 'Alles in wahnsinnigem Frevel —" ,,Liebe gute Emme,! ich bitte Dich um's Himmelslvillen, Du gehst in Deinen Selbstvorwürfen zu weh — Du hast doch nicht ahnen können —" „Ich hätte es allerdings ahnen können," fiel die Baronin mit wilder Hast ihr in's Wort, „ich hätte es ahnen können. Ich habe ihn doch gekannt — habe gewußt, daß er alles, was er als Recht und Pflicht betrachtet hat, gleichviel, ob es wahr, durchführte um jeden Preis —" „Er war ein edler, hochherziger junger Mann —" „Und ich! — ich! — ich habe ihn in den Tod getrieben! — O Gott! — O Gott! — wenn ich nur überlegt hätte - " „Sie haben Dich ja nicht zur Ueberlegung kommen lasten," fiel die Gräfin ein. „Den ^anitäksrath trifft die meiste Schuld — ihn und den Pastor Schmidt —" Die Baronin schüttelte wild den Kopf, der in den jünastverflostenen Wochen einen seltsamen Silberschein angemmmen hatte. „Meine Schuld ist's!" ächzte sic, „meine Schuld allein!"-- Mieder waren mehrere Wochen verstrichen. In dem mild erwärmten, hell erleuchteten Wohnzimmer befand sich die Famile Steinhart beim Sabbatmahl. Der große runde Tisch stand in der Mitte des freundlichen Raumes, und auf demselben des Sabbats wegen außer der Lampe noch zwei Kerzen in altmodischen Bronzcleuchtern. Zu der Familie, die aus den Eltern, einem dreizehnjährigen Sohne und einer siebenjährigen Tochter bestand, ward seit einigen Monaten auch Elsa gerechnet, der verhätschelte Liebling des ganzen Hauses. Sie hatte ihren Platz an Frau Steinharts Seite, den ihw ihre kleine Freundin Marianne als Beweis ganz besonderer Zuneigung abgetreten und dafür fortan bei