Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 37 (7.5.1900)
- Date
- 1900-05-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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750 ctitc 'h'cUje jämmtlicher Dclvrationcn ehemaliger und jetziger deutscher Staaten und des Auslandes nennen. Doch würde dieses nicht der richtige Gradmesser sein. (5s kann auch nicht die Aufgabe des „Israelit" sein, die einflußreiche Stellung und Bethätigung von Eohn's in der Finanzwelt zu schildern; dieses mögen Börsenblätter thun. Hier sei in lurzen Zügen der Baron v. Cohn als „Jehudi" geschildert und einzelne Züge aus seinem vielbewegten Leben mitgetheilt, für deren Wahrheit volle Garantie übernommen wird. Cine oft wiederholte Bitte des Einsenders an den Baron v. Cohn, er möge ihm Material zu einer Lebensbeschreibung liefern, nnirde mit dem Bemerken abgelehnt, er wolle von sich nichts geschrieben haben. Der Verlagsbuchhändler Brocthaus in Leipzig habe ihm eine halbe Million Mark zu einem Dowor tos zur Verfügung für seine Memoiren gestellt, auch ihm habe er ablehnenden Bescheid gegeben, da er wiederholt Zeuge des Unwillens gewesen, den Kaiser Wilhelm l. gezeigt, als ein deutscher Bundesfürst, Herzog Ernst, sein Werk „Aus meinem Leben und meiner Zeit" veröffentlichte. Doch!var der alte Herr in seinen AUUheilungen so gesprächig, in seiner Unterhaltung so interessant, daß man es schon wagen darf, einiges zu veröffentlichen. In Wörlitz, einem bei Dessau liegenden Landstädtchen, war im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts noch eine ziemlich große Gemeinde, von der nur noch der Friedhof übrig ist und der in dem weltberühmten Park liegende Tempel, der keinem anderen Zwecke dienen darf, da er Lehnsgut des Herzogs von Anhalt ist und dieser ihm, als einem Bauwerk des Fürsten „Vater Franz", eine besondere Pietät bewahrt. Wörlitz war die Heimath Kohn's: dort lebten seine Eltern, Isaak Cohn und Sara, geborene Elk und ernährten sich von dem Ertrage eines kleinen Geschäftes. Hier wurden ihm zwei Kinder geboren. Moritz und Hanna. Letztere ist die Mutter des bekannten Schriftstellers Dr. Paul Nathan in Berlin. Die Erziehung des nachmaligen Barons muß eine streng-religiöse gewesen sein. Der Knabe besuchte die Herzogliche Franzschule in Dessau und später das dortige Gymnasium. Von seinen Lehrern rühmte er besonders Falk Cohn, bei dem er Talmud gelernt. Die hebräischen Kenntnisse Eohn's waren keine geringen. Er verstand sofort die Pointe eines Midrasch und beliebte oft in der Unterhaltung jüdische Brocken einzuflechten. Seinen Geburtstag (19. Sept. 1812) feierte er stets am ersten Tage Rösch ha-schonoh. Eohn's Eltern zogen anfangs der zwanziger Jahre nach Dessau und errichteten dort-eine „Herzogl. priveligierte Pfandleihe," aus der dann das bekannte Bankgeschäft hervorgegangen. Eohn's Eltern müssen sich ebenfalls eines geachteten Rufes erfreut haben, der Vater starb als Geheimer Commerzienrath und die Mutter, die Seele des Geschäftes. erwarb sich den Titel „Geheime Commerzienräthin," eine Auszeichnung, die ivohl nie eine Frau getragen. Mit fast göttlicher Verehrung hing Cohn an seiner Mutter. Wenn er von ihren Tugenden, von ihrer Frömmigkeit erzählte, wurde der Greis lebhaft, wie ein Jüngling, die alte „Geheimräthin" war ja auch in der Gemeinde sehr beliebt. Arme waren ihre Hausgenossen und Wohlthun ihre Lebensaufgabe. Die in Dessau noch lebenden jüdischen Frauen können nicht genug von ihrem Verhalten in der Synagoge erzählen. (Schluß folgt in der Beilage.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 4. Mai. Zu der Ritualmordinterpellation im Herrenhause bemerkt der „Vorwärts": Damit hat das Herrenhaus endlich seinen wahren Beruf gesunden. Es wird sich fortan ausschließlich derlei Erörterungen widmen. Die tiefernsten Fragen des Kartenlegens, der weißen Frau, des fliegenden Holländers, der Heilwirkungen des Krötensetts und der Stücke vom Henkerstrick, des Tischrückens, der Re sauer Phänomene, werden mit Hülfe der Regierung einer befriedigenden Lösung entgegen geführt werden. Das siebente Buch Mosis soll in einer billigen Volksau-gäbe zur Aufklärung der Massen verbreitet werden, und hinsichtlich des bösen Blickes wird eine dauernde Unter iuchungskommission verlangt. Die Reihe der Interpellationen aber wird mit einer Angelegenheit beginnen, die des allgemeinsten Interesses sicher ist. Der Rittergutsbesitzer auf Lottin und Babylon wird, wie wir hören, unmittelbar nach der Ritualmord-JnterpMation eine andere Blutlegende zur herreuyäuslerischen Besprechung bringen, indem er die folgende Anfrage stellen wird: „Welche Maßregeln gedenkt die Kgl. Staatsregierung zu ergreifen, um iveiten Kreisen der plebejischen Bevölkerung die Gewißheit zu verschaffen, daß die Mitglieder des alten Adels nicht blaues, sondern rothes Blut haben." In der Begründung wird darauf Hingelviesen, daß der Glaube an die blaue Färbung adligen Bluts vielfach eine starke Abneigung gegen die Edelsten der Nation veranlaßt habe. 5 Uebrigens ist bemerkenswert^ daß Herr von Hertzberg-Babylon dem neuen Minister des Innern eine bittere Rüge ertheilt, weil er die Ausschreitungen gegen die Juden, diese edle Bethätigung eines „überschäumenden Unwillens" in erster Linie zu unterdrücken suchte. Wannn sollen die Ritualmord-Gläubigen nicht auch ein bißchen die Synagogen zerstören. Nur bei Strikes braucht die „Ordnung" straff aufrecht erhalten zu werden. wo es bekanntlich schon die Grundlagen des Staates stürzt, wenn ein Arbeiter friedlich an einer Straßenecke steht. Berlin, 29. April. (Repräsentanten- Versa m m l u n g.) Herr Louis Sachs verlas ein