Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 34 (26.4.1900)
- Date
- 1900-04-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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41« Jahrgang. Erste Beilage M M 34 des „Israelit-. Leitender Artikel. Hum Goniher Word. Von unserem Spezia lkorrespondcnten. Auf der Reise von Berlin nach dem heiligen Rußland, dem Lande des Nihilismus und der Judenverfolgung, liegt die Stadt Könitz. Eine Minute Aufenthalt! Der Zeitungsschreiber aber, der den angenehmen Beruf hat, über freudige Angelegenheiten die Stimmung in weitere Kreise zu tragen, hat hier die traurige Ausgabe, den gewaltigsten Rückschritt in der Kultur zu verzeichnen, und Könitz ist für uns keine Eisenbahnstation mehr, sondern eine Etappe hinab in das Milieu des Mittelalters. Die kleine Stadt von ca. 10,000 Einwohnern hat eine traurige Berühmtheit erlangt, so traurig, daß ein Menschenalter nicht wieder gut machen kann, was in wenigen Monaten verbrochen worden ist. Hier ist ein Mord begangen worden, ein bestialischer Mord an einem unschuldigen Jüngling von 18 Jahren, ein hoffnungsvolle'.' Mensch mußte unter dem Messer eines grausamen Mörders verbluten und uns erfüllt Entsetzen vor der Bestie, die eine solche Thai begehen konnte, und tiefes, inniges Mitleid mit den armen Eltern, die nicht einmal an Grabe ihres Sohnes beten können. Und doch ist es nichts weiter wie ein Mord, wie er hundert-, ja tausendfach vorgekommen, die zum Theil ihre Sühne fanden oder ungesühnt blieben, denn die Polizei besteht eben aus Menschen, die nicht allwissend und allgegenwärtig sein können. In den letzten 25 Jahren sind beispielsweise in Berlin vielleicht 60 Morde begangen worden, wovon 10 Morde bis heute ungesühnt geblieben. Es ist selbstverständlich, daß in einer kleinen Stadt ein Mord größeres Aufsehen und einen beängstigenderen Eindruck macht, wie in einer Millionenstadt, aber die Bewohner von Könitz und Umgegend haben auch nicht einen Augct'blick an einen sog. Ritualmord gedacht. Erst als das Verbrechen in Berlin bekannt wurde, da wurde im Handumdrehen ein Ritualmord construirt, heidi! Das war ein Fressen fiir die antisemitischen Blätter, die wie die Hyänen darüber herfielen. Vier Wochen vor Ostern wurde ein Jüngling dahingeschlachtet, die Juden brauchen Blut zu ihrem Osterfeste, und dieses Mal bat Könitz „diesen kostbaren Saft" geliefert, und alle Federn sind in Bewegung und die Reporter schreiben Berichte, die Zeile für fünf Pfennig und für drei Mark. Die Herren Redacteure sind entzückt in dem Gedanken, daß die Druckerschwärze immer noch eine so große Macht repräsentirt, ihnen fehlte es schon lange an einem dankbaren Stoff für die Ausbreitung ihrer demagogischen Pläne, sie schreiben Leitartikel, in denen sie mit allen Mitteln der Dialektik zu beweisen suchen, daß hier der kraffeste jüdische Aberglaube wieder mal ein Menschenleben gefordert hat, die Verleger jener Blätter aber lachen sich in's Fäustchen, sie haben ein Serum für die Schwindsucht ihres Blattes entdeckt und die Abonmrucnzahl wächst von Tag zu Tag und heute gibt es in Könitz wohl kaum ein Haus, wo nicht die „Staatsbürger Zeitung" gelesen wird. Wir verzichten darauf, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und möchten um keinen Preis behaupten, daß die Antisemiten diesen oder jenen Mord verübt haben, um ihr Müthchen an den Juden zu kühlen. Aber den Mord als Ritualniord zu bezeichnen, die Polizei auf falsche Fährte zu führen, das ist das Werk der biederen „Staatsbürger- Zeitung" und anderer antisemitischer Zeitungen. Es ist derselbe künstliche Aufbau, den wir schon seit Jahren bekämpfen und wenn auch weder die Redacteure noch ein Reporter, der nur ein Fünkchen Verstand besitzt, nur einen Moment an einen Ritualmord geglaubt, das ungebildete Volk, dem man täglich dieselben Lügen aufbindet, glaubt heute fest an einen solchen. Der Zweck ist also erreicht, über alles Erwarten wohlgelungen! Die Juden in Könitz, ja in der ganzen Provinz Westpreußen, sind bvvkottirt, sämmtliche Geschäfte liegen seit Wochen brach und der Kaufmann, der allerdings auf die christliche Kundschaft angewiesen, die hier wie überall, wo reelle jüdische Kaufleute existieren, beim Juden kaust, könnte ruhig sein Geschäft schließen und nicht dieses allein, sie alle sind vollkommen isoliert, keiner darf sich in einer öffentlichen Wirthschaft sehen lassen und ist er gezwungen, einen kurzen Gang in die Stadt zu machen, so wird er vom Pöbel verhöhnt, mit Hepp-Hepp-Rufen verfolgt und ist in Gefahr, mißhandelt zu werden. Welche Peßachfeier haben die armen Juden in Könitz gefeiert! Das Andenken an die Zeit der Befreiung war für sie eine Zeit der Trauer, eine Tischebeaw-Stimmung die Signatur der acht Peßach- Tage. Und trotz aller Anstrengung der Polizei, trotzdem die Juden selbst große Belohnungen für die Entdeckung des Mörders ausgesetzt, trotzdem jeder Einzelne die Spuren, die er etwa entdeckt, ausgesagt, alle diese Spuren, die nicht auf einen Juden hinführen, werden durch die falschen Nachrichten der antisemitischen Blätter verwischt. Endlich hat man einen alten, elenden, verkrüppelten Juden entdeckt, der am Charfreitag einen Sack getragen, möglich auch mit diesem Sack nach der Richtung des Ortes gegangen, wo der Kopf des unglücklichen jungen Mannes gefunden worden ist, und groß ist das Geheul der ganzen Meute. Es steht bei ihnen fest, daß