Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 34 (26.4.1900)
- Date
- 1900-04-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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685 Vergnügen sein, dem Herrn Baron einen Freundschaftsdienst zu erweisen." „Im vorhinein meinen verbindlichsten Dank," sagte der Kranke, die schmale, durchsichtige Hand dem Arzte reichend. Dieser drückte sie leicht und entfernte sich grüßend, um sich sofort zu der Dame des Hauses zu begeben, den Wunsch des Kranken ihr mitzutheilen. Aber der Kranke kannte seine Mutter genau, es war in der That alles eher als ein Vergnügen, sie von dem Verlangen des Sohnes in Kenntniß zu setzen. Beinahe bereute der Arzt, diese undankbare Mission übernommen zu haben, denn es waren Worte, die der hochgeborenen Dame über die Lippen sprudelten, es waren Jnvektive, die durch ihre Worte schimmerten, die die Wangen des Ehrenmannes erbleichen machten. Einen Moment preßte er die Lippen auf einander, dann aber sprach er mit merklich vibrirender Stimme: „Nickt der hohe Rang der Frau Baronin, noch die achtungsvolle Nachsicht, die ich jeder Dame zolle, könnten mich bewegen, ein Haus wieder zu betreten, in dem ich Solches hören mußte. Nur das Mitleid mit dem armen jungen Manne, der mir sein Vertrauen geschenkt - und die mitleidsvolle Nachsicht mit der unglücklichen Mutter, die in dem Schmerze über den ihr drohenden Verlust, über die Tragweite ihrer Worte sich wohl selbst nicht klar ist, machen es mir möglich, dieselben als ungebört zu betrachten." Er verneigte sich und schritt der Thüre zu, doch im Begriffe, die Hand auf die Thürklinge zu legen, fühlte er seinen Arm erfaßt. Er wandte sich um, die Baronin stand vor ihm, leichenblaß, zitternd wie Espenlaub. „Verzeihung!" stammelte sie, „ich weiß nicht, was ich gesprochen habe." „Das ist's, was ich sagte," entgegnete er achselzuckend. „O, wenn Sie wüßten — ich bin so unglücklich! — so unglücklich!" „Arme Mutter," flüsterte er tief ergriffen. „Ist denn gar keine Hoffnung?" schluchzte sie händeringend, „gar keine?" Er vermied es. dem flehentlich auf ihn gerichteten Blicke zu begegnen, indem er auf die Uhr sah. „So lange Athem ist, ist Hoffnung. Doch ich muß wiederholen, was schon einmal zu bemerken ich mir erlaubte, die noch vorhandene schwache Hoffnung kann im Moment vernichtet werden, wenn dem sehnlichsten Wunsche des Kranken die Erfüllung schroff geweigert wird.". Er verneigte sich abermals und öffnete die Thüre, als er sich abermals von der Baronin zurückgehalten füblte. „Warten Sie!" herrschte sie ihn an, „ich weiß nicht, wo das Kind ist." „Der Herr Baron hat mich ersucht, Herrn Werner mitzutheilen, daß er das Kind Nachmittags herführen möge." „Werner? — es ist wieder draußen in der Villa?" „Ich zweifle, doch wird Herr Werner vermuthlich wissen, wo es sich befindet." Sie athmete schwer auf. „Thun Sie, um was mein Sohn Sie ersucht hat, aber —" „Gnädige Frau, ich muß nachdrücklichst darauf aufmerksam machen, daß der Herr Baron nicht gewahren darf, welches Opfer er seiner Mutter zugemuthet." „Gut. gut." — Sie warf den Kopf hochmüthig zurück, der Arzt entfernte sich. Doch als sie sich allein wußte, brach sie zusammen und drückte das thränenübersluthete Angesicht gegen die Sophapolster, um das Schluchzen gewaltsam zu ersticken, das ihre Brust erbeben machte. Es war in den Nachmittagsstunden. Der Kranke, obgleich er die Nacht schlaflos verbracht, hatte auch während des Tages kein Auge geschloffen. Jetzt lag er da, die weit geöffneten Augen auf die Thüre geheftet, lauschend auf jeden Schritt, der im Hause hörbar ward. Jetzt hielt ein Wagen vor dem Hause, das Hausthor ward geöffnet, wenige Minuten darauf vernahm mail auf der Stiege einen Männerschritt und gleichzeitig einen leichten Kindertritt. „Das ist sie," sagte der Kranke lächelnd, indem er unwillkürlich den Blick auf seinen Pfleger richtete. Dieser lächelte gleichfalls. „Ein Kind kommt, das ist gewiß." „Es könnte schon hier sein," bemerkte Hugo ungeduldig. „wer mag es zurückhalten? — Bitte." wandte er sich an den barmherzigen Bruder, „sehen Sie, wo die Kleine bleibt, sie soll sofort herein kommen." Der Bruder erhob sich und öffnete die Thüre, doch in derselben traten ihm bereits der Verwalter mit dem ffeinen Mädchen entgegen. Die großen dunklen Augen in dem rosigen Kindergefichtchen blickten neugierig in dem fremden Zimmer umher. „Elsa!" rief der Baron, indem er ihr vom Bette aus beide Hände entgegenstreckte. Sie stutzte, sie hatte ihn im ersten Augenblick nicht erkannt. Doch als sie unwillkürlich einige Schritte näher trippelte, brach sie in lauten Jubel aus. „Lieber Herr Baron!" rief sie, indem sie mit einem Satz bei ihm war und seine Hand mit ihren beiden Händen umschlang, „lieber, lieber Herr Baron!" „St, Elsa, st, Du weißt, daß der Herr Baron krank ist," mahnte Werner. „Ach, lassen Sie sie," bat dieser, „Sie glauben nicht, wie wohl mir dieser Jubel thut. Hast Du mich denn wirklich ein bischen lieb, Elsa?" „Nein," sagte sie, das Köpfchen schüttelnd, „ich habe Sie nicht ein bischen lieb, aber viel, sehr viel lieb habe ich Sie, lieber Herr Baron." und dabei drückte sie seine Hand an ihre Lippen. „Ich habe Dich auch sehr viel lieb," sagte er lächelnd, „aber ich dachte schon, Du hättest mich vergessen, denn zuerst hast Du mich nicht erkannt." „Ja das kommt, weil Sie den Nachtkittel anhaben."