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Der Israelit · 1900-04-05 · Heft 28 (5.4.1900) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 28 (5.4.1900)
Date
1900-04-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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41. Jahrgang. M 28, Der Israelit. Ein Genlrak-Hrgan für das orlhodore Zudenlhum. Begründet von Dr. in IXtRini Donnerstag, den 5. April 566V (LS66). Leitender Artikel. MlEtimruiz anptirktot Pt. Me»i>rl Kirsch ^s». „Alles was wir treu stets theilten, Jene Träume unsrer Kindheit, Jenes Streben, jenes Hollen, Jenes Ahnen, jenes Ringen — Jeder Augenblick des Ernstes Jeder Augenblick der Lust — Ziehen im Moment Des Scheidens Durch die bang bewegte Brust." Dr. M. Hirsch. Kindheitsbilder, sonnige und schattige, gleiten mir durch den Sinn, da ich so in stiller Versunkenheit am frühen Morgen vor unserem Schulhause stehe. Ich sehe mich mit zagenden Schritten, die doch wieder knabenhaft kleines Selbstgefühl beflügelt, hintrippeln. Ich sehe, wie sich das Köpfchen emporreckt, um den Worten des Lehrers zu lauschen. Ich sehe, wie ich voll jubelnder Freude meinem herrlich gütigen und sanften Vater s. A. die erste Lobkarte zeige, sehe, wie mich meine strahlende, milde Mutter s. A., die hohe Heldin des Duldens, innig darob umfängt. Schwereres und Ernsteres naht dann. Lebensschicksale stürmen auf mich ein. Mein goldlocktges Schwesterlein scheidet. Mein Vater geht heim. Es ist die Zeit, in der eigenes Denken schüchtern die Schwüngen zu regen beginnt. Und das zerrt und reißt an mir mit nülder Gewalt. Das verdüstert mir das Licht und raubt mir den Schlaf. Warum, schreit's in mir, warum gerade dir das, warum gerade deiner Mutter, die anderer Wohl sich opfert? Wo bleibt Er, der allgerechte, allgütige Gott, den man dich gelehrt? Und .ich bin in Versuchung, mich fremden Göttern zuzuwen-!den, und weiß mir nicht ein noch aus in den Nöthen meiner Seele. Da haben wir die erste, die zweite, die dritte Prophetenstunde. Ich athme auf, ich'lebe auf. Welch' ein Herzton in der Stimme unseres Direktors, welch' ein Feuer in seinen Augen! Wie weiß er aus den umhüllenden Schalen den goldenen Kern jüdischer Wahrheit zu schälen. Wie zieht er alles, was auf uns einfluthet von fremden Geistesströmungen, unmerklich in den Kreis seiner Betrachtung. Wie weiß er der läuternden Macht des Leidens das Wort zu reden. Und dann, wie versteh: er, was mich, was Manchen bewegt und erregt, wie weist er es nicht schroff von sich, sondern sucht es in die rechten Wege zu lenken. In die Wege, auf denen aufsprosten die Saaten der Empfänglichkeit für jedwedes Reine und Schöne und der freudigen jüdischen Begeisterung. Ein Jahrzehnt, ein an Sorgen reiches Jahrzehnt, ist mir seitdem vergangen, und ich trage den Lebensschatz noch in mir, werde ihn stets in mir tragen, den er mir geschenkt. — Ich schaue empor zu der Schule, in der ich geweilt. Fürwahr, schier ein Palast, dieses Haus. Aber noch prunkender und unvergänglicher, was in ihm gezeitigt wurde. Und jetzt — jetzt ist sie entwichen, die Sonne, die es erhellte, ist er gestorben, der Priester, der es geweiht. Bangniß durchbebt mich. Was nun? Auf meinen Lippen schwebt diese stumme Frage, auf den Lippen all' der Kinder, die soeben herauskommen. Wie so ernst und bleich sie sind, die sonst so hellen und frischen Gesichter! Wie da ein großer Junge nachdenklich die Straße einher wandelt, der stets am kecksten sich geberdete. Und meiner kleinen Freundin, die mit lustigem Lachen mir immer entgegenfliegt, sobald ich die Schwelle des befreundeten Hauses betrete, stehen die Augen voll Thränen. Das feine, blaffe Gesichtchen hat ein anderes Mädchen bekümmert zur Erde gesenkt, als ob es da Antwort aus die Frage suchen wollte, was das ist, der Tod. Und warum er ist. Und dann die Lehrer. Echte, schwere Betrübniß selbst in den Mienen derer, die man für kühl hielt. Ergreifendes Schluchzen der Andern. Bestürzung, Angst, Mitleid allüberall. Und über dem ragenden Schulgebäude liegt's wie ein schwarzer Flor.

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