Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 27 (2.4.1900)
- Date
- 1900-04-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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561 hochverehrten Herrn Voranzing, hat sich nicht nur gkinzend bewährt, nein, er hat die Erwartungen seiner Zuhörer noch weit übertroffen. Der Titel des Vortrages, meinte der Redner, sei wohl etwas räthselhaft und die vorausgegangene Correspondenz von Seiten des Vorstandes habe dies bestätigt, aber eine beffere Bezeichnung habe er nicht finden können, oder aber man hätte als Titel „Gedankenlosigkeit" nehmen muffen. Seitdem es Völker gebe, vom grauesten Alterthum bis in die neueste Zeit, wurden dem Volke sog. Schlagwörter vorgesetzt, die gewissermaßen ein System darstellen sollten, aber bei genauer Durchsicht nur Gedankengespenste waren, die jeder inneren Berechtigung entbehrten. So hieß es, um ein Beispiel neuerer Geschichte anzuführen, unter Napoleon HI.: „Das Kaiserreich ist der Friede," das Ende hat doch das Gegentheil bewiesen. Redner verglich diese Schlagwörter mit der Scheidemünze, Jeder empfängt sie, gibt sie wieder weiter, ohne den Gehalt derselben näher zu prüfen. So sagt man gewöhnlich: „Der Mann ist arm, aber ehrlich," welche Perfidie liegt in diesem Worte „aber," weil er nicht mit Glücksgütern gesegnet, soll er unehrlich sein? Weit eher sollte man meinen: „Der Mann ist reich, aber — ehrlich." Genau dasselbe in religiöser Hinsicht sagt das Volk, dieser gehört n o ch zu den Frommen, jener ist schon bei den Aufgeklärten, oder Liberalen. Was soll das „noch und schon" sagen. Jener tummelt sich noch in dem alten traditionellen Judenthum, das doch voraussichtlich auf dem Aussterbeetat steht, jener hat sich dem Fortschritt, der eben viel schöner und bequemer zu sein scheint, verschrieben. Wie viele, die vielleicht für sich noch gerne echte und religionstreue Juden wären, lassen sich durch diese Gedankenlosigkeit zur Fahnenflucht verleiten. Unsere Weisen sagen in den Sprüchen der Väter: Auf drei Säulen beruht die Welt: Auf Thora, Awaudo und Gemillus Ehasodim. Der Redner erläuterte in klarer, faßlicher und ausführlicher Weise, daß diese drei Grundsäulen, auf welchen nach Ansicht unserer Lehrer die Welt beruhen soll, ganz andere Begriffe seien, wie sie heute mit den Schlagwörtern: „Religion, Gottesdienst und Wohlthätigkeit" benannt werden. Wenn , die „Thora" Religion sein soll, die von Menschen erdacht, wie man Gott dienen soll, dann wäre das Schlagwort „Fortschritt" berechtigt, dann müßte die Thora, die man irrthümlicherweise mit dem Worte Religion intendifieirt, den Zeitverhältnissen angepaßt werden, wenn aber die Thora das von Gott auf Sinai vor versammeltem Volke gegebene Gesetz ist, das wir lehren und lernen sollen, wie Gott über uns denkt, dann ist das Schlagwort „Fortschritt" eine Täuschung, dann ist der wahre Fortschritt die „Gefetzeslehre über Alles Hochhalten" und der scheinbare Fortschritt bedeutet nur Rückschritt. Redner erläuterte dies durch gut angeführte Beispiele. Ein sehr häufig gebrauchtes Schlagwort ist: „Mein Beruf erlaubt mir das oder verbietet mir jenes." Was ist mein Beruf? Etwa, daß ich Schneider, Schuster oder Kaufmann werde, hat Gott den Menschen zu diesem Zwecke der Welt gegeben? O nein, was man Beruf heißt, ist nur das, was sich der Mensch selbst bestimmt zu erlernen, um sein materielles Fortkommen zu finden. Der von Gott gewollte Beruf des Menschen ist, gesetzestreu, wohlthätig und ehrenhaft zu sein. Darum ist gegen allen Sinn, zu sagen, mein Beruf erfordert, daß ich den Sabbat entweihe, daß ich lebe nach Belieben etc., das heißt richtig, sein Seelenheil für die Bedürfnisse seines eigenen Jchs zu verkaufen. Der Begriff der Thora und der vermeintlichen Religion sind so weit von einander entfernt, wie Himmel und Erde, denn die Thora ist Gotteswort und was man Religion heißt, sind menschliche Erfindungen. Gerade deßhalb aber auch fehlen bei uns die sogenannten Theologen, Priester etc., die in anderen Kreisen besondere Kasten bilden und dem Volke die sogenannte Religion lehren sollen. Ein derartiger priesterlicher Stand ist von der Thora nicht vorgesehen, die Thora, das Gotteswort, verlangt von jedem Jehudi, daß er selbst Priester für sich und seinen Kreis sei und jeder von uns ist verpflichtet, das Wort Gottes selbst zu lernen und zu lehren. Weiter heißt es, „auf Gottesdienst," was soll dieses Schlagwort bedeuten? Jedenfalls meinen unsere Weisen nicht den Gottesdienst, der in den fortschrittlichjüdischen Kreisen gemeint ist. Der echte jüdische Gottesdienst beginnt nicht Vormittags um Uhr mit Predigt, sondern beim frühen Aufstehen beginnt er schon, das ist nicht der Tempelgottesdienst, sondern der jüdische Mann hat einen Herzensdienst gegen Gott, der ihn überall begleitet, wenn er aufsteht und wenn er sich niederlegt, wenn er auf Reisen, oder zu Hause ist. Warum haben unsere Alten den heutigen Tempel „Schul" genannt? Weil sie jeweils darin gelernt haben, wie man Gott richtig dient und haben frische Kraft und frischen Muth gewonnen für die Mühen und Drangsale des Lebens, das war und ist der richtige Gottesdienst. Die dritte Säule, auf der die Welt beruht, heißt „Wohlthätigkeit." Die deutsche Sprache bezeichnet das Almosengeben rnit dem schönen Worte „Wohlthätigkeit" üben, das heißt man soll dem Armen mit der Gabe wohl thun. Man soll ihin nicht damit wehthun, man soll ihn als ebenbürtig empfangen, man soll ihn zu Tische laden und glücklich sein, Gelegenheit zu haben, ihm zu helfen. Wie himmelhoch erhaben ist die richtige jüdische „Zedoko" von der heutigen Beschaffenheit der Armenkassen. Nicht Armenkassen sollte man diese neuen Erfindungen nennen, sondern „Reichekassen," denn nur deßhalb sind sie gemacht, damit die „Großen und Reichen" nicht mehr belästigt werden. Kalt wie das blanke Geld ist diese Art der „Zedoko." So sind alle Begriffe von Schlagwörtern, wie sie gang und gebe sind, ganz anderen Inhalts, wenn man ihrer Bedeutung auf den Grund geht und sollte sich