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Der Israelit · 1900-04-02 · Heft 27 (2.4.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 27 (2.4.1900)
Date
1900-04-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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557 „Wenn Du es wünschest, werde ich ohne jeglichen Rückhalt meine Ansicht über die gegenwärtige Sachlage Dir darlegen. Ich wiederhole es, ich habe mich einer Pflichtversäumniß anzuklagen, die seltene Anmuth des Kindes, das ich um jeden Preis in meiner Nähe behalten wollte, hat mich dazu verleitet. Noch nie hat ein weibliches Wesen einen derartigen Eindruck auf mich gemacht —" Die Baronin zuckte die Achseln. „Ein kaum sechsjähriges Kind bezeichnet man nicht als weibliches Wesen. Du sprichst, als ob Du Dich in das Kind verliebt hättest —" Wiederum zuckte es um seine Mundwinkel. „Was nicht ist, kann werden — und ich bin nahezu überzeugt, es wird werden. Kann ich mir doch kein lieblicheres Wesen denken, als meine kleine, holde Elsa. Und wenn sie, wie ich hoffe, und wie ich nahezu überzeugt bin, in derselben Weise sich weiter entwickeln wird, so werde ich, bevor zehn Jahre verstrichen sind, über Hals und Kopf in sie verliebt sein. Und wenn dann, dank Deiner gütigen Intervention, aus dem holden Judenkinde eine liebliche christliche Jungfrau geworden sein wird, so steht meiner ehelichen Verbindung mit ihr auch nicht das leiseste Hinderniß entgegen." „llm's Himmelswillen Hugo! sprich doch nicht solch' horrenden Unsinn, — Du wolltest Elsa —" „Heirathen, Maina. Ich rede keinen Unstnn, wiederhole jedoch mit vollem Ernst, wenn Du Elsa taufen läßt, so wird sie Deine Schwiegertochter." „Wenn Lu nicht davor zurückschreckst, die getaufte Jüdin zu heirathen, so würdest Du Dir auch kein Genüssen daraus machen, die ungetaufte Jüdin —" „Dir als Schwiegertochter zuzusühren? — Um keinen Preis! Mir persönlich wird das Glaubensbekenutniß meiner dereinstigen Frau, wenn sie im übrigen meinen Ansprüchen entspricht, allerdings vollkommen gleichgültig sein — aber ich weiß, was ich meiner Mutter schuldig bin — und ich wiederhole, wenn Elsa —" „Genug, genug!" unterbrach ihn die Baronin, „laß mich den Unsinn nicht nochmals hören!" „Wenn Du mich nicht anhören willst, so weiß ich zu schweigen. Aber mein Entschluß ist gefaßt." „Unsinn!" stieß sie ärgerlich hervor und ihre Stirn zog sich in tiefe Falten, während Hugo sich in den Schaukelstuhl warf und nach einem auf dem Tische liegenden Zeitungsblatte griff. Einige Minuten herrschte Schweigen. Der junge Mann gab sich den Anschein, den Leitartikel des Blattes mit Interesse zu lesen, sein Auge schweifte jedoch über dasselbe hinlveg und hastete beobachtend an dem ausdrucksvollen Gesichte seiner Mutter, die jetzt finster grübelnd dasaß. Die Baronin kannte ihren Sohn und hielt ihn sehr wohl fähig, die ausgesprochene Drohung wahr zu machen. Handelte es sich auch gegenwärtig nur um ein Kind, das Kind würde vermuthlich zu einer liebreizenden Jungfrau Heranreisen und dann — sie schauderte bei dem Gedanken an die Möglichkeit des Ereigniffes, das der junge Mann ihr in Aussicht gestellt hatte. Und es war möglich, das konnte sie sich nicht verhehlen — je länger sie darüber sann, desto wahrscheinlicher erschien ihr das Entsetzliche. Und so schwer es ihr ward, das nun einmal Geplante aufzugeben — sie glaubte unter den obwaltenden Berhältniffen nicht dabei beharren zu dürfen. Sie athmete einige Male schwer auf, es war beinahe ein Aechzen. Um die frischen Lippen des jungen Mannes zuckte es schalkhaft, er hob das Zeitungsblatt, damit die Mutter den triumphirenden Ausdruck, der sich in seinen Zügen malte, nicht gewahre. Die Baronin rang sichtlich nach einem Entschluß, d. h. im Grunde ihres Herzens war sie bereits entschlossen, mochte es auch in noch so weiter Ferne drohen, sie durste dem Unheil nicht die Pforte öffnen, und so schwer es ihr auch werden mochte, sie konnte die Seele des Kindes nicht retten, mußte sie vielmehr der ihr drohenden Verdammniß überlassen. — Ein schwerer, tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Hugo, der in dem Antlitz seiner Mutter wie in einem offenen Buche las, vermochte sich kaum mehr zu hakten. „Wünschest Du meine Gegenwart noch, liebe Mama?" fragte er mit mühsam erzwungenem Ernst. „Laß mich in Ruh," entgegnete sie barsch. Raschen Schrittes verließ er das Boudoir und eilte hinauf in sein eigenes Zimmer, wo er seiner Heiterkeit ungezügelt freien Lauf ließ. Gott sei Dank! er hatte gesiegt, das Ungewitter war vorüber, ein munterer Einfall hatte das Drohende verscheucht. — Von neuem brach er in ein herzliches Lachen aus. Die liebliche kleine Elsa seine Braut! — Es war eine köstliche Idee! So lieb er das Kind hatte, Derartiges war ihm nicht einmal im Traume eingefallen, er staunte über sich selbst, wie ihm das hatte einfallen können. Aber gewirkt hatte die Drohung, er hoEte für immer. In den Nachmittaasstunden begab er sich hinaus in die Villa, der Verwalter war bereits heimgekehrt. Er berichtete, daß das Kind ohne den geringsten Nachtheil die Uebersübrung überstanden und sich bei braven Leuten in bester Pfleae befinde. Er batte denselben im Namen des Barons ein ansehnliches Jahrgeld zugesagt, abgesehen vom Ersatz aller Kosten, die durch die Rekonvaleszens des Kindes erforderlich wären. „Und der Herr Baron batten seben sollen, mit welcher Lust die Kleine eine Tasse Bouillon geleert und ein halbes Täubchen verzehrt bat. So sehr das Kind uns fehlt und uns noch lange fehlen wird, so glaube ich doch, es war höchste Zeit, daß es zu Glaubensgenossen gekommen, wo es sich durch kräftigende Nahrung rascher wieder erholen wird. — Aber in n einer Achtung ist die Kleine doch noch gestiegen, nachdem ich gesehen habe, wie sehr sie bei uns so Manches entbehrt hat und hätte es doch so leicht haben können." „Was hätten wir ihr nicht Alles gegeben!" siel

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