Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 26 (29.3.1900)
- Date
- 1900-03-29
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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^.'"Jahrgang. leilage M M 26 des „Israelit". Leitender Artikel. Berliner Brief. ii. Berlin, 28. März. Daß in der hiesigen jüdischen Gemeinde vieles durch und durch faul ist,, trotz der großen Zahl ihrer Mitglieder, trotz der vergoldeten Kuppeln ihrer Synagogen, trotz ihrer Orgeln und Chöre, ihres ganz gesetzmäßigen funttionirenden Verwaltungsapparats, trotz ihrer Prediger und Rabbiner mit und ohne Bäffchen und Talar und trotz noch so mancher sonstiger Luxusartilel, das hat wieder einmal der „Fall Dörstling" so recht veranschaulicht, der seit einigen Monaten die Geister und Gemüther ein wenig erhitzt. Der „Israelit" hat über die einzelnen Stadien der Angelegenheit eingehend berichtet. Zur besseren Uebersicht stelle ich noch einmal den Sachverhalt kurz zusammen. Fräulein Dörstling, die Leiterin einer hiesigen höheren Töchterschule, ließ einer jüdischen Mutter, welche ihr Kind in diese Anstalt ausgenommen haben wollte, im September vorigen Jahres folgenden Brief schreiben: „Sehr geehrte Frau! Fräulein Dörstling ist gerne bereit, Ihre Kleine in ihre Anstalt auszunehmen. Nur möchte Fräulein Dörstling noch darauf aufmerksam machen, daß sie Kinder anderen Glaubens nur dann ausnehmen kann, wenn der Geist, der in der Anstalt herrscht, und die christliche Beeinflussung der Kinder, die nicht ausbleiben kann, den Grundsätzen der Cltern nicht entgegenarbeitet. Um diesen Zwiespalt zwischen den Kindern und unliebsame Erörterungen zu vermeiden, nimmt Fräulein Dörstling seit einiger Zeit nur Kinder aus, welche von der neunten bis zur ersten Klasse auch am christlichen Religionsunterrichte theilnehmen sollen. Würde das mit Ihren Wünschen für die Wünsche Ihres kleinen Mädchens übereinstimmen, so werden wir Ihre Kleine als angemeldet eintragen und bitten nur noch um kurzen Bescheid." Dieser Brief hat viel Staub aufgewirbelt. Das Aufwirbeln von Staub ist ein billiges und manchmal sogar ein recht praktisches Vergnügen. Besonders wenn mit dem Staub auch etwas Sand aufwirbelt, den man dann keinem in die Augen zu streuen braucht, er fliegt dann von selbst hinein. Der Brief war für Biele ein saftiger Bissen, denn er bot auch den extremsten „Liberalen" erwünschte Gelegenheit, sich für das Judenthum zu echauffiren und es durch dies Echauffement wieder einmal zu retten. Wer seine Augen aber von diesem Sande frei hielt, tonnte in dem Briefe absolut nichts Anstößiges finden. Im Gegentheil muß jeder unbefangene Leser dieses Briefes die offene Geradheit der Gesinnung rückhaltlos anerkennen, die aus jeder Zeile spricht. Fräulein Dörstling hat am Schöneberger Ufer eine von christlichem Geist durchdrungene und geleitete Anstalt. Wer wollte ihr daraus einen Vorwurf machen? Sie hat nicht nur nichts gegen die Juden, sondern ihre Anstalt wird sogar vielfach von jüdischen Töchtern frequentirt. Sie erklärt sich sogar gerne bereit, auch das Kind der Mutter aufzunehmen, die ihr Töchterchen dort placirt wünscht. Rur gibt sie zu erwägen, daß der Geist, der in der Anstalt herrscht, und „die christliche Beeinflussung der Kinder, die nicht ausbleiben kann," den Grundsätzen der jüdischen Eltern entgegen arbeiten könne! Muß man vor dieser taktvollen Rüüsichtsnahme nicht den Hut ziehen? Diese positive, ehrliche christliche Religiosität der Anstalt, setzt einen ebensolchen positiven religiösen Ernst der Gesinnung in den jüdischen Häusern voraus, und möchte den letzteren nicht entgegen arbeiten. Sie möchte nicht die Hand zu einem Zwitter-Judenthum oder Zwitter-Christenthum der zu erziehenden Töchter bieten und stellt daher die jüdischen Eltern redlicher Weise vor die Alternative: ihre Kinder durch Theilnahme an dem christlichen Religionsunterrichte zu richtigen Christinnen heranzubilden, oder sie einer anderen Anstalt zu übergeben, in der sie zu richtigen Jüdinnen oder unrichtigen, oder zu was sonst immer erzogen werden. Aber Fräulein Dörstling könnte für die jüdischen Töchter doch einen besonderen jüdischen Religionsunterricht einrichten? Das könnte sie allerdings, wenn sie wollte. Aber wenn sie mit dem christlichen Geist, der in ihrer Anstalt maßgebend ist, eine solche Einrichtung nicht vereinbar hält; wer wollte ihr denn darüber Vorschriften machen? Vielleicht sagt sich auch die pädagogisch gebildete Leiterin einer solchen Anstalt, daß ein zweistündiger jüdischer Religionsunterricht nicht stark genug ist, um „die christliche Beeinflussung der Kinder, die nicht ausbleiben kann," zu paralysiren. Vielleicht kennt gar Fräulein Dörstling den Religionsunterricht, wie er hier meistens verzapft wird, daß er für die Züch tung von Zwitter-Juden noch geeigneter ist, als gar kein Religionsunterricht, und sie möchte deßhalb so etwas an ihrer Anstalt nicht einführen. Wenn übrigens ein Jude das Recht hätte, sich um die religiösen Interna einer christlichen Anstalt zu kümmern, so könnte er sehr leicht einen plausiblen Grund dafür finden, warum an der Dörstling'schen Anstalt kein jüdischer Religionsunterricht ertheilt wird. „Die Anstalt würde das Gros ihrer jüdischen Schülerinnen wahrscheinlich sofort verlieren, wenn jüdischer Religionsunterricht dort ertheilt I würde." Die Eltern, die ihre Kinder einer Anstalt von