Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 24 (22.3.1900)
- Date
- 1900-03-22
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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493 Durch diese herrlichen Erfolge, die die hiesige Kunst- und Gewerbeschule erzielte, wurden auch andere Gemeinden, wie die in Mülhausen (Ober-Elsaß) und Paris angeregt, ähnliche Anstalten zu gründen, die in demselben Sinne segensreich wirken; und so hat die gute Thal sortzcugend Gutes geschaffen. Auch über die Art der Erziehung gewährt uns der letzte Jahresbericht einigen Ausschluß. Als Leitstern dient dem Berwaltungsraty und dem Lehrkörper der Gewerbeschule der pädagogisch richtige Grundsatz: „die harntonische Ausbildung der phnsischen und geistigen Kräfte der ihnen anvertrauten Binder." Dieselben irerdeu erst nach der Beendigung der Volksschule, also mit dcni Eintritt in das fünfzehnte Lebensjahr, in die Anstalt ausgenom.inen. Bei der Wahl des zu erlernenden Handwerks tverden die Neigungen und Wünsche, die körperlichen, sotvie die intellektuellen Anlagen der Zöglinge auf's genaueste berücksichtigt. Nur bei geinissenhafteu und bewährten Meistern werden die Kinder in die Lehre gegeben, in deren Werkstätten sie tagsüber ' arbeiten und von den Mitgliedern des Berwaltungsratbes öfters besucht werden. die die Aufgabe haben, die Fortschritte der Kinder mit Aufmerksamkeit zu begleiten und über dieselben Bericht zu erstatten. Die Abende sind dem Fortbildungsunterrichte in der Anstalt gewidmet. Sie genießen hier den Unterricht in Neligion, in Sprachen, - Rechnen, Geometrie, Linear¬ und Freihandzeichnen. Ganz besonders veranlagte Zöglinge nehmen auch an den Kursen der städtischen gewerblichen Zeichenschule theil. Auch aur die körperliche Pflege >vird große Sorgfalt verwendet. Gesunde, einfache, kräftige Kost, reine Luft in den geräumigen Schlafsälen, äußerste Reinlichkeit in Bezug auf Körper und Kleidung, allwöchentliche, gemeinsame Spaziergänge unter Aufsicht des Direktors, ioarine und kalte Bäder, das sind nach dem Berichte die Faktoren, die zur Erhaltung und Kräftigung des Körpers in Anwendung gebracht iverden. Die Kinder, die größtentheils aus armen Fa- 'uilien stch rekrutieren, iverden vollständig auf Kosten der Anstalt erhalten, ohne irgend welche Entschädigung entrichten -zu miissen. Welcher Geist der Sparsamkeit in diesein Institute herrscht, kann mau daraus ersehen, daß der Kostenpreis für einen Zögling, alle sonstigen Ausgaben.!vie Instandhaltung der Schulgebäude, Honorar der Lehrer und dergleichen inbegriffen, pro Dag nur 1,07 Mk. beträgt. Im letzten Jabre haben 77 Zöglinge die Wohlthat dieser Anstalt genossen: 25 haben nach Beendigung ihre Lehrzeit, mit guten Zeugnissen von ihren Meistern versehen, dieselbe verlassen und wurden durch neue 26 ersetzt. Die Einnahmen betruaen im letzten Geschäftsjahre Mk. 20,615.99, die Ausgaben Mk. 21.558.07. Es blieb somit ein Defieit von Mk. 942.08. Mit Recht wendet sich der Verwaltungsrath an die bewährten Hanenauer» Tapezierer, jetzt Möbelhändler, Simon Kabn, Schneidermeister und Hirsch, die hier für die allerhöchsten Kreise arbeiten Gönner mit einem warmen Appell, ihr Jntereffe für dieses Institut zu steigern, ihm neue Freunde und Wohlthäter zuzuführen, zumal der Ausschuß die Absicht hat, die Schulgebäude umzugestalten und sie den Anforderungen der modernen Hygiene entsprechend einzurichten, sonne seinen Wirkungskreis zu erweitern. „Daß in Folge der veränderten sozialen Verhältnisse untere Glaubensgenossen im Elsaß in größerem Maße als bisher dem Handwerk und dein Ackerbau zugeführt iverden müßten," das will ich in einem späteren Briefe an der .Hand von statistischen Zahlen zeigen. Zum besonderen Lobe des Verwaltungsrathes und des Direetors unserer Kunst- und Gelverbeschule nröchte ich noch zum Schlüsse hervorheben, daß die Kinder religiös und im altjüdischen Geiste erzogen werden. Dank der liberalen Gesinnung der hiesigen christlichen Meister, die die religiösen Satzungen unt> Bräuche der Andersgläubigen respettiren, ist es den Zöglingen vergönnt, die Sabbate und Festtage zu feiern, an diesen Tagen dem öffentlichen Gottesdienste in der Synagoge beizuwohnen, wo ich sie am ersten Sabbat meines hiesigen Aufenthaltes zu meiner Freude gesehen habe. Hoffen wir, daß die aus dieser Schule hervorgegangenen Zöglinge später im Leben nicht nur Handwerker bleiben, sondern auch jüdische Handwerker sein werden. Zeitttngsnachrichten und Corresporrderrzerr. Deutschland. Köln, 18. März. Wie man hört, hat Herr Rabbiner Dr. dl o b e l , bisheriger Lehrer an der Talmud- Thora bier, dem Rufe als Rabbiner in Königsberg in Pr. Folge geleistet. In Anbetracht der jetzigen nicht geradezu erquicklichen Umstände, die in Königsberg herrschen, dürfte einein Rabbiner einer neugegriindeten orthodoren Gemeinde ein ziemlich schweres Stück Arbeit bevorstehen und ist es sehr wiinschenswerth. daß die neue Aguisttiou die Beziehungen zwischen der neologen und orthodoren Gemeinde in richtige Bahnen leitet, was von .Herrn Dr. Nobel auch vorausgesetzt werden darf. Andererseits steht der Eorporation, die einen neuen Lehre zu wählen, ein verantwortliches Stück Arbeit bevor, um die Kraft zu findeu, die die segensreiche Einrichtung im bisherigen Sinne lveiterführt. Kleinwallstadt, bei Aschaffenburg. Die königl. Kreisregierung verlieh unserer Volksschule den definitiven Charakter unter Ernennung des derzeitigen Stelleninhabers, Herrn G r ü n f e l d , zum definitiven Lehrer an derselben.