Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 24 (22.3.1900)
- Date
- 1900-03-22
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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4U Jahrgang. Zweite Beilage ju M 24 Les „Israelit", Leitend er Artikel. Straßburger Briefe. von Dr. E Firrkel—Breslau. a) Die israelitische Kunst und Gewerbeschule. Straßburg, die „wunderschöne Stadt," wie es im Volksliede heißt, das in politischer und religiöser Beziehung im Laufe der Jahrhunderte eine bedeutsame Rolle gespielt hat, ist auch für uns Juden reich an geschichtlichen Erinnerungen. Bereits in der fränkischen und germanischen Zeit haben nach den Berichten des Historikers Schöpflin, wie in den anderen niederrheinischen Städten Mainz, Worms und Speyer, so auch hier unsere Glaubensgenossen gewohnt. Die „Judengasse," jetzt mit eine der vornehmsten Straßen der inneren Stadt, bildete damals das Quartier der Juden. Im Keller des Hauses Nr. 16 sind noch heute die Räume des „Judenbades" zu sehen, während im Hause Nr. 80 zu jener Zeit die Synagoge sich befand, die im 14. Jahrhundert, zur Zeit der Verfolgung der Juden, niedergerissen wurde. An ihrer Stelle wurde die St. Valentinskapelle erbaut. Auch die Bezeichnungen „Judenthor," „Judenthurm" und „Judenwall" (jetzt Pioniergasse) wecken in uns schmerzliche Erinnerungen. Und erst die „Brandgaffe,"*) die am Sabbat, den 10. Februar 1349, am St. Valentinstage, durch ungeheure Scheiterhaufen erhellt wurde, in deren lodernde Flammen die Anhänger der „Religion der Liebe" unschuldige Menschen warfen ad maiovem Dei gloriam. Zwei Bilder in der städtischen Gemäldesammlung, Nr. 406 von Beyer Eugene und Nr. 466 von F. Lix, veranschaulichen uns die bestialische Rohheit, mit der Ebenbilder Gottes in Gegenwart der Diener Gottes mit ihren Mitmenschen verfuhren, weil sie den allein¬ *) Der jüdische Friedhof befand sich damals am Ende der Brandgasse; nach demselben schleppte die fanatistrte und habgierige Menge die Juden, wo für sie Scheiterhaufen errichtet waren. 900, nach einig n Chronisten 2000 fanden an jenem unglückseligen Tage wegen ihres charaktervollen Festhaltens am väterlichen Glauben den Märtpreriod. An der Stelle dieser „Judenbegräbniß"-Stätte, wie dieser Friedhof in den alten Chroniken genannt wird, stand seit dem Jahre 1800 das Hotel de l;i I’refeeture, das im Jabre 1870 zerstört wurde. Jetzt befindet sich dort der Palast des Statthalters, der die Hausnummer 19 trägt. Der Name Brandgasse rührt aber nicht, wie der Volksmund erzählt, von der Judenverbrennung her, sondern von einer Familie Brant (mit t). Schon im Jahre 1812 kommt die Bezeichnung „Brantgasse' vor. seligmachenden Glauben nicht annehmen wollten. Diese Gemälde zeigen uns, wie blutrothe Flammen und dunkle Weihrauchwolken gen Himmel emporsteigen und aus diesen Wolken spricht zu uns eindringend und belehrend eine Stimme: „Diese Priester dienten nicht dem Gotte der Liebe, sie opferten dem Götzen des Fanatismus." Die Brandgasse wurde von den Juden bis in die neueste Zeit gemieden, wie die „Place des Jnnocents" in Paris und der „Titusbogen" in Rom. Aber nicht in geschichtliche wehmüthige Erinnerungen möchte ich mich verlieren, ich will vielmehr in diesen Briefen die Eindrücke schildern, die die jetzige Straßburger Judengemeinde auf mich gemacht und zwar thue ich dies chronologisch, wie ich die Eindrücke empfangen habe. Als ich nämlich am ersten Samstage meines hiesigen Aufenthaltes die so schön gelegene und in architektonischer Beziehung überaus prächtige Synagoge besuchte, wurde mein Blick durch eine Anzahl von Jünglingen gefesselt, die in den Hinteren Reihen andächtig betend dastanden und durch ihre Uniform nach Art der französischen Lyceumsschüler mir auffielen. „Was bedeutet diese Schaar und wem gehört sie?" fragte ich unwillkürlich meinen Nachbar. „Des sin ecoliers," gab er mir in elsäffischem Dialekt zur Antwort. Trotzdem ich mir diesen Satz in's Hochdeutsche übertrug, wußte ich nach dieser lakonischen Antwort dennoch ebensowenig wie zuvor. Da ich aus meiner Heimath her noch gewohnt war, den Gottesdienst durch profane Unterhaltung nicht zu stören, so blieb mir nichts anders übrig, als mit meiner Wißbegierde bis nach Schluß der Andacht zu warten. Dann folgte ich den mich intereffirenden Uniformierten, die von der Synagoge aus in Reih und Glied nach ihrem Heim auf der Halbmondgasse sich begaben. Diese eine ziemlich enge Straße Alt-Straßburgs mündet in die Helenengasse, auf der sich seit 1834—1898 die erste größere Synagoge befand, auf dem Platze, wo einst die Walpurgiskapelle (1049) und dann (1827—1834) ein Circus und eine Reitschule gestanden haben. Hier möge noch erwähnt werden, daß nach Wiederansiedelung der Juden in Straßburg zu Anfang des vorigen Jahrhunderts das Haus auf der „Tücherstubgasse Nr. 11," wo früher das deutsche Theater war, der neuen kleinen jüdischen Gemeinde vom Jahre 1809 bis 1834 als Gotteshaus diente. Kehren wir nun zur Halbmondgasse zurück. Im Haus Nr. 3 öffnete sich weit ein geräumiges Thor und wir kamen in einen großen Hof, auf dem drei große Gebäude stehen. An einem derselben ist die Büste eines Mannes, von dem weiter die Rede sein wird, angebracht und die Aufschrift: Ecole israelite d’arts etmetiers, zu deutsch: „Israelitische Kunst- und Gewerbeschule." Wann ist diese Schule entstanden? Im Jahre 1819, so lesen wir im Vorwort des Rechenschafts-Berichtes des letzten Jahres, thaten sich, von edlem Streben