Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 21 (12.3.1900)
- Date
- 1900-03-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449070--50256-2500696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
417 Tr. Soloweitschit in seiner bekannt getvordcnen Studie „Ein verkanntes Prvletariat" anschaulich besprochen roird. Selbstverständlich blieb ans die Länge der Zeit die Einwirkung der großen Meisterin Eivilisation nicht ohne Einsluß aus Lebensanschauung, Lebensgewohnbeiten und Entwickelungsgang der Tausende und Aber tausende von fremden Ankömmlingen. Die vielen von außen her einmündenden Berührungspunkte erzeugten naturgemäß vielgestaltige Gegensätze, tvelche wiederum gewaltigen Zündstoff und Konflikte von dramatischer Wirkung zeitigen inußten. lind wie vor etiva einem balbcn Jahrhundert die Culturzustände der böhmischen, mäbrischen und polnischen Judcngaffen ans die Palette eine« Leopold Koinperk, eines tzlron Bernstein, eines Karl Emil Franzos u. A. die Farben lieferten, so niußte auai der malerische Hintergrund der Millionenstadt zwischen Tower und Aldgate seinen Künstler sin den, der es verstand, ein Eultnrgeinälde von seltener Farbenpracht hcrvorzn,zaubern. Unter den vielen Zeichnern und Poriraitisten, tvelche sich die Bevölkerung von Eait Ende zum Motiv für ihre Bilder wählten, von Eastendc zum Motiv fiir ihre Bilder wählten, ragt einer empor: Israel Zangtvill. likeben seiner mannigfachen publieistischen Thätigkeit hat er auch Sujets behandelt, tvelche mit dem Judenthum durchaus nicht Zusammenhängen, ,oie „The Bachelors Elnb," The Prinee and the Painter," „The Bkufter," The old maids Elub" u. f. >v. Seine große, rasch gewonnene Popularität verdankt er jedoch nur seiner Novellistik. Bon den epochemachenden Werken des Autors bespricht nun Redner in scharf zeichnender, von seltener Beobachtungsgabe Zeugnis', ablegender Sprache „Die Tragödien des Ghetto," „Die Kinder des Ghetto," „Der König der Schnorrer," „Die Rose des Ghetto." Was den Leser dieser Werke unwiderstehlich kesselt, ist neben der Knappheit der Exposition der nackende Realismus der Sprache, verbunden mit psvchiologisrher Kleinmalerei und harmonischer Abwechslung von ernsten, tief ergreifenden Scenen mit Kapiteln von unwiderstehlichem Humor. Roch höher als die vorerwähnten Novellen stellt Redner „Joses der Träumer," die Geschichte jenes Jünglings, der am Borabend des höchsten Festes der Christenheit aus dem streng-gesetzestreuen, jüdischen Elternhause entweicht, später als Dominikanermönch zu hohen Ehren gelangt, um auf dem Scheiterhaufen zu enden. Namentlich die Schlußfeene, in welcher sich die Christin Helene und die Jüdin Mirjam am Grabe des von beiden Geliebten als Schwestern in die Arme sinken, ist mit entzückend schöner Sprache geschrieben, so daß jeder verständnißvolle Leser den Geist eines nürklichen und wahren Dichtergenius herausfühlen muß. Im Gegensatz zu dem sonst die Muse Zangwill's anszeichnenden Realismus ist die Schlußnovelle „Chad Gadjah" zusammengesetzt ans einem Gemisch von Svmbolismus und Mnstieismus, ein lvenig „Rabbi von Bacharach," ein wenig „Iran van Weere," „Rosmersholm" und sehr viel Spinoeismus. Es ist eine Art von rcligiöseiu und voltspsychiologischen Nihilismus, welchem der Verfasser in diesem Opus, vielleicht zum guten Theile gegen seinen Willen, verfallen ist. Redner kommt zu dem Schluffe: Die pessimistischen Kassandrarufe des Ghetto-Dichters, der in dem letzterwähnten Werke den Helden der Erzählung (Israeli im Kampfe mit dem Schicksal untergehen läßt, vermögen uns in unserem unentwegten Glauben und in unserer felsenfesten Zuversicht nimmermehr zu erschüttern. Ob früher oder später, einstens erscheint gewiß der Tag, da der Vorhang auf der Weltbühne zum letzten Male emporrauschen wird, aber nicht mehr zur Ausführung eines Trauerspiels ohne Einheit des Ortes, ohne Einheit der Zeit und ohne Einheit der Handlung, sondern zur Apotheose des einigen Völkerfriedens und der uns längst verheißenen Menschenverbrüderung." Die glänzenden, geistvollen Ausführungen des Redners wurden von dem mit gespannter Aufmerksamkeit lauschenden, zahlreichen Publikum mit lebhaftem, wohlverdienten Beifall belohnt. lDer Herr Vortragende scheint den beißenden Spott, mit den« der von ihm gefeierte Dichter alle Einrichtungen und Gebräuche des traditionellen Judenthuins übergießt, nicht gemerkt zu haben. Red. d. „Israelit.") O e st e r r. - ll n g a r. M o n a r ch i e. Budapest, (>. März. Prinz Friedrich Waldenburg, der eine Tochter Don Karlos heirathete, hat gegen seinen Secrctär, den ehemaligen Rabbinatskandidaten Dr. A. Freund die Anzeige wegen Betrugs, Erpressung. Wucher und Veruntreuung erstattet. Der Gerichtshof fand die Klage ganz unbegründet und fällte einen Einstellungsbeschluß, wogegen aber der Prinz appellirte. Die königliche Tafel hat nun in zweiter Instanz dieses llrtbeil bestätigt. Presrbnrg, 7. März. Ueber Anordnug des Kultusministers wurde an der hiesigen Rabbinerschule ein obligater Lehrkurs für ungarische Sprache, Geschichte und Litteratur eingeführt. Dieser Tage hat der königl. Schulinsveltor den diesbezüglichen Unterricht infpicirt und nahm Gelegenheit, feine vollste Anerkennung über die erzielten Resultate auszudrücken. Diese Fortschritte in den profanen Disciplinen der Jeschiba-Zöglinge verdienen unisomehr hervorgehoben zu werden, als für diesen Lehrkurs offiziell nicht mehr als 4 Stunden wöchentlich verwendet werden. Die Hauptbeschäftigung bleibt immer Schas und Poßkim. Frankreich. Paris, 8. März. Die Rettung zahlreicher Kunstwerke bei dem Brande der,.Cninöckiv fram;aiseM ist nach dem „Temps" den Herren Bernheim und Baron Henri Rothschild zu verdanken, die mit Soldaten und der Polizei eingriffen, um die Gemälde und Büsten der Fenstergalerie nach der Auswahl des Werthes und mit Sorgfalt hinauszubefördern.