Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 18 (28.2.1900)
- Date
- 1900-02-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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41. Jahrgang. Israelit. Ein Kentrat-Hrgan für das orthodoxe Zudenlhum. Begründet von Dr. ITeljmsnm in HStnittf. Mittwoch, den 28. Februar 566« (I960). Leitender Artikel. Ksjlale Ktrelszüge d«rih die Thora. Von Rabbiner Dr. Max Beermann—Insterburg. Die strahlende Sonne des„socialen" Jahrhunderts — das ist ja das schmückende Beiwort, mit dem unsre Schlagwörter liebende Zeit sich selbst charakterisiert — ging zur Neige, aber es sind keineswegs zufriedene Menschen, die ihren Abendstrahlen nachblicken. Die großartigen Erfindungen und Entdeckungen der Gegenwart auf allen Gebieten menschlichen Wissens und Wirkens haben in den Herzen kein Glücksgefühl hervorgerufen, und das nach Frieden sehnende Gemüth sucht ein Heil, das es nimmer zu finden scheint. Im Grunde der Zeit gährt und wühlt es, wir hören das Dröhnen dumpfer Erschütterungen und werden von Sorge erfüllt, weil wir schwere Wetter am Horizonte Heraufziehen sehen. ' Haß und Feindschaft chat die Kulturmenfchheit in zwei Lager gespalten, im grimmen Vernichtungsdrange stehen sie unter feindseligen Bannern gegenüber und keines will die Wahlstatt früher verlassen, als bis der Gegner überwältigt ist: hier die Besitzenden, für die bestehende Ordnung kämpfend, weil diese ihnen ruhiges Genießen gestattet, dort die Enterbten, die nichts zu verlieren und viel zu gewinnen haben, und daher die Neugestaltung aller Verhältniffe anstreben. Hoch aber über den Sphären, in denen dies Ringen stattsindet und die Geister rücksichtslos und ungestüm gegeneinander stürmen, wo der Kamps oft mit vergifteten Waffen und keineswegs immer sittlichen Mitteln geführt wird, hören wir das Wehen und Walten jenes Gott entstammten Geistes der Liebe, welcher den Darbenden Linderung und den Genießenden Mahnung spendet. Wollen wir den Strebungen dieses Geistes nachgehen, der eine friedliche Lösung der socialen Frage und eine unblutige Schlichtung der durch sie hervorgerufenen Gegensätze erzielen will, wollen wir sein Wesen und seinen Gehalt in voller Reinheit kennen lernen, so gilt es, ihn an seiner Quelle aufzusuchen, in der Litteratur des Volkes, dem die gesittete Menschheit ihre erhabensten religiös-sittlichen Ideale verdankt, in der Thora. In knapper Darstellung wollen wir die Wege aufzeigen, die die heilige Lehre zur Ueberbrückung der socialen Gegensätze vorschlägt. Die Thora des Ewigen kennt und würdigt die innige und natürliche Freude am redlich erworbenen Besitz. Wie sie die ehrlich erungene Habe schützt — ganz im Gegensatz zu der kommunistischen Paradoxie: „Eigenthum ist Diebstahl" — so liegt es ihr fern, die Armuth als solche in ebionistischer Weise zu verherrlichen. Vielmehr gilt irdisches Gut als ein Segen Gottes iftn nsnx nx nriv': „Er wird dir öffnen seinen guten Schatz, den Himmel, und wird segnen das Werk deiner Hände." Das hohe Zukunftsbild menschlicher Glückseligkeit auf Erden, von dem die heiligen Urkunden in so glühenden Farben sprechen, hebt den Einzelbesitz nicht auf, vielmehr soll jeder sein eigenes ausreichendes Theil an den Gütern der Erde haben, psi injxn nnm -:b: nnr tr>x "tnna „ein jeder unter seinem Weinstock und ein jeder unter seinem Feigenbaum" ist die beglückende Verheißung. Jeder soll so viel haben, als er braucht; eine möglichst vollkommene Ausgleichung der Vermögensunterschiede wird die Zeit des Heils bringen. Einen möglichst gleichen Besitzstand Aller zu erreichen, ist auch das Ziel der socialen Gesetze für den in Palästina zu begründenden Bauernstaat. Es soll die Bildung von großen Latifundien, die Ansammlung von Grundbesitz auf der einen Seite und die Mehrung des Proletariats, der Besitzlosen, auf der andern Seite vermieden werden. Wie jede Stammfamilie bei der Auftheilung des kanaanikischen Landes ihren Antheil am Boden erhielt, so strebt die Gesetzgebung die Erhaltung und Beschützung des väterlichen Erbes auch bei den späteren Geschlechtern an. Jeder jüdische Grundbesitzer hat von Gott, als dem König des Landes, ein Stück Erde zum