Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 16-17 (22.2.1900)
- Date
- 1900-02-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449066--50134-2500570- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
315 Feuilleton ZIcrch einer Wrtßven Wegebenl)eiL. 41 Non Friedrich Rott. „Aber mein Gott, warum willst Du denn nichl essen? - Bist wohl gar beleidigt, >veil ich gelacht habe? Wer lvird so empfindlich sein, das ist nicht schön. Elsa." Sie verstand ihn nicht und blickte fragend zu ihm ans. Er streichelte ihr die glühenden Wangen. „Komm Elsa, sei ein artiges Kind, ist Dein Hühnchen." Sie schüttelte abermals den Kops. „Du lvillst nicht? - Aber Du bist doch hungrig. So sage mir wenigstens, warum Du nicht essen >villst?" „Weil Sie tein Jude sind," ernüederte das Kind leise. „Weil ich kein Jude bin? -- Ra, daraus mag der Kutut klug lverden, ich kann's nicht. Zuerst lvillst Du nicht esien, weil Dll fürchtest, ich lväre ein Jude, und jetzt sagst Du, das; Du nicht essen lvillst, lveil ich kein Jude bin? - Wie soll ich das verstehen?" „Der Herr Baron haden die Jrage des Kindes mißverstanden," fiel der Berlvalter ein. „Mag sein, haben Sie sie denn verstanden?" „Ich glaube >vohl. Die Kleine scheint nämlich Jüdin zu sein und zwar zu den Strenggläubigen zu zählen, die nichts geniesten, lvas nicht rituell zubereitet worden." „Herr Gott, mir scheint, Sie haben recht! Doch nein, das ist undenkbar, so'n kleines Ding sollte aus religiösen Gründen hungern, ivcnn es die verlockendsten Speisen vor sich hat?" - Der Verwalter zuckte die ''Achseln. „So unglaub lull cscheint, ich bin überzeugt, das; es so ist." Er trat zu dem kleinen Mädchen, faßte ihm unter das Kinn, das gesenkte Köpfchen ein wenig hebend. „Rieht wahr. kleine Elsa, Du bist Jüdin?" Sie bejahte durch Kopfnicken. „Und Du nüllst das Hühnchen nicht essen, weil Du nicht weißt, ob es vorschristsmästig geschächtet ist?" „Ich darf es ja nicht essen," entgegnete die Kleine balvlaut mit einem scheuen Blick auf den Baron, dessen Lachen sie eiugeschiichtert halte, „der liebe Gott hat e-' dock; verboten." „Woher lveistt Du das?" forschte Hugo, „bat der liebe Gott Dir gesagt, daß Du es niebt essen sollst?" „D nein," erlviederte Elsa lächelnd, „die Mutter hat es mir gesagt und der Vater auch." „Und der liebe Gott hat es Deiner Mutter ge sagt?" „Auch nicht," versetzte das Kind, den Kopf schüt telnd, „das ist schon sehr, sehr lange her, daß der liebe Gott das gesagt hat. da hat die Mutter noch gar nicht gelebt, und der Vater auch nicht." „Aber lvoher konnten denn Deine Eltern wiffen, daß er es verboten hat?" „Weil ihre Eltern es ihnen gesagt haben," erklärte die Kleine mit drollig ernster Miene, und denen haben es auch die Eltern gesagt, und denen auch, und immer haben es die Eltern den Kindern gesagt —" „Und Du wirst es vermuthlich Deinen Kindern auch sagen," fiel Hugo belustigt ein. „Ganz gewiß," erlviederte sie mit unerschiitterlichem Ernst. Der Baron lachte lallt auf. „Du bist ein ge llingenes Kind." sagte er, indem er seinen Kopf mit beiden Händen nahm und an sich drückte, „und brav oist Du auch, man könnte beinahe Hochachtung vor Dir habeil. Aber jetzt sei auch gescheidt und iß, der liebe Gott min auch nicht haben, daß Du verhungerst." „Ich brauch doch nicht zu verhungern, ich kann ja Brod essen." Der Baron lachte nicht mehr, mit unverhohlener Beiolmderullg betrachtete er das kleine, charakterfeste Mädchen. „Werner, wie gefällt Ihnen das? - Was glaliben Sie. würde Mama dazu sagen?" „Die Iran Baronin lvürde es vermuthlich jüdische Verstocktheit nennen." „Sie können lvahrhaftig Recht haben." erlviederte der Baron erröthend, „aber ich gestehe Ihnen offen, mich hat es gepackt. - Aber das Kind must doch etwas effen, ich lverde sofort - " „Wollen sich oer Herr Baron nicht bemühen, Brod und Butter ist hier im Schränkchen, ich werde dem kleinen Jräulein sofort ein Blitterbrod serviren - Hier liebe Kleine, nimm und lasse es Dir schmecken." „Danke," sagte das Kind, griff hastig nach dem Daraereichteu und begann sofort niit sichtlichem Appe tit zu effen. Hugo wandte tein Allge von ihiil. „Ob das nun Sinn hat oder Unsinn ist, das ist gleichgiltig - eine geradezu staunenswerthe Standhaftigkeit in diesem zarten Alter. Ob lvohl je ein Kind mit arischem Geblüt derartige Ebaratterfestigkeit zeigen lvürde?" „Ich zweifle," versetzte Werner, „ich »löchte mir jedoch die Bemerkung erlauben." fügte er leiser hinzu, indem er zum Jenster trat, lvohin der Baron ihm folgte, „daß es sehr ivünschenslverth lväre, lvenn die Rationalität des Kindes loäbrend seines Hierseins nicht bekannt lvürde " „Der Ansicht bin ich auch," stimmte Hugo bei, „wenn es eine Hottentottin lväre oder zu den Zulutaf fern gehören lvürde, da dürfte es sogar Lust zll Men schensleisch baden, es lvürde ihm nicht übel genommen lverden aber eine Jiidin, die nickt einmal ein Stück eben Huhn eff eil will . Sie haben recht, seine atio nalität darf hier nicht bekannt werden. Aber von lvas lvird das Kind leben?" „Dafür lvird meine Iran sorgen, intf Bulterbrod und Milck kann ein Kind schon einige Sage auskom I men zur Roth auch länger. Rieht lvahr Marie?" wandte er sich an die eben Eintretende, „ein Kind —"