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Der Israelit · 1900-01-25 · Heft 8 (25.1.1900) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 8 (25.1.1900)
Date
1900-01-25
Page
– (sequence 30)
Language
German
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wenn die öffentliche Concession zur Errichtung einer Schule ohne Einschränkung verliehen, der Vorsteher der Schule auch verpflichtet sei, die Concession in demselben Sinne weiter zu führen. Aber das stehe der Leiterin jedenfalls nicht zu, jüdische Eltern, die wegen der Nähe oder der besonderen Vorzüge der Schule den Wunsch haben, ihr Kind in diese Schule zu bringen, durch die Stellung der mehrerwähnten Bedingung in die Versuchung zu führen, daß das Kind dem jüdischen Glaubene entzogen und der Zwiespalt in die Familie getragen werde. Sollen die Eltern den Kindern klarmachen, daß das, was sie in der Schule von christlicher Religion hören, für sie null und nichtig sei, oder wollen sie außerhalb der Schule den Kindern jüdischen Religionsunterricht geben lasten, um den Einfluß zu paralysiren? In jedem Falle erweise sich das Verhalten der Schulleiterin als ein unpädagogisches. Das Schreiben enthalte außerdem, wie aus den Maßnahmen der hier in Frage kommenden Eltern sich ergebe, ein beleidigendes Ansinnen. Er würde es als einen Erfolg der Oeffentlichkeit der Verhandlung ansehen, wenn die Juden daraus die Lehre zögen, ihre Kinder nicht solchen Schulen zuführen zu wollen, in denen ihnen derartige Zumuthungen gestellt würden. Die Juden sollten derartige Schulen meiden und ihre Kinder den städtischen Schulen zuführen, damit bei eintretender Ueberfüllung der letzteren neue städtische Schulen errichtet und auf diese Weise der bestehenden Kalamität abgeholfen würde. Es sei nur zu wünschen, daß die Kommission mit möglichster Beschleunigung die Angelegenheit weiter verfolge. Herr Leonhard Sachs kann siche den Ausführungen des Vorredners durchaus anfchließen und glaubt auch im Namen seiner Freunde sagen zu können, daß sie ganz auf dem Standpunkte stehen, der von den Discussionsrednern eingenommen worden sei. Es könne nur heilsam wirken, wenn die jüdischen Gemeindemitglieder erfahren würden, wie die Sachen liegen. Er glaube aber behaupten zu können, daß die Allgemeinheit an diesem Briefe einen großen Theil der Schuld trage, und er würde sich freuen, wenn die Deffentlichkeit der Verhandlung dahin führen würde, daß die Eltern sich endlich der schweren Aufgabe und der Pflichten ihren Kindern gegenüber bewußt und die Verantwortlichkeit fühlen würden, die sie dadurch übernehmen, daß sie ihre Kinder solchen Schulen ausantworten. Damit war die Debatte erschöpft. Der Antrag des Ausschusses auf Einsetzung einer gemischten Deputation wurde einstimmig angenommen und die für dieselbe vorgeschlagenen Mitglieder der Repräsentanten- Versammlung gewählt. Dem weiteren Fortgang dieser Angelegenheit, über welche wir die Leser auf dem Laufenden erhalten werden, darf man mit großem Jntereffe entgegensehen. S. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Marokko. Dem Reisebrief eines Correspondenten des „Berliner Tageblatt" aus Marokko entnehmen wir folgende interessante Details über die in letzter Zeit so arg heimgesuchten und unglücklichen Juden von Mnrakkesch: „Die Zahl der Juden mag etwa 10,000 betragen. Es ist dies ein in vielfacher Beziehung äußerst interessantes Völkchen, das zweifellos den brauchbarsten, tüchtigsten und fleißigsten Theil der Bevölkerung Marokkos darstellt. So sehr auch der fanatische Maure den Juden haßt und verachtet, entbehren kann er ihn doch nicht, denn ohne die Juden gäbe es überhaupt weder Handel, noch leistungsfähige Gewerbe in Marokko. Es ist gewiß nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, daß die maurischen Juden die althebräischen Traditionen am strengsten erhalten haben. Besonders ernst wird die Sabbatseier genommen, die von Freitag Abend bis Samstag Abend dauert. Alle Geschäfte sind dann geschlossen, und jede Erwerbsthätigkeit ruht vollständig. Gegessen wird ausschließlich die Dasina, eine schon am Freitag gebackene und schwer verdauliche Pastete, deren Bestandtheile Weizengries, Eier, Fleisch, Bohnen, Oel und Piment bilden. So lange man nicht religiösen Gebeten und Gesängen obliegt, sitzt man den ganzen Tag über in dem mit zahlreichen Stühlen ausgestatteten Putzzimmer u. erwartet hier die Besuche seiner Freunde und Bekannten, oder stattet selbst solche ab. Die Frauen tragen dabei in grellbunten Seidengewändern, überreichen Stickereien und kostbarem Schmuck ein Vermögen zur Schau. Die guten Eigenschaften des jüdischen Volkes sind in Marokko besonders ausgeprägt, namentlich Familiensinn und gegenseitiges Zusammengehörigkeitsgefühl. Mit den Fehlern verhält es sich freilich ebenso." Von besonderem Interesse ist die Mittheilung, die derselbe Correspondent über die Thätigkeit der englischen Mission in Marrakesch macht: „Ein angesehener deutscher Kaufmann aus Mogador (Jude) erkrankte Hierselbst schwer an Dyssenterie und wurde zunächst von zwei Landsleuten sorgsam gepflegt. Als letztere aber ihre Abreise nicht länger mehr hinausschieben konnten, ließen sie den Kranken in die englische Mission schaffen. Hier aber hielt man demselben zunächst eine Bibel vor mit dem Bemerken, daß seine Aufnahme nur dann stattfinden könne, wenn er sich zum Christenthum bekehre. Der Bedauernswerthe ließ sich daraufhin ins Mellah zurücktragen und genaß hier unter der sorgsamen Pflege maurischer Juden. Achnliche Beispiele könnte ich noch mehrfach anführen. Aus dem obigen aber wird Jedermann selbst zur Genüge beurtheilen können, wie es mit der christlichen Nächstenliebe der englischen Missionäre in Marokko beschaffen ist." Verantwortliche Redaktion: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Aktien-Gesellschaft in Mainz.

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